03.12.2008
Herausgeber: netzeitung.de
In die Ost-CDU, dann in die Verwaltung: Tillich
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die CDU entdeckt ihre Vergangenheit, Sachsens Ministerpräsident Tillich gibt Einblick in sein Leben. Doch sein Handeln als DDR-Funktionär entzieht sich einer objektiven Bewertung, meint Tilman Steffen
Stanislaw Tillich ist ein Glücksfall. Trefflich lässt sich an seiner Person veranschaulichen, was ohne ihn eine abstrakte Diskussion bliebe: Der einstige Mitarbeiter der Kreisleitung im ostsächsischen Kamenz vollzieht stellvertretend, was auch seine Partei über Jahre versäumte: offenzulegen, wie die CDU in der DDR das Unrechtsregime am Leben hielt.
Beide wurden von außen gedrängt: Der heutige CDU-Ministerpräsident von Sachsen gibt stückweise zu, was ihm über kurz oder lang nachgewiesen würde: Sein Amt als Vizechef der Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises, sein Besuch einer Parteischule. Parallel dazu lässt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla nach Kritik von SPD und Grünen im Parteitags-Antrag zu «Perspektiven für den Osten Deutschlands» ergänzen, was die Autoren dort im ersten Anlauf vergaßen: Ein Bekenntnis der deutschen Christdemokratie zur Verantwortung in der DDR. Mit ihrem einstimmigen Beschluss auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart erkennt die Partei nun an, dass die CDU habe in der DDR «im totalitären System der SED-Diktatur mitgewirkt» habe und erweist Tillich einen Bärendienst, indem sie ihn zum Helfershelfer erklärt.
Die Partei ist vorerst mit sich im reinen und steht vor einer Menge Arbeit, denn sie verpflichtete sich, die dunklen Ecken ihrer Geschichte zu erhellen. Auch für Tillich ist viel zu tun, denn er war Teil dieses «totalitären Systems». Hinzu kommt, dass der CDU-Regierungschef bei seinem Amtsantritt als Minister 1999 den Besuch einer CDU-Parteischule von 1989 verschwiegen haben soll, wie der «Spiegel» verbreitete. Ein Sprecher Tillichs wies dies zurück. Nachprüfen kann das keiner, denn die Staatsregierung gibt den damals von Tillich ausgefüllten Fragebogen nicht heraus. Auf unvollständige oder wahrheitswidrige Angaben stünde die Entlassung als Minister. Tillich lenkt zunächst ab: Die vom Volk als «Rotlichtbetrahlung» titulierten Ideologiekurse gehörten zum DDR-Alltag, in Schule und Beruf, erinnert er.
Auf Tillichs biografische Gedächtnislücken aufmerksam gemacht hatte ein sächsischer SPD-Abgeordneter, der Druckereibesitzer Karl Nolle, ein Niedersachse, der sich in Dresden seit Jahren als Aufklärer profiliert. Gegen ihn versucht die Sachsen-CDU derzeit eine Gegenoffensive, indem sie ihm selbst einen «geschönten Lebenslauf» unterstellte. Nolle solle erklären, warum er 1986 aus der SPD ausgeschlossen worden sei, verlangte der frühere sächsische Innenminister Heinz Eggert. Nolle ließ wissen, man habe gegen ihn ein Parteiordnungsverfahren eingeleitet, weil er einen hohen SPD-Funktionär als Nazi-Autor enttarnte.
Der Fall Tillich dreht sich längst nicht mehr darum, ob sein Leitungsposten ein unzulässig enger Schulterschluss mit der herrschenden SED war. Kriterien sind seine Vorbildwirkung, seine Wahrhaftigkeit, Moral, ob er Menschen schadete. Konkret geht es zunächst darum, was er wann in seiner Biografie erwähnte. Das verschwimmt derzeit in der Grauzone zwischen Vergessen und Unterschlagen. Erschwert wird eine Lösung des Falles dadurch, dass man als Opportunismus bezeichnen kann, was Tillich für einen oppositionellen Akt hält: Den Eintritt in die Ost-CDU. Tillich wollte das Regime vom Rande her verändern helfen, seine Kritiker halten ihn dagegen für einen willfährigen Büchsenspanner der SED-Führung.
Doch sein damaliges Handeln entzieht sich in der Gegenwart einer objektiven Bewertung. Wegen der Vielzahl der Unbekannten lässt sich für das Entwirren der DDR-Vergangenheit keine Gleichung aufstellen. Der ehemalige Dresdner Regierungschef Biedenkopf brachte es, sicher auch in Solidarität mit Tillich, in der «Sächsischen Zeitung» auf die Formel: Viele seiner Kritiker hätten keine Vorstellung davon, unter welchen Bedingungen die Menschen im SED-Staat wirklich lebten. Zur Realität im Osten gehörte auch, neben der öffentlich gezeigten Haltung noch eine private, persönliche Einzunehmen: «Die Rolle der SED durften weder CDU-Mitglieder noch andere ungestraft in Frage stellen», erinnert Tillich selbst. «Das heißt aber keinesfalls, dass wir sie tatsächlich ideologisch anerkannten.»
Ob sich der Nebel über diesem Konflikt jemals hebt, ist fraglich. Was den knapp 30-jährigen Kamenzer in die CDU trieb, ist noch nachvollziehbar: Um den SED-Werbern zu entgehen. Was ihn den Kreisamts-Posten übernehmen ließ und damit auch in die Parteischule trieb, lässt sich nur noch interpretieren oder vermuten. Das Geld? Die Familie? Karrierestreben? Purer Reformwille kann es nicht gewesen sein, denn Tillich betont, erst nach dem Amtsantritt habe er erkannt, dass das «zynische Spiel» der DDR mit den Menschen schnell beendet werden müsse. Insofern liegt der Schluss nahe, dass Tillich sich nicht völlig frei von Aufstiegsabsichten, aber aus weitgehender Unwissenheit auf den Posten einließ. Bis zum Beweis des Gegenteils bleibt das richtig. Und der Beweis ist nicht zu führen.