07.07.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Das AKW Krümmel bleibt einige Monate außer Betrieb
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Jetzt erst recht, sagen führende Unionspolitiker nach dem Störfall im AKW Krümmel. Sie kündigen unbegrenzte Laufzeiten für Atomkraftwerke an, sollte Schwarz-Gelb die nächste Regierung bilden - sogar für Krümmel.
Der Energiekonzern Vattenfall hat drei Tage nach der Panne im Kernkraftwerk Krümmel Versäumnisse eingeräumt und personelle Konsequenzen gezogen. Ersten Untersuchungen zufolge war eine vorgesehene Überwachungseinrichtung des Maschinentransformators, die sogenannte Teilentladungsmessung, vor dem Wiederanfahren des Atomkraftwerks (AKW) nicht installiert worden. Der bisherige Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht wurde von seinen Aufgaben entbunden. Zudem kündigte der Konzern am Dienstag an, die beiden Trafos nicht zu reparieren, sondern durch neue zu ersetzen. Das AKW werde deshalb mindestens mehrere Monate vom Netz getrennt bleiben.
Die Union will nach Angaben des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger im Fall eines schwarz-gelben Wahlsieges unbegrenzte Laufzeiten für Atommeiler durchsetzen. «Für alle Kernkraftwerke, die dem Stand der Technik entsprechen, werden wir die Laufzeitbeschränkungen aufheben», sagte der CDU-Politiker dem «Hamburger Abendblatt». Die Reaktoren müssten in Betrieb bleiben, solange sie zuverlässig Strom lieferten, damit die Abhängigkeit von anderen Ländern nicht noch größer werde.
Damit geht Oettinger über die bisherigen Ankündigungen von CDU und CSU hinaus. In ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl bezeichnet die Union die Kernenergie lediglich als «Brückentechnologie». Die Laufzeiten sicherer Kernkraftwerke sollen demnach verlängert werden, bis es genügend klimafreundliche und kostengünstige Alternativen gibt. Ein Termin dafür wird allerdings nicht genannt.
«Ungeprüfte Stilllegung wäre falsch»Zweifel von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an der Sicherheit deutscher Atomkraftwerke wies Oettinger als «durchsichtiges Wahlkampfmanöver» zurück. Zugleich lehnte er es ab, das Kernkraftwerk Krümmel nach wiederholten Störfällen vom Netz zu nehmen. «Es wäre falsch, jetzt ungeprüft die Stilllegung von Krümmel zu fordern. Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, ist Krümmel ein Kraftwerk mit Zukunft», sagte der CDU-Politiker.
Die Panne im Atomkraftwerk Krümmel ist für CDU-Vizechefin Annette Schavan ein Einzelfall. Die Forschungsministerin sieht keine akuten Sicherheitsgefahren in den deutschen Atommeilern und dringt weiter auf längere Laufzeiten, bis Öko-Energien genug ausgebaut sind. «Wir brauchen die Verlängerung der Laufzeiten dringend», sagte Schavan. Sie wies den Vorstoß von Umweltminister Gabriel zurück, den Ländern die Atomaufsicht zu entziehen. In Krümmel bei Hamburg hatte ein Kurzschluss in einem Transformator verhindert, dass das Kraftwerk nach zweijährigem Stillstand wie geplant ans Netz ging.
«Gabriel konstruiert eine Kernschmelze»CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer warf Gabriel vor, die Panne im Atomkraftwerk Krümmel politisch auszunutzen. «Wenn irgendwo im konventionellen Teil eines Kernkraftwerks ein Trafo durchbrennt, dann wird von Gabriel daraus gleich eine Kernschmelze konstruiert», sagte Ramsauer den «Nürnberger Nachrichten». Dabei gebe es keine technische Anlage in Deutschland, die permanent und so intensiv kontrolliert werde wie ein Kernkraftwerk.
SPD-Fraktionschef Peter Struck hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vorgeworfen, vor der Atomlobby einzuknicken. Es sei absurd, so zu tun, als gingen in Deutschland bei einem Abschalten von Atomkraftwerken die Lichter aus, sagte Struck der in Hannover erscheinenden «Neuen Presse» Struck fügte hinzu: «Abgeschriebene Kernkraftwerke sind Gelddruckmaschinen für die Betreiber. Es geht um Profit und um sonst nichts.» Merkel, Union und FDP seien mit ihrer «sturen Forderung nach längeren Laufzeiten auf einem hochgefährlichen Kurs», so der SPD-Politiker.
Der Atomexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Mathias Edler, kritisierte, dass Bundeskanzlerin Merkel trotz der Pannen an der Atomkraft festhalten will und nannte dies zynisch. «Merkel muss sich entscheiden, ob sie ihren Amtseid, Schaden vom deutschen Volk zu wenden, ernst nimmt, oder ob es ihr weiter wichtiger ist, die Atomlobby zu unterstützen», erklärte er. «Atomkraft ist gefährlich, teuer, blockiert den Klimaschutz und die Schaffung neuer Jobs in den erneuerbaren Energien.»
«Große Störung könnte folgen»Die neue Panne im Kernkraftwerk Krümmel hat die Hannoveraner Physikerin Oda Becker nicht überrascht. So sei die Ursache für die Störung vor zwei Jahren nicht vollständig aufgeklärt worden, sagte die Dozentin der Fachhochschule Hannover. Schon damals sei in einer Studie eine schlechte Wartung des Reaktors und ein schlechter Schulungsstand des Personals festgestellt worden. «Fehlern, die passieren, wird nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt», kritisierte Becker. Auch kleinste Pannen müssten ernst genommen und vollständig aufgeklärt werden, sagte die Expertin. Es bestehe die Gefahr, dass «auf viele kleine eine große Störung folgt».
Insgesamt sei in alten Anlagen die Wahrscheinlichkeit von Kurzschlüssen größer. Becker erinnerte an den Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark 2006. Dort waren nach einem Ausfall der Stromversorgung zwei der vier Dieselaggregate zur Notstromversorgung nicht wie geplant automatisch angelaufen. «Auch hier lag im Vorfeld manches im Argen.» (AP/dpa)