Experten stellen Gefährlichkeit des Virus in Frage: 

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Experten stellen Gefährlichkeit des Virus in Frage 

Lupe Weniger Grippe-Tote als bei normaler Influenza

Entwarnung wollen Mikrobiologen noch keine geben. Doch der milde Krankheitsverlauf und die in Mexiko nach unten korrigierten Todesfälle stimmen zuversichtlich, dass das Virus doch nicht so gefährlich ist wie befürchtet.

Der relativ harmlose Krankheitsverlauf der mit der Schweinegrippe infizierten Deutschen und die nach unten korrigierten Todesfallzahlen in Mexiko haben Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus geschürt. Der Mikrobiologe Alexander Kekulé rechnete am Mittwoch vor, in Mexiko komme etwa ein Toter auf 3000 Infizierte. Das sei weniger als bei einer normalen Influenza. Der Gießener Virologe Stephan Pleschka sagte: «Es sieht derzeit nicht so aus, als ob es sich um ein sehr aggressives Virus handelt.»

Kekulé sagte «Spiegel Online»: «Die Diagnose des A/H1N1-Virus ist schwierig und unter den mexikanischen Gesundheitsbedingungen nicht möglich.» Die nicht auf die Schweinegrippe zurückzuführenden Todesfälle bezeichnete der Professor der Universität Halle als «die ganz normalen Todesraten in einem Schwellenland». Nicht jeder, der an einer Lungenerkrankung sterbe, sei ein Epidemieopfer. Bestätigt sind in Mexiko bislang 26 Schweinegrippe-Infektionen, darunter sieben Todesfälle. Zuvor hatten die Behörden höhere Zahlen genannt.
Jährlich mehrere tausend Grippe-Tote in Deutschland
Kekulé, der auch Mitglied in der Schutzkommission des Bundesinnenministeriums ist, mahnte zur Verhältnismäßigkeit. Von 2500 Verdachtsfällen sei bislang die Rede. Die Dunkelziffer noch nicht erkannter Infektionen werde üblicherweise auf rund das Zehnfache geschätzt. Gehe man also von etwa 25.000 Ansteckungen und sieben Todesfällen aus, komme ein Toter auf 3000 Infizierte. Das sei weniger als bei einer normalen Influenza. «Das neue Virus wäre damit also nicht sehr aggressiv», erläuterte der Professor.

Der Gießener Professor Pleschka verwies im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP darauf, dass die Erkrankungen außerhalb Mexikos fast immer einen milden Verlauf genommen hätten. Derzeit sei nicht zu erwarten, dass die Todesrate höher liege als bei einer normalen Influenza-Epidemie in Deutschland. Diese fiel in diesem Jahr «recht heftig aus», wie Andrea Grüber vom Deutschen Grünen Kreuz auf AP-Anfrage sagte. Experten erwarten deshalb zahlreiche Todesfälle durch die Influenza. Bei einer normalen Grippewelle in Deutschland sterben zwischen 8000 und 11.000 Menschen mehr als statistisch zu erwarten wäre. In Extremfällen, etwa bei der Grippewelle 1995/1996, kann die Zahl auf bis zu 30.000 steigen.

Keinen Grund zur Panik sieht auch das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin: Die Schweinegrippe sei gefährlich, weil sie von Mensch zu Mensch übertragen wird. «Aber die bekannten Medikamente wirken, und ein Impfstoff kann innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate entwickelt werden.» Die Vogelgrippe sei zwar nicht von Mensch zu Mensch übertragbar, für Infizierte sei sie aber weitaus gefährlicher.

«Virus kann auch aggressiver werden»
Von einem Fehlalarm wollte Kekulé dennoch nicht sprechen: «Die mexikanischen Behörden hatten wohl wenig Daten zur Verfügung.» Das Verhalten von Experten und Behörden hält er für richtig: «Man war einfach vorsichtig.» Auch Pleschka sieht keinen Grund für eine Entwarnung. Das Virus könne sich verändern, sagte der Virologe: Es könne sich dem Menschen anpassen und weniger pathogen werden. «Es könnte aber auch aggressiver werden.»

In Deutschland wurde unterdessen bei drei Patienten aus Bayern und Hamburg das Virus nachgewiesen. Allerdings geht es den Patienten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts den Umständen entsprechend gut. Darüber hinaus gab es zahlreiche weitere Verdachtsfälle im In- und Ausland. In den USA wurde am Mittwoch der erste Todesfall durch das Virus bestätigt. Ein 23 Monate altes mexikanisches Baby, das zu Besuch in den USA war, starb am Montag. (AP/dpa)