26.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Hotel «Resort Berchtesgaden» auf dem einstigen Hitler-Refugium Obersalzberg
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Obersalzberg erweist sich als schweres Erbe für den Freistaat Bayern. Um den Hitler-Tourismus einzudämmen, eröffnete die Landesregierung vor vier Jahren ein Luxushotel - doch die Touristen bleiben aus, das Haus schreibt Millionenverluste.
Es hätte so schön sein können: Mit einem «Zwei-Säulen-Konzept» am Obersalzberg wollte die damals noch allein in Bayern regierende CSU den Nazi-Tourismus im Berchtesgadener Land eindämmen. Für die historische Aufarbeitung über Hitlers Refugium während der NS-Diktatur sollte die 1999 eröffnete Dokumentationsstelle sorgen, für die touristische Nutzung der Region das vor vier Jahren eröffnete Hotel Intercontinental.
Doch während das Dokumentationshaus zum Erfolgsmodell wurde und inzwischen schon mehr als 1,3 Millionen Besucher anzog, bleiben im Hotel die Gäste aus. Mehr noch: Die von einem Milliardenverlust erschütterte halbstaatliche BayernLB als Eigentümerin der Betreibergesellschaft bleibt auf jährlichen Millionenverlusten des Fünf-Sterne-Hotels sitzen.
Das soll sich nun ändern: Der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) kündigte am Dienstag an, der Freistaat wolle seine Beteiligung an dem Hotel loswerden. 64 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges trägt der Freistaat noch immer schwer an der Erblast Hitlers, der den Obersalzberg zu seiner «Alpenfestung» von gigantischen Dimensionen ausbauen ließ.
Kultstätte für EwiggestrigeVor 70 Jahren entstanden luxuriös ausgestattete Gebäude für Hitlers engste Gefolgsleute, der Berg wurde mit einem unterirdischen Bunkersystem durchzogen, Zwangsarbeiter mussten Dutzende Stollen von zusammen über sechs Kilometern Länge graben. Zwar bombardierten britische Verbände den Obersalzberg am 25. April 1945 und machten nicht nur Hitlers pompösen Wohnsitz «Berghof» dem Erdboden gleich.
Doch wurde das weitläufige Gebiet dennoch zur Kultstätte für Ewiggestrige, die dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte weiterhin nachtrauern. Noch heute sind auf dem in Fels gehauenen Kehlsteinhaus einzig erhalten gebliebenes Relikt jenes einstigen makabren «Schauplatzes der Weltgeschichte» - Ansichtskarten mit fragwürdigen Hitler-Konterfeis zu haben.
Nur wenige US-Touristen kamenDas neue «Interconti» sollte zahlungswillige Ausländer, vor allem US-Touristen, für ein paar Tage ins Berchtesgadener Land locken und Wellness samt Golfen mit Panoramablick auf jenen Berg bieten, auf dem Hitler den Holocaust plante. Der Besuch der Dokumentationsstelle wurde zumindest empfohlen. Doch das Interesse der ausländischen Gäste ist weitaus geringer als erhofft: Die Auslastung des Hotels liegt bei gerade einmal 53 Prozent, im vergangenen Jahr blieb die BayernLB-Tochter «Berchtesgaden International Resort Betriebs GmbH» auf einem Verlust von mehr als vier Millionen Euro sitzen.
Fahrenschon war am Dienstag sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. «Mittelfristig ist die Herausforderung, dass sich der Staat aus diesem Projekt zurückzieht oder zumindest seine übergroße Beteiligung zurückfährt», sagte der Finanzminister in München. Die Staatsregierung wolle aber an ihrer Strategie festhalten, an Hitlers einstiger «Alpenfestung» sowohl die Erinnerung an die Verbrechen des NS-Regimes wachzuhalten als auch den Tourismus im Berchtesgadener Land zu beleben.
Hotelier setzt auf Familien mit KindernSPD und Grüne im Landtag sprachen von einem skandalösen Vorgang und forderten, das Betreibermodell für das Hotel umgehend zu ändern. Schon an diesem Mittwoch soll das Millionendefizit vom Obersalzberg Thema im Landtagsplenum sein. Hoteldirektor Claus Geißelmann setzt indessen künftig auf Familienurlaub, stagniert doch der Anteil von US-Urlaubern auf niedrigem Niveau.
«Wir bauen unser Angebot für Familien mit Kindern aus», kündigte der Intercontinental-Manager an. Dazu sollen neben den Sehenswürdigkeiten der Region wie dem Königssee auch die sportlichen Angebote stärker vermarktet werden. Nach einem Einbruch im Kongresstourismus sieht Geißelmann für das zweite Halbjahr in diesem Segment zwar positive Anzeichen, bleibt jedoch zurückhaltend, was eine bessere Auslastung der 138 Zimmer samt «Präsidenten-Suite» für 1000 Euro die Nacht in der Zukunft betrifft: «Das braucht Zeit.» (Paul Winterer, dpa)