Union soll Atompolitik überdenken: 

netzeitung.deSPD forciert AKW-Streit nach Krümmel-Panne

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Proteste vor dem Kernkraftwerk Krümmel (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Proteste vor dem Kernkraftwerk Krümmel
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die schleswig-holsteinische SPD-Ministerin Trauernicht äußert ernste Zweifel an der Eignung des Betreibers, Bundesumweltminister Gabriel attackiert die Union: Das AKW Krümmel hat abermals mehr ausgelöst als nur einen Stromausfall.

Nach der erneuten schweren Panne im norddeutschen Atomkraftwerk (AKW) Krümmel nimmt die zuständige Atom-Aufsichtsbehörde in Kiel den Betreiber Vattenfall in die Mangel und im Bund drängt die Union zu einer Abkehr von ihrer bisherigen Atompolitik.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kündigte eine härtere Gangart bei der Kontrolle der Atomanlagen an und forderte die Union zur Umkehr in der Atompolitik auf. Die schleswig-holsteinische Ministerin Gitta Trauernicht erklärte, sie habe eine erneute Zuverlässigkeitsprüfung veranlasst. «Das Unternehmen hat die Verantwortung für einen sicheren Betrieb des Kernkraftwerks», sagte die SPD-Politikerin. Mit anderen Worten: Trauernicht bezweifelt, dass der schwedische Konzern die gefährliche Technik im Griff hat.

«Ich fordere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Interesse der Sicherheit der Bürger auf, ihren Kurs aufzugeben», sagte Gabriel. Die jüngsten Vorfälle in Krümmel bewiesen, dass eine Laufzeitverlängerung für ältere Kraftwerke unverantwortlich sei. Unionsfraktionschef Volker Kauder wies die Forderung Gabriels zurück. «So lange Kernkraftwerke sicher sind, sollen sie auch laufen können», sagte der CDU-Politiker dem «Hamburger Abendblatt». Gabriels Forderung führe nur zu einer weiteren Erhöhung der Strompreise.

Wahlkampfthema AKW
Pech für Vattenfall: In zwei Monaten ist Bundestagswahl, und die SPD braucht ein zündendes Wahlkampfthema. Der Kampf gegen die Atomkraft könnte die Partei aus dem Umfragetief bringen, mutmaßen bereits die ersten Genossen. Richten könnte es nun die langgediente SPD-Frau Trauernicht - mit tatkräftiger Unterstützung von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, der nach dem Störfall am Wochenende eine mediale Großoffensive zum Thema Atomenergie startete.

Trauernicht ist eigentlich Sozialministerin in der Großen Koalition. Aber seit die SPD 1988 in Kiel an die Regierung kam, liegt die Zuständigkeit für die Atomaufsicht stets in SPD-Ministerien. Und seitdem piesacken die SPD-Minister die drei Atomkraftwerke im Land mit Auflagen, Anfragen, Kontrollen und Kritik.

Viel gebracht hat die sozialdemokratische Anti-Atom-Front allerdings konkret nicht: Die AKWs laufen immer noch. Für den am schlimmsten von Pannen geplagten Reaktor Krümmel rechnet Betreiber Vattenfall mit acht bis neun weiteren Betriebsjahren. Wenn es kritische Prüfberichte gab, hat Vattenfall stets die Geldbörse gezückt und teure Reparaturen angeordnet: Die zweijährige Renovierung von Krümmel nach dem Brand von 2007 kostete 300 Millionen Euro für die Arbeiten und rund 700 Millionen Euro Umsatz wegen des Stillstands.

Panne schlimmer als erkannt
Auf einen anderen Punkt ist Trauernicht noch nicht eingegangen: Die Panne vom Samstag war schlimmer als zunächst bekannt. Nach dem ursprünglichen Transformator-Unfall gab es Folgeschäden bei der Schnellabschaltung: Wegen eines defekten Brennelementes kam es zu einer Erhöhung der Radioaktivität im Reaktorwasser. Außerdem kam es zu Problemen bei der Kühlung des Reaktorwasser-Reinigungssystems. Desweiteren war ein Elektronikteil kaputt, das eine Sicherungsmutter steuert.

Die Schnellabschaltung führte in der nahe gelegenen Millionenstadt Hamburg zu massiven Störungen und Einschränkungen. Rund 1500 von 1800 Ampelanlagen fielen vorübergehend aus. Die Wasserversorgung wurde durch ausfallende Pumpen und darauffolgende Wasserrohrbrüche im Westen der Stadt beeinträchtigt; tausende von Hamburgern waren in der Nacht zum Sonntag ohne Wasser. Auch die Aluminiumwerke und die Stahlwerke waren von Stromausfällen betroffen. Geldautomaten funktionierten nicht mehr. Mittlerweile sind alle Störungen wieder behoben.

Teile Hamburgs ohne Strom
Für Greenpeace steht schon fest: «Es stimmt nicht, wenn Vattenfall sagte, nur der nicht-atomare Teil des Kraftwerks sei betroffen gewesen. Das hat sich bis in den Reaktor hineingefressen.»

Vattenfall versucht derweil eine Mischung aus Angriff und Entschuldigung, um das Kontroll-Ministerium sanftmütiger zu stimmen. Der zuständige Geschäftsführer Ernst Michael Züfle entschuldigte sich wortreich für die verspätete Information. Denn das Aufsichtsamt hörte zuerst über die Polizei von dem Zwischenfall, ehe Vattenfall sich selbst meldete. Gleichzeitig wies er den Verdacht zurück, Vattenfall sei ungeeignet für den Betrieb von Atomanlagen. «Wir betreiben seit 40 Jahren ohne größere Störfälle Kernkraftwerke.» (AP/dpa)