Debatte nach Winnender Amoklauf: 

netzeitung.deBeck warnt vor falschen Schlüssen

 Herausgeber: netzeitung.de

Killerspiele stehen mal wieder im Kreuzfeuer der Kritik (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Killerspiele stehen mal wieder im Kreuzfeuer der Kritik
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach dem Winnender Amoklauf mehren sich die Stimmen für ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Killerspielen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hält von solchen Vorschlägen nichts: Sie seien populistisch.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hat vor falschen Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden gewarnt. «Die ganzen Vorschläge, die jetzt gemacht werden, halte ich für populistisch und vordergründig. Sie entspringen der Hilflosigkeit und dem Drang, wahrgenommen zu werden», sagte Beck dem «Hamburger Abendblatt».

«Weder ein schärferes Waffenrecht noch unangemeldete Kontrollen könnten verhindern, dass Menschen so unverantwortlich mit ihren Gewehren und Pistolen umgehen, wie das bei den Eltern des Amokläufers offensichtlich der Fall war», wird der SPD-Politiker zitiert. Er widersprach damit unter anderen Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Eltern der Opfer, die sich für politische Konsequenzen ausgesprochen hatten.

«Ich sehe nichts, was die Politik nach der Katastrophe von Winnenden ändern könnte», sagte Beck. «Ich kann nur davor warnen, den Eindruck zu erwecken, dass man einen solchen Amoklauf auf irgendeine Weise verhindern könnte.»

Killerspiele in der Debatte
Das Verkehrteste wäre nach Becks Ansicht, die Waffen von Sportschützen in den Schützenvereinen aufzubewahren. «Denn die Vereinsheime und Schießstände liegen aus Lärmschutzgründen außerhalb der Ortschaften. Wie will man ein ganzes Waffenarsenal dort einbruchsicher verwahren? Das schafft kein Mensch.»

Unterdessen mehren sich die Stimmen für ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Computerspielen. «Killerspiele haben in Kinderzimmern nichts verloren», sagt der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann der Zeitschrift «Super Illu». «Ein Verbot von gewaltexzessiven Computerspielen ist kein Populismus oder hilfloser Aktionismus. Im Gegenteil: Wer die wachsende Kinder- und Jugendgewalt ernsthaft eindämmen will, kommt an diesem Thema nicht vorbei», sagte der CDU-Politiker.

Computerspiele, bei denen die Ausübung brutalster Gewalt im Mittelpunkt steht, könnten erhebliche sozialschädliche Auswirkungen haben. Zwar werde nicht «jeder, der Killerspiele konsumiert, zu einem potenziellen Amokläufer», sagte Schünemann. Es sei aber aus seriösen Studien bekannt, dass gerade bei labilen Persönlichkeiten virtuelle Gewaltszenarien aggressive Neigungen verstärken könnten. Beim Staatsakt für die 15 Opfer des Amoklaufs vom 11. März im baden-württembergischen Winnenden hatte Bundespräsident Köhler schärfere Bestimmungen für Killerspiele gefordert.

Experte skeptisch gegenüber Verbot
Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte ein härteres Vorgehen gegen Computer-Killerspiele. Er sagte der «Welt am Sonntag»: «Die freiwillige Selbstkontrolle der Spiele-Industrie funktioniert nicht richtig. Ich erwarte, dass die Bundesprüfstelle wesentlich schärfer hinschaut, was auf dem Markt ist.» Bisher werde die Freigabe «sehr großzügig gehandhabt», obwohl ständig über die Killerspiele geklagt werde. Ein Spiele-Vertreiber dürfe sich bei einer Anzeige nicht auf die Freigabe durch die Selbstkontrolle berufen können und die Staatsanwaltschaft deswegen das Verfahren einstellen.

Dagegen äußerte sich der Hohenheimer Professor für interaktive Medien- und Onlinekommunikation, Thorsten Quandt, skeptisch über die Forderung nach gesetzlichen Verboten. «Wir rufen da zu schnell nach dem Staat und nach Verboten. Der Staat soll dann das regeln, was von den Eltern nicht kontrolliert wird», sagte Quandt der Nachrichtenagentur AP. Der Professor rief die Eltern und den Handel auf, Jugendliche stärker zu kontrollieren.

Quandt warnte vor Vorurteilen gegenüber Computerspielen: Man dürfe nicht den simplen Zusammenhang darstellen, dass Computerspiele grundsätzlich dumm, aggressiv und träge machten. Entscheidend dafür, ob Computerspiele negative Auswirkungen haben könnten, sei, wer was wie lange und in welchem Kontext spiele. Millionen Menschen spielten Computerspiele, darunter auch Ego-Shooter, und zeigten kein auffälliges Verhalten.

Vereinfachter Zusammenhang
Man könne und müsse über die brutale Darstellung in vielen Spielen diskutieren, allerdings gebe es gewalthaltige Darstellungen und Spielinhalte ja nicht erst seit den Computerspielen: «Vielleicht sollten wir Erwachsenen auch mal kritisch in der eigenen Jugend prüfen, ob das, was wir gespielt haben, immer so friedfertig und gewaltlos war», sagt Quandt.

Im Fall des Amoklaufs von Winnenden sei es nicht auszuschließen, dass Computerspiele eine Rolle gespielt haben. Im Einzelfall könnten Spiele dazu genutzt werden, sich aufzuputschen, oder es könnten Handlungsmuster aus den Medien und Computerspielen imitiert werden. Doch eine solche Tat ausschließlich über Computerspiele erklären zu wollen, hält Quandt für unzureichend. (AP/dpa/nz)