Ramstein-Opfer wollen gegen USA klagen
14. Apr 2001 12:26, ergänzt 15. Apr 2001 11:18
Überlebende der Flugzeug-Katastrophe von Ramstein ziehen gegen die US-Regierung vor Gericht. Viele Opfer leiden immer noch an Panikattacken.
MAINZ/RAMSTEIN. Mehr als zehn Jahre nach dem Flugunfall von Ramstein wollen die Überlebenden jetzt die USA verklagen. Sie verlangen eine Entschädigung für psychische Schäden, wie Rechtsanwalt Gerhart Baum am Samstag in einem Interview mit dem Südwestrundfunk (SWR) in Mainz ankündigte.Baum vertritt 82 Opfer. Seiner Ansicht nach waren die Sicherheitsvorkehrungen auf dem US- Militärgelände in Rheinland-Pfalz mangelhaft.
1988 stießen bei einer Flugschau Maschinen einer italienischen Kunstflugstaffel zusammen und stürzten in die Zuschauer. 70 Menschen wurden getötet, 450 verletzt.
Nach einem Bericht der «Bild am Sonntag» will Baum gemeinsam mit dem Berliner Juristen und Luftfahrtexperten Elmar Giemulla die Klage einreichen. Dabei geht es nach Angaben der Zeitung um eine Schadenersatzforderung in Höhe von 50 Millionen Mark für 84 Opfer und Hinterbliebene.
Anhaltende psychische Störungen
«Die Leute waren zu nah dran, es waren keinerlei Schutzvorrichtungen vorhanden», sagte Baum. Ein Sachverständigengutachten belege dies.Die Klage sei die letzte Möglichkeit, den Überlebenden zu ihrem Recht zu verhelfen, sagte Baum, der von 1978 bis 1982 FDP-Bundesinnenminister war. Viele Opfer litten noch immer unter Schlaflosigkeit und Panikattacken. Anders als nach US-Recht gebe es nach deutschem Recht jedoch keinen Anspruch auf Entschädigung für seelische Schäden.
Die Klage gegen die USA könne im Mai oder Juni eingereicht werden, sagte Baum der dpa in Frankfurt. Sie richte sich gegen die US-Regierung «wegen Pflichtverletzung ihrer Bediensteten».
Der Kölner Anwalt will in den USA eine Entschädigung für die psychischen Schäden der Opfer erreichen. Bisher waren die USA dem Anwalt zufolge nur im Zusammenhang mit den getöteten italienischen Piloten in den Fall Ramstein verwickelt.
Bereits Verfahren in Deutschland
Vor deutschen Gerichten kämpfen die Opfer zurzeit ebenfalls um Entschädigung für ihre psychischen Leiden, wie Baum sagte. Vor dem Landgericht Koblenz sei seit November 2000 eine Klage anhängig. Fünf Opfer hätten dort stellvertretend für alle 82 gegen die Ablehnung eines Entschädigungs-Bescheids geklagt. Parallel dazu bemühe man sich jedoch um eine außergerichtliche Einigung mit der Bundesregierung.
Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) habe neue Gelder für psychischen Schäden der Opfer jedoch im April dieses Jahres in einem Brief an ihn abgelehnt, berichtete Baum.
Bisher nur Geld für körperliche Schäden
Bisher wurden in den meisten Fällen die Opfer nur für ihre körperlichen Schäden entschädigt. Auf rund 1500 Anträge hin wurden insgesamt 32 Millionen Mark an Betroffene ausgezahlt. Basis dafür war laut Baum ein Vergleich zwischen den Opfern und der Bundesregierung. Psychische Schäden wurden dem deutschen Recht gemäß nur in Ausnahmefällen abgegolten.
Nach Angaben der Psychotherapeutin Sybille Jatzko, die Ramstein-Opfer betreut, gab es bisher nur Schmerzensgeld zwischen 3000 und 5000 Mark. Den Opfern geht es ihren Worten zufolge nicht in erster Linie um das Geld, sondern um die Anerkennung ihres psychischen Leidens.
Bei einer Flugschau im August 1988 waren zwei Maschinen einer italienischen Kunstflugstaffel auf dem US-Militärflughafen im rheinland-pfälzischen Ramstein zusammengestoßen. Sie rissen ein drittes Flugzeug mit, das brennend in die rund 300 000 Zuschauer stürzte.
31 Menschen wurden sofort getötet, 36 weitere starben später an ihren Verletzungen. Auch die drei italienischen Piloten kamen ums Leben. (dpa)