Traumatisierte Afghanistan-Heimkehrer: 

netzeitung.deWenn der Alptraum nicht mehr aufhört

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Bundeswehrsoldaten in Afghanistan leiden unter psychischen Folgen ihrer Gewalterfahrungen. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Bundeswehrsoldaten in Afghanistan leiden unter psychischen Folgen ihrer Gewalterfahrungen.
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Sie erleben Gewalt, Tod, Elend und Armut und werden die Bilder dieser grauenvollen Erlebnisse nicht mehr los. Dennoch fürchten traumatisierte Soldaten, als «Weichei» abgestempelt zu werden, wenn sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Immer mehr Bundeswehrsoldaten kehren schwer traumatisiert von ihren Auslandseinsätzen zurück. Ihre Zahl steigt rasant und Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung reagiert besorgt: «Ich nehme die Entwicklung sehr ernst», sagte der CDU-Politiker am Dienstag bei einem Besuch der 13. Panzergrenadierdivison in Leipzig. Jung appellierte an die betroffenen Soldaten, möglichst schnell einen Arzt aufzusuchen.

Wichtig sei es, so Jung, die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) so früh wie möglich zu erkennen. Dazu solle auch ein Kompetenz- und Forschungszentrum aufgebaut werden. Einzelheiten wollte Jung dazu allerdings nicht nennen. Die Diskussion darüber laufe aber, fügte er hinzu.
Afghanistan-Heimkehrer besonders stark betroffen
Zuvor hatte das Verteidigungsministerium auf Anfrage der FDP-Abgeordneten Elke Hoff bekanntgegeben, dass die Zahl der Bundeswehrsoldaten, die traumatisiert von einem Auslandseinsatz zurückkommen, sprunghaft ansteigt. Vor allem Soldaten, die in Afghanistan stationiert waren, leiden demnach besonders stark unter den psychischen Folgen der Gewalterfahrungen ihres Dienstes.

Während 2006 nach Angaben des Ministeriums 83 Soldaten professionelle Hilfe wegen posttraumatischen Belastungen in Anspruch nehmen mussten, waren es 2007 schon 149 und im vergangenen Jahr 245. Insgesamt wurden somit 477 Soldaten behandelt. Die meisten psychischen Folgeschäden trugen Afghanistan-Heimkehrer davon: Ihre Zahl stieg von 55 im Jahre 2006 auf 226 im vergangenen Jahr.

Gewalt, Elend und Bedrohung
Die traumatisierten Soldaten waren Anschlagsopfer, erlebten Verkehrs- und Minenunfälle, kamen in Geiselhaft oder waren anderen Formen von Gewalt ausgesetzt. Manche von ihnen sind durch die ständige Bedrohung überfordert. Hinzukommt die Erfahrung von Armut und Elend. Die Reaktionen der Soldaten reichen über Schlafstörungen, Depressionen, Angstzustände, sozialer Rückzug oder Suchtprobleme.

Laut Ministerium entspricht die Gesamtzahl von 477 Fällen in den vergangenen drei Jahren bei fast 62.000 Soldaten im Einsatz einer Häufigkeit von 0,77 Prozent. Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes Ulrich Kirsch fürchtet, dass viele traumatisierte Soldaten aus falscher Scham keine Hilfe in Anspruch nehmen. Er forderte die Betroffenen auf, sich nach dem Schock des Erlebten nicht zurückzuziehen, sondern sich für Hilfe zu öffnen.

Die Angst der betroffenen Soldaten, sich vor ihren Kameraden und Freunden zu outen, sei groß, meint auch Verbandssprecher Wilfried Stolze. Sie wollen nicht als «Weicheier» wahrgenommen werden. Stolze verwies darauf, dass die Quote der traumatisierten Soldaten in anderen Nato-Staaten wie Spanien, Frankreich oder Großbritannien bei fünf Prozent liege. Das sei als realistischer einzuschätzen.

Anonyme Hotline für traumatisierte Soldaten
Der Bundeswehrverband begründet die niedrigere Quote aber auch damit, dass die Prävention in der Bundeswehr eine große Rolle spielt: Die Vorbereitung auf Gewalterlebnisse in Auslandseinsätzen sei gut. Allerdings sieht er Verbesserungsbedarf bei der Nachbereitung zu Hause.

Um traumatisierte Soldaten nach ihrer Rückkehr besser zu unterstützen, hat der Bundeswehrverband einen Katalog mit 17 Forderungen zum Thema Posttraumatische Belastungsstörungen aufgestellt. Unter anderem soll eine kostenlose Hotline zur anonymen Beratung und Betreuung von Betroffenen und deren Familienangehörigen eingerichtet werden. Verlangt wird auch, dass zwei Prozent aller Soldaten zum sogenannten Peer ausgebildet werden. Das sind Ansprechpartner unter den gleichgestellten Soldaten, die über Basiswissen in Traumatologie verfügen. Kommandeurs- und Einführungslehrgänge sollten außerdem einen Unterrichtsteil «Psycho-Traumatisierung» enthalten. (nz/dpa/AP)