25.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Brückenentwurf
Foto: Henry Ripke Architekten/AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Schritt war absehbar, doch in seiner Konsequenz macht er Politiker und Kulturschaffende in Deutschland betroffen. Die Aberkennung des Welterbe-Titels für Dresden wird als Blamage für das gesamte Land gesehen.
«Das ist ein sehr trauriger Moment», sagte die Präsidentin des Welterbekomitees, María Jesús San Segundo, sichtlich bewegt. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. Mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit hatten sich die Vertreter des Gremiums zuvor deutlich für den Schritt ausgesprochen. Der Direktor des Unesco- Welterbezentrums in Paris, Francesco Bandarin, ergänzte: «Wir haben heute alle verloren.» Der Titel hätte das enorme Leid, das die Stadt Dresden im Zweiten Weltkrieg erlitten habe, kompensiert.
Es habe der Wille gefehlt, auf die Unesco zu hören, sagte er verbittert. Wenn immer das Gleiche, kein wirklicher Kompromiss angeboten und nicht ernsthaft umgeplant werde, führe das genau zu diesem Ergebnis, sagte Baldarin weiter und reichte Dresden dennoch die Hand: Das Dresdner Elbtal könne sich wieder um einen Welterbetitel bewerben. Ob und wie, das sei Deutschland überlassen.
Bürgerentscheid ließ keinen SpielraumIn Deutschland wird nun auf die Verantwortlichen an der Elbe gezeigt: Für den Deutschen Kulturrat hat Dresdens «Sturheit» dem Kulturstaat Deutschland einen Bärendienst erwiesen. «Deutschland ist in der Welt blamiert», wetterte Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Kulturrates. Wenn Warnungen so konsequent in den Wind geschlagen würden, müsse die Unesco die Konsequenzen ziehen.
Die Dresdner Lokalpolitiker hatten stets auf einen Bürgerentscheid pro Waldschlößchenbrücke von 2005 verweisen. Tatsächlich war das Votum von 67,9 Prozent der Beteiligten für das gut 156 Millionen Euro-Projekt das größte Hindernis für den von der Unesco geforderten Kurswechsel zu einem Tunnel. Eine politische Entscheidung gegen ein demokratisches Votum schien vielen in dem Teil Deutschlands, der sich die Freiheit erst 1989 zurückerobert hatte, unmöglich. Appelle von Bundespolitikern, Institutionen, Künstlern und Prominenten wurden ignoriert.
Gesetz gefordertKulturrat und FDP fordern als Konsequenz ein nationales Ausführungsgesetz zur Umsetzung der Welterbekonvention in Deutschland. Ohne ein solches Gesetz gebe es offenbar kein rechtliches Instrumentarium, um alle Länder und Kommunen zur Einhaltung der Verpflichtungen aus der Unesco-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt anzuhalten, hieß es.
Eva-Maria Stange (SPD), Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und Sachsens Kunstministerin warf der Stadt Dresden vor, «sehenden Auges ins Verderben» gelaufen zu sein. «Das ist ein schwarzer Tag für das Kulturland Sachsen und Deutschland als Kulturnation.» Dagegen sieht Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) die Chance in einer neuerlichen Bewerbung des Dresdner Elbtals um einen Welterbetitel. «Es ist jetzt meine Aufgabe, dafür einen Weg zu finden», sagte Orosz.
Konflikte früher lösenKulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) betonte, dass der Bund sich immer wieder vermittelnd für eine einvernehmliche Lösung des Konflikts eingesetzt habe. Nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes seien in erster Linie Länder und Kommunen zuständig für den Denkmalschutz und für die Bewahrung des Welterbes. Der Bund habe daher keinen direkten Einfluss auf das Dresdner Brückenprojekt nehmen können. «Ich kann daher nur an Länder und Kommunen appellieren, die Unesco bei Bauvorhaben rechtzeitig zu informieren und zu beteiligen. Dann können bereits im Vorfeld Konflikte entschärft werden», sagte Neumann.
Die Deutsche Unesco-Kommission kritisierte Kommunikationsmängel: «Ich hätte mir sehr viel mehr Offenheit auf beiden Seiten für eine Veränderung der Brückenpläne gewünscht», sagte der Präsident der Kommission, Walter Hirche, in Bonn. «Die Konsequenz ist aus meiner Sicht, dass aufkommende Welterbe-Konflikte in Zukunft über eine frühzeitige Mediation gelöst werden müssen.» Die Deutsche Unesco- Kommission biete sich dafür als Mediator an. Das Gremium ist eine Mittlerorganisation zwischen Bundesregierung und Unesco. (nz/dpa)