Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Parteien bei Youtube: 

Überdosis Ritalin fürs Auge

29. Nov 2008 10:08
Nachzügler bei Youtube: Die CDU
Bild vergrößern
Ohne Web kommt die Politik nicht aus, aber Parteien-Videos im Netz waren bisher ein Stimmungskiller erster Güte. TV-Produzent Brauckmann versucht mit geschickt verpackter Propaganda bei Youtube den Gähn-Faktor zu senken. Von Tilman Steffen

Es ist einige Tage her, da hatte Markus Brauckmann im Berliner Konrad-Adenauer-Haus zu tun. In Begleitung eines Kameramanns erklomm der 40-Jährige die Stufen des Licht durchfluteten Hallenbaus, sein Auftrag: Ein Interview mit Ronald Pofalla. Der ist CDU-Generalsekretär, Angela Merkels rechte Hand für alle Belange außerhalb des Bundeskanzleramts. Brauckmann macht seit Jahren Fernsehen, derzeit als Chefredakteur der Münchner Produktionsfirma Blue Eyes.

Die CDU macht einen Parteitag. Mit viel Weihrauch stimmen sich die Christdemokraten ab Sonntag auf der die Stuttgarter Messe auf die nahende Bundestagswahl ein. «Die Mitte stärken», hat Pofalla als Motto ausgegeben. Und weil sich in der politischen Mitte auch die SPD tummelt, diffamierte die CDU die Sozialdemokraten wegen ihrem unklaren Verhältnis zur Linkspartei als «Steigbügelhalter radikaler Linkspopulisten». Doch die Kommunistenkeule traf das eigene Lager, Pofalla musste sich plötzlich zur Rolle der DDR-CDU erklären>>>. Das Fernsehen sendete, die Zeitungen druckten. Im Internet sah die CDU bisher kaum besser als andere Parteien aus.

Auch den Christdemokraten dämmerte, dass der Kampf um Wählersympathie nicht mit der klassischen Taktik zu gewinnen ist: den Gegner attackieren, die Medien interessieren. Auch die SPD weiß heute: Regieren mit «Bild, Bams und Glotze», wie es der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder zu tun vorgab, ist ein Konzept von gestern. Der Einfluss der Netzgemeinde wächst. Doch nicht alle Informationsschnipsel, die im Zehntelsekundentakt in den Cyberspace drängen, sind belastbar und verifiziert. Das zeigen dieser Tage die Text-, Bild- und Video-Depeschen aus dem terrorisierten Bombay>>>. Weil das Web so geduldig ist, erlangt nur ein Bruchteil des Alltagsrauschens der Blogger- und Twitter-Gemeinde Relevanz und Aufmerksamkeit.

Doch die Netzbewohner wollen auch bedient sein. Das Cyber-Volk lässt sich nichts fertiges servien, es klickt sich seine Informationspakete über dem Mousepad selbst zusammen. Da kann ein breit angelegtes Angebot nicht schaden, erkennen die Kommunikationsprofis der Parteien. Die Grünen engagierten für ihren Bundesparteitag im November eigens fünf Blogger>>>, die das politische Hochamt mit Fantasie und Beobachtungsgabe in Twitter-Manier oder auf ihren eigenen Weblogs kommentierten.

Die CDU hat Markus Brauckmann. Der Münchner Filmproduzent half der Partei, den Weg ins Videoportal Youtube zu finden. Schon seit Anfang 2006 ist die FDP dort mit einem eigenen Kanal vertreten, kurz darauf zogen die Grünen mit ihrem «Kanal Grün» nach, ein Jahr später startete «SPD vision», im Januar 2008 schuf die Linksfraktion sich einen eigenen Kanal.

Das Adenauer-Haus im vergangenen Wahlkampf
Bild vergrößern
Bei ihrem Schritt in die Röhre wollen die Konservativen aber nicht auf Vertrautes verzichten: Auf orangenem Grund wirbt ein nostalgischer Fernseh-Apparat mit rundem Standfuß für «CDU TV». Darüber hinaus ähneln die Auftritte der Parteien einander, die Varianz des Videoportals hat enge Grenzen. Unter den Filmchen dominieren Parteitags- und andere Reden. Manch schmissigem Trailer folgen einschläfernde Video-Statements, die eher verdient hätten, als schriftliche Pressemitteilung im Papierkorb zu sterben. Sehen will das alles eigentlich keiner, schon gar nicht bis zu Ende. Die Cyber-Präsenzen der Parteien haben nur einen Zweck: Dabei zu sein.

Die CDU verpackt ihre Propaganda geschickter: Reporter Brauckmann, der sonst Dokusoaps für RTL und ähnliche Sender produziert, versorgt die Glotz-Gemeinde seit August mit Kurzreportagen von der «Dialog-Tour» der CDU: Ronald Pofalla besucht das Freiwilligenzentrum Kassel, CDU-Ministerpräsident Peter Müller das saarländische Erlebnisgut Linslerhof. Ein Ortstermin in Jüterbog, eine Konferenz in Dresden - CDU TV erlaubt tiefen Einblick ins Reisekostenbudget der Partei. Andererseits ist der Youtube-Channel das christdemokratische Fenster in den Cyberspace, mitten hinein in die Augen der Wähler von morgen. Zwischen beiden, auf der Fensterbank, sitzt Vermittler Brauckmann mit dem Mikrofon und gibt den CDU-Granden in bedeutungsschwerem Reporterduktus ihre Stichworte. Eine Ein-Mann-Redaktion, die recherchiert, moderiert, schneidet und produziert.

Solche Erlebnis-Berichte wie bei CDU TV gebe es bei anderen Parteien noch nicht, sagt CDU-Sprecher Philipp Wachholz. Was nicht ganz stimmt, eher war die CDU die erste Partei, die anstelle sedierender Parteitagsreden geschnittene Reportagen hochlud. Denn auch die Grünen setzten früh auf wirklich lebendige Bilder. Zu Beginn des jüngsten CDU-Films lässt Brauckmann die Kamera auf den Telefonapparat von Pofallas Schreibtisch schwenken. Dann darf der CDU-Generalsekretär ausschweifend den CDU-Parteitag erläutern. Das wenig charmante Drei-Minuten-Werk klickten binnen eines Tages immerhin 1200 Youtube-Besucher. Ab Sonntag werde es wieder bunter, verspricht Wachholz. Dann muss CDU TV einen ersten Härtetest bestehen. Mit einer Phalanx von Porträts und Hintergrundreportagen soll Parteitagsreporter Brauckmann für viel Bewegung auf der Youtube-Präsenz der CDU sorgen. Die großen Reden spart er dabei aus. «Wir wollen ja dem Fernsehen keine Konkurrenz machen», sagt Wachholz.

Die CDU bei Youtube
 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Josef Depenbrock & Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.