11.08.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Letzter Ausweg Ärsche, Busen, Provokation
Im Berliner Stadtteil Kreuzberg überbieten sich die Direktkandidaten der Parteien mit originellen Wahlplakaten. Bei der Linken geht da einiges in die Hose, und bei der CDU zeigt Merkel viel nackte Haut. Sie wusste nichts davon.
Die «Berliner Zeitung» dachte zunächst an einen Scherz und war dann umso verblüffter, als sich das Wahlplakat als ernst gemeint herausstellte, die «
Financial Times» schreibt von einer «Busenfreundin Merkel»,
Shortnews.de von einem «Oberweiten-Plakat», das die CDU verärgere.
Dass die Berliner CDU-Politikerin Vera Lengsfeld das «verrückteste Wahlplakat» (
Stern.de) erdachte, drucken ließ und aufhängte, bringt dem dahindümpelnden Wahlkampf einiges an Würze - und der bisher recht unbekannten Kandidatin in einem Wahlkreis, den zwei Mal hintereinander Grünen-Veteran Hans Christian Ströbele gewonnen hat, einiges an Aufmerksamkeit.
Wer's noch nicht gesehen hat: «Wir haben mehr zu bieten», behauptet Lengsfeld auf ihrem Plakat und lässt kaum Zweifel aufkommen daran, was dieses «Mehr» sein könnte: Die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin zeigt sich mit weit ausgeschnittenem Oberteil und Perlenkette. Und für alle, die diese Anspielung nicht gleich begreifen, ist direkt daneben die Frau abgebildet, die einst in Oslo genau so aussah: Kanzlerin Angela Merkel. Die Rechte an deren legendärem Dekolleté-Foto hat Lengsfeld für einige hundert Euro erworben und es - ohne Rücksprache mit Merkel selbst - für ihre Wahlkampfzwecke eingesetzt.
Arsch in der Hose«Ich weiß, dass ich in diesem speziellen Wahlkreis mit einem normalen Plakat untergehen würde», sagt Lengsfeld auf Nachfrage von Stern.de. Damit zumindest hat sie Recht. In Friedrichshain-Kreuzberg gewinnen Grüne die Wahlen, vielleicht auch mal die SPD. Aber CDU? Lange nicht mehr. Ströbeles Plakate im Comic-Stil sind fast überflüssig angesichts der Zustimmung, die er bei den vergangenen Bundestagswahlen erhielt. Aber auch SPD-Direktkandidat Björn Böhning kann mit einigen Stimmen rechnen. Er wirbt mit einem stilisierten Porträt, das an Wahlposter von Barack Obama erinnert.
Wo Lengsfeld den Blick auf die obere Region ihres Körpers lenkt, verschiebt sich bei der Kandidatin der Linkspartei Wawzyniak die Perspektive nach unten: «Mit Arsch in der Hose in den Bundestag» verkündet sie auf ihrem Plakat und zeigt ein Hinterteil in enger Hose. Auch sie hat in dem Wahlkreis nichts zu verlieren, weil sie nicht gewinnen kann.
Blöde SituationNichts verlieren, nichts gewinnen, nichts bewegen, das ist eine blöde Situation für Politiker. Doch das Nach-vorne-Preschen mit vermeintlich witzigen Plakaten ändert diese Situation nicht zwingend. So hat Lengsfeld jetzt zwar viel, viel mehr Besucher auf ihrer Wahlblog-Seite im Internet und nennt ihr Plakat einen «vollen Erfolg», den sie so bemisst: «Bei der Anzahl der Besucher relativiert sich die Anzahl der gehässigen Kommentare.» Da ist jedoch nicht die etwas verschnupfte Reaktion aus der CDU-Zentrale miteingerechnet, und dass es überhaupt eine Menge gehässiger Kommentare als Reaktion auf das Busen-Plakat gibt, ist ebenfalls nichts, was fröhlich stimmt.
Eine Kostprobe: Wahlblog-Besucher «Peter» schreibt am 11. August um 8 Uhr morgens: «Ich weiss nicht, ob das Plakat förderlich ist. Sie hat zwar dadurch Aufmeksamkeit erreicht, aber für mich ist das ein Schlampenplakat.» User «Chris» meint: «Es ist doch ziemlich armselig, dass man versucht ein paar notgeile Männer mit 'oben ohne' Plakaten für sich zu gewinnen.» Und «Ute» sagt: «Lächerlich.»
Es gibt auch positive Bemerkungen, die die anderen flankieren. Dennoch bleibt die Frage, die Wahlblog-Besucher Thomas Petruo formuliert: «Haben wir keine anderen Sorgen??» Oder abgewandelt: Haben Politiker eigentlich auch noch Inhalte, für die es sich zu werben lohnt? (nz)