«Nicht jede Formulierung war gelungen»: 

netzeitung.deJustiz prüft Sarrazins türkenfeindliche Tirade

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«Nicht jede Formulierung war gelungen» 

Lupe Justiz prüft Sarrazins türkenfeindliche Tirade

Berlins Ex-Senator hat mit abfälligen Äußerungen vor allem türkischstämmige Einwanderer schwer verärgert. Jetzt entschuldigte sich Sarrazin und gab sich selbstkritisch. Das Interview ist derweil auch ein Fall für Staatsanwälte.

Nach der großen Empörung über Berlin-kritische Äußerungen in einem Interview hat sich Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin am Donnerstag entschuldigt. In einer Pressemitteilung erklärte der frühere Berliner Finanzsenator, sein Anliegen beim Interview von «Lettre International» sei gewesen, die Probleme und Perspektiven Berlins anschaulich zu beschreiben.

«Die Reaktionen, die mein Interview in 'Lettre International' verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war», gab sich Sarrazin selbstkritisch. Es sei aber nicht darum gegangen, «einzelne Volksgruppen zu diskreditieren. Sollte dieser Eindruck entstanden sein, bedauere ich dies sehr und entschuldige mich dafür.»

Sarrazin hatte in dem Interview unter anderem gesagt, Berlin sei belastet von «der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlamp-Faktor». Ein Problem sei, «dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden». Aber «türkische Wärmestuben» könnten die Stadt nicht voranbringen. Große Teile der türkisch- und arabischstämmigen Bevölkerung in Berlin seien «weder integrationswillig noch integrationsfähig», wurde Sarrazin zitiert.

Er sagte zudem: «Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären, mit einem 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.»

Bundesbank distanzierte sich in deutlichen Worten
Weiter wurde er mit den Worten zitiert: «Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.» An anderer Stelle heißt es: «Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (...) hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht.»

Sarrazin erklärte, er habe als Berliner Bürger und ehemaliger Finanzsenator seine private Meinung geäußert, nicht aber für die Bundesbank gesprochen. «Ich bedauere, wenn es diesbezüglich zu Missverständnissen gekommen ist.» Die Bundesbank hatte sich am Mittwoch «entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin» distanziert. Sarrazin versprach, angesichts seiner Stellung bei der Bundesbank werde er «in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen».

Nicht zum ersten Mal angeeckt
Zuvor hatte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, von Sarrazin eine Entschuldigung verlangt. «Das ist unerhört», empörte sich Kolat. «Die Bundesbank sollte sich Gedanken darüber machen, warum sie so einen Menschen in ihren Reihen beschäftigt.» Auch der Vorstandsvorsitzende der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung (TDU), Hüsnü Özkanli, und der Sprecher des Türkischen Bunds Berlin-Brandenburg, Safter Çinar, reagierten entrüstet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte Sarrazin ebenfalls scharf.

In der Berliner Zeitung «B.Z.» hatte Sarrazin bereits eine erste Entschuldigung versucht. «Ich verstehe meine Aussagen als eine Liebeserklärung an Berlin», sagte er. «Was man liebt, betrachtet man auch besonders sorgsam und mit scharfem Auge.»

Ob ihm diese Erklärung nützt? Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt in der Sache jedenfalls wegen des Verdachts der Volksverhetzung, wie die «Berliner Morgenpost» berichtet. Bei den Sicherheitsbehörden hieß es am Donnerstag, es gebe einen Anfangsverdacht. Bei dieser ersten Stufe von Ermittlungen wird geprüft, ob es tatsächliche Anhaltspunkte für eine strafbare Handlung gibt. Erst dann wird entschieden, ob das Ermittlungsverfahren weitergeführt wird.

Schon in den vergangenen Jahren sorgte Sarrazin immer wieder für Eklats. Er ließ ausrechnen, dass man sich von dem Hartz-IV-Essenssatz von vier Euro gut ernähren könne. Angesichts teurer Heizungskosten forderte er den Griff zum dicken Pullover. Grund für das ständige Anecken sei seine Offenheit, meinte der langjährige Finanzpolitiker einmal: «Es ist mein Wesen, dass ich sage, was ich denke». (dpa/AP/nz)