Atheisten in der Offensive: 

netzeitung.de«Heidenspaß» statt Kirchentag

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Vorbild für die deutsche Kampagne: 'There's no God' (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Vorbild für die deutsche Kampagne: 'There's no God'
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Um der «Übermacht der Gläubigen» zu trotzen, organisieren Atheisten ein Gegenfestival zum Kirchentag in Bremen. Demnächst wollen sie auch mit einer Buskampagne kundtun, dass es (sehr wahrscheinlich) keinen Gott gebe.

Alles redet über den Evangelischen Kirchentag. Sogar die Nichtgläubigen. Sie sind glücklich ohne Gott, doch auch im aufgeklärten 21. Jahrhundert fühlen sich viele Atheisten noch von der Gesellschaft ausgeschlossen. «Wir haben einfach keine Stimme», kritisiert Andreas Beyer von der Bremer Atheisten- und Freidenker-Union. Um gegen die «religiöse Übermacht» ein Zeichen zu setzen, hat der Verein zum Kirchentag in der Hansestadt für den Samstag eine Gegenveranstaltung, das «Heidenspaß-Festival», organisiert. Unweit der Bremer Messe sind für das atheistische Festival eine Kinderparty, eine Lesung, ein Vortrag und ein Konzert geplant.

Nach Auffassung der Atheisten widerspricht eine finanzielle Unterstützung des Kirchentages der Neutralität des Staates in Weltanschauungsfragen. Beyer sieht in der fünftägigen Großveranstaltung den missionarischen «Aufmarsch» einer Glaubensgemeinschaft. Die Kirche fordere eine gesellschaftspolitische Macht, die ihr in Zeiten schwindender Mitgliederzahlen nicht mehr zustehe. Das Land Bremen unterstützt den Kirchentag mit 7,5 Millionen Euro.

Für besonderes Aufsehen dürfte in den kommenden Wochen allerdings die Buskampagne einer Gruppe von Atheisten aus Berlin sorgen. Mit gottlosen Sprüchen will sie ab dem 30. Mai quer durch die Republik touren. «Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott» und «Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben» soll dann in großen Lettern an dem extra angemieteten Gefährt prangen. Nichtgläubige hätten genug davon, absichtsvoll übersehen oder ausgegrenzt zu werden, sagt der Sprecher der Buskampagne, Philipp Möller.
Breite Ablehnungsfront
Wie sehr Atheisten auch im aufgeklärten 21. Jahrhundert noch diskriminiert werden, zeigt sich nach Ansicht Möllers auch daran, dass das ursprüngliche Vorhaben der Privatinitiative kläglich scheiterte. Ihre gottlosen Botschaften hatten sie eigentlich auf Bussen der städtischen Verkehrbetriebe platzieren und so unter das Volk bringen wollen. Bislang sind dafür per Internet-Aufruf rund 40.000 Euro an Spenden zusammengekommen. Doch die Gruppe handelte sich mit ihrem Werbevorstoß eine Absage nach der anderen ein: Berlin, Bremen, Dortmund, Dresden, Leipzig, Hamburg, Köln, Hannover, Stuttgart, München oder zuletzt auch Essen – sie alle gaben der Privatinitiative einen Korb. «Mit so einer breiten Ablehnungsfront haben wir wirklich nicht gerechnet», sagt Möller.

In Essen war die Enttäuschung besonders groß. Nachdem der Verkehrsbetrieb Evag Ende April erst eine Zusage erteilt hatte, nahm er diese am 6. Mai plötzlich wieder zurück: «Wir hatten hier massive Beschwerden, als unsere Zusage öffentlich wurde, das war unglaublich», sagt Olaf Frei, stellvertretender Sprecher der Verkehrs AG. Kunden hätten gedroht, ihr Abo zu kündigen und auch andere zum Boykott der Evag aufzurufen. «Als kommunales Nahverkehrsunternehmen in einer Stadt mit Nothaushalt können wir mögliche Umsatzeinbußen einfach nicht in Kauf nehmen,» erklärt Frei. Die Atheisten-Initiative hat für solch einen vorauseilenden Gehorsam kein Verständnis – vor allem weil das Unternehmen zuvor bereits jahrelang Aufkleber mit Sprüchen wie «Jesus liebt dich» in seinen Bussen quer durch das Stadtgebiet gefahren hat.

«Wir halten uns raus»
Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mussten sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, Christen zu bevorzugen. Denn während die BVG den Initiatoren des inzwischen gescheiterten Berliner Volksbegehrens Pro Reli erlaubte, in der U-Bahn ihre Werbematerialien zu verteilen, lehnte sie die atheistische Werbekampagne ab. «Wir halten uns da in Zukunft komplett raus und lassen gar keine religiöse oder weltanschauliche Werbung mehr zu», sagt eine Sprecherin.

Atheist Möller kann die Aufregung um den Werbevorstoß der Initiative, die durch ähnliche Aktionen aus Großbritannien inspiriert ist, nicht verstehen. «Wir wollen niemanden vom Glauben abbringen oder bekehren, sondern lediglich zeigen, dass eine nicht-religiöse Weltsicht auch eine Option ist», sagt er.

«Kreative Raktion gefragt»
Rund 35 Prozent der Deutschen gehören laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen keiner bestimmten Glaubensrichtung an. An all diese wolle man sich mit der nun geplanten Buskampagne durch rund 25 Städte richten, um mutiger zu werden und sich in die öffentlichen Debatten einzumischen, sagt Möller.

Relativ unberührt zeigen sich die Kirchen bislang von dem gottlosen Werbevorhaben. In Essen hatten der katholische Stadtdechant Jürgen Cleve und der evangelische Superintendent Irmenfried Mundt sogar ihre Zustimmung zu der Kampagne signalisiert. In diesen Fällen sei eine gelassene wie kreative Reaktion gefragt, die die Herausforderung annehme und zur Stärkung und Schärfung des eigenen Profils beitrage, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Auch der Sprecher des Bistums Essen, Ulrich Lota, erklärt auf Anfrage: «Wir sind schließlich sicher, dass es Gott gibt, und das ist die Hauptsache.» (nz/AP)