28.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
An der Macht bis 1989: SED-Chef Erich Honecker
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Erst wurde die Ost-CDU, dann der Sachse Stanislaw Tillich als Sympathisant des DDR-Systems geoutet. Tilman Steffen will nicht von anderen enttarnt werden. Eine Selbstbelastung.
Ich bekenne mich. Ich war für die SED zu jung, ich war auch nicht in der CDU, anders als Stanislaw Tillich. Doch auch ich habe das DDR-System gestützt. Obwohl ich als Schüler nicht zur Pionierorganisation gehörte, zog ich zum Fahnenappell einen weißen Pullover über, statt den farblichen Gesamteindruck des ideologietriefenden Rituals inmitten meiner uniformierten Mitschüler mit einem Hawaii-Hemd zu stören. Im Weitwurf von Handgranaten-Attrappen im Sportunterricht schaffte ich die Note Zwei.
Während viele andere vor dem Mauerfall in den Westen übersiedelten oder flohen, blieb ich, wo ich war und lernte einen Beruf. Geblendet vom Glauben an die Reformfähigkeit des Arbeiter-und-Bauern-Staates schrieb ich Beschwerdebriefe an die Kreisverwaltung und an Gregor Gysi und ließ mich auf Gespräche mit den Adressaten ein. Ich verfasste Texte für Kundgebungen gegen den Braunkohleabbau. Während Freunde und Altersgenossen ins Notaufnahmelager zogen, hoffte ich, dass der DDR-Reiseminister mich bald mal auf Besuch in den Westen ließe.
Schlimmer noch: Ich paktierte mit dem System. Als Pubertierender hatte ich die Nase voll vom Opponieren und ließ mich in die FDJ aufnehmen. Ich war der einzige aus meiner Klasse, der das Statut gelesen hatte. Der FDJ-Leiterin meiner Schule zeigte ich die von mir beanstandeten Passagen. Die Frau akzeptierte und war froh, einen Skeptiker für ihre Sache gewonnen zu haben. Nach jahrelangem Widerstand gegen rote Halstücher oder die vormilitärisch ausgerichteten «Hans-Beimler-Wettkämpfe» hatte ich genug von allen Extrawürsten.
Die radikalste Form meines schwachen Protestes war der Ärmelaufnäher «Schwerter zu Pflugscharen», mit dem ich gegen Nato-Raketen aufbegehrte und gegen die SS 20 der Sowjets. Ich verweigerte den Waffendienst in der Nationalen Volksarmee und trat ins «Neue Forum» ein.
Doch das kann die eingangs aufgeführten Verfehlungen nicht mildern. Heute muss ich bekennen: Es war falsch, zu bleiben. Es war irrig, Energie in Reformversuche zu investieren. O Schmach, ich wage nicht zu schätzen, um wie viele Tage ich mit meinem Opportunismus die Existenz des Honecker-Regimes verlängerte.
Zum Glück bin ich nicht allein. Viele andere, viel wichtigere Leute standen auf der falschen Seite. Auch Stanislaw Tillich stützte das Regime, im sächsischen Kamenz, als Vizechef einer überaus einflussreichen Kreis-Abteilung, die festlegte, welcher Konsum Vollkornbrot geliefert bekam, das seltene Tomatenketchup oder die begehrten Obstkonserven. Und erst die Kirchenleute! Selbst Pfarrer ließen sich mit den SED-Bonzen ein, wenn sie in Amtsstuben unter Lenin-Porträts ihre Unterstützung oppositioneller Kräfte rechtfertigten. Später fanden sich Auszüge aus den Gesprächen in Stasi-Akten. Gottlob, in meiner steht nur, dass ich in der Berufsschule die Schießausbildung verweigert habe.