Strafanzeige gegen Betreiber:
Ermittlungen nach Krebs bei Asse-Mitarbeiter
22.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Ermittlungen nach Krebs bei Asse-Mitarbeiter
Nun ist es offiziell: Das «Versuchslager» Asse diente der Atomwirtschaft Jahrzehnte lang als kostenlose Müllkippe. Nun verdichten sich die Hinweise, dass die Mitarbeiter nur ungenügend geschützt waren.
Nach der Anzeige eines an Krebs erkrankten früheren Mitarbeiters des Atommülllagers Asse hat die Braunschweiger Staatsanwaltschaft jetzt ein offizielles Ermittlungsverfahren eingeleitet. Eckbert Duranowitsch, der an Leukämie erkrankt war, stellte am Montag persönlich Strafanzeige wegen schwerer Körperverletzung. «Seine Angaben waren so schlüssig, dass wir unmittelbar nach der ersten Sichtung die bisherigen Vorermittlungen auf förmliche Füße gestellt haben», sagte Behördensprecher Joachim Geyer. Damit hätten die Ermittler mehr Handhabe.
Duranowitsch hatte von 1987 bis 1990 in der Schachtanlage bei Wolfenbüttel gearbeitet und war 1999 erkrankt. «Ich hatte regelmäßig mit Lauge zu tun, die möglicherweise radioaktiv belastet war», sagte er. Die Verantwortlichen der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung, dem damaligen Betreiber, hätten vermutlich von der Strahlenbelastung gewusst, dafür gebe es mittlerweile «handfeste Indizien». Den Mitarbeitern sei die Gefahr verschwiegen worden. «Mir wurde immer gesagt, dass meine Arbeit völlig ungefährlich sei», sagte Duranowitsch. Der gelernte Maschinenschlosser war für Instrumente verantwortlich, mit denen die Gebirgsmechanik gemessen wurde. Weder er noch andere Mitarbeiter hätten Dosimeter tragen müssen.
Alle Mitarbeiter werden untersuchtDer Staatsanwaltschaft sind nach eigenen Angaben zwei weitere Fälle von Krebserkrankungen ehemaliger Asse-Mitarbeiter bekannt. Derzeit werde geklärt, ob noch mehr Beschäftigte an Krebs erkrankten. Die Strafanzeige richtet sich unter anderem gegen zwei ehemalige Geschäftsführer des ehemaligen Betreibers, des in München ansässigen heutigen Helmholtz-Zentrums, sowie gegen vier Männer, die als Strahlenschutzbeauftragte zuständig waren.
Inzwischen hat das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter die Verantwortung für das Atommülllager in der Asse. Nach Bekanntwerden der Krebserkrankungen werden nun alle ehemaligen und derzeitigen Mitarbeiter auf Strahlenbelastungen untersucht. Damit soll geklärt werden, ob ein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen der Betroffenen und ihren beruflichen Tätigkeiten in der Schachtanlage besteht.
Untersuchungsausschuss soll Vorgänge klärenIn dem ehemaligen Salzbergwerk bei Wolfenbüttel in Niedersachsen wurden zwischen 1967 und 1978 rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen deponiert. Asse galt bisher als atomares Versuchslager, doch wie sich inzwischen herausgestellt hat, ist der Salzstock von Beginn an als Entsorgungsanlage für die Atomwirtschaft geplant worden. Nach einem Briefwechsel von 1969 sicherte die Gesellschaft für Strahlenschutz als Betreiber damals eine erheblich günstigere Entsorgung von radioaktiv belastetem Atommüll als üblich zu, bestätigte das Bundesumweltministerium (BMU). Nach Angaben des BMU entsorgte der Atomkraftwerk-Produzent AEG bis 1975 sogar völlig kostenlos, da die Asse offiziell als Forschungsbergwerk geführt wurde.
Bereits Anfang Juni hatte der Chef des jetzigen Asse-Betreibers Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, Bedenken von Atomkraftgegnern bestätigt und zugegeben, dass die Asse stets als Entsorgungsanlage angelegt war. «Nun haben wir es offiziell», sagte ein Ministeriumssprecher. Er wollte dabei nicht ausschließen, dass der Briefwechsel bereits 1969 in Kopie an das damals zuständige Bundesforschungsministerium gegangen war. An diesem Donnerstag will der Untersuchungsausschuss des Landtags zur Asse mit der Beweisaufnahme beginnen. (nz/dpa/epd)