17.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Studentin in Düsseldorf beim "Bildungsstreik"
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In 80 Städten protestieren heute Schüler und Studenten gegen die Bedingungen ihres Lernens. Die CDU-Ministerin kontert mit europäischen Sachzwängen, verspricht aber Nachbesserungen und ein Gespräch mit jungen Akademikern.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat wenig Verständnis für die derzeitigen Studentenproteste. Im Deutschlandfunk nannte sie die Forderungen der Studierenden am Mittwoch «zum Teil gestrig». Schavan sagte: «Ich bin sehr einverstanden, wenn sich Schüler und Studenten mit dem Bildungssystem beschäftigen. Aber wer streikt, muss auch Fakten zur Kenntnis nehmen. Wer sagt, wir müssen Bachelor- und Masterstudiengänge wieder abschaffen, der nimmt nicht zur Kenntnis, dass Deutschland Teil des europäischen Bildungsraums ist.»
Schavan kündigte an, im Juli zu einer Konferenz einzuladen. Dabei will sie mit Studierenden über die verkürzten Studiengänge sprechen und für mehr Akzeptanz werben. An einigen Stellen müsse nachgebessert werden, räumte die Ministerin an. Generell steckten aber große Chancen in dieser «modernen Struktur».
Gegen Studiengebühren, Bachelor und verkürzte OberstufeDer sogenannte Bildungsstreik der Schüler und Studenten steuert am Mittwoch auf seinen vorläufigen Höhepunkt zu. Geplant sind Kundgebungen in 80 Städten, die vermutlich größten in Berlin, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Schüler wie Studenten fordern dabei mehr Geld für die Bildung. Die Schüler wenden sich außerdem gegen die Schulzeitverkürzung bis zum Abitur. Die Proteste sind Teil des fünftägigen Bildungsstreiks, der am Montag mit Debatten und Besetzungen von Hochschulgebäuden startete. Sie richten sich vor allem gegen Studiengebühren, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master und die verkürzte Oberstufe beim achtjährigen Gymnasium.
Die Vorsitzende des Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), begrüßte die bundesweiten Proteste von Studenten und Schülern. «Die Demonstrationen und Aktionen der jungen Menschen für mehr und bessere Bildung und ihre Rufe nach einer neuen Bildungsoffensive waren längst überfällig», sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Die Protestierenden befinden sich in guter Gesellschaft. Alle Expertisen von Bildungs- wie von Wirtschaftsforschern weisen seit Jahren darauf hin, dass die soziale Auslese im deutschen Bildungssystem nicht länger tragbar ist.»
«Dringender Korrekturbedarf»Die teils massive Kritik der Studierenden an der Verschulung ihres Studiums in den neuen sechssemestrigen Bachelor-Studiengängen bezeichnete Burchardt als völlig berechtigt. «Wir haben in Deutschland dringenden Korrekturbedarf bei der weiteren Umsetzung der Bologna-Reform und der Einführung gestufter Studiengänge.» Dazu gehöre an den Hochschulen «eine echte Reform der Studieninhalte, aber auch eine solide personelle Ausstattung für mehr Lehrqualität».
Auch die Vorsitzende der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, äußerte im ZDF-«Morgenmagazin» generell Verständnis für die Streikenden. Es habe «in der Tat eine tiefgreifende Studienreform» gegeben, und es gebe immer noch Probleme. Die Logik der europaweiten Reform bleibe aber richtig. Laut Wintermantel wechseln immer mehr Studenten nach dem Bachelor- Abschluss innerhalb Europas die Universität, um den Master im Ausland zu machen.
«Keine wirklich gute Strategie»Die «hohe Differenzierung» des zweistufigen Systems sei gut für die Studierenden, sagte die Professorin. Die aktuellen Probleme lägen «daran, dass wir für die Umsetzung weder Geld noch Zeit gehabt haben». Es habe «keine wirklich gute Strategie für die Implementierung der Reform» gegeben. Dennoch seien heute 75 Prozent aller Studiengänge in dieser Struktur organisiert. Wintermantel kritisierte das derzeitige System der Studiums-Finanzierung. Sie sprach sich zwar nicht grundsätzlich gegen Studiengebühren aus, knüpfte die vorbehaltlose Zustimmung aber an ein adäquates Stipendiensystem. Diese Bedingung sei «nicht wirklich erfüllt». (dpa/AP)