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Freilassung Christian Klars: 

Gnade für den Gnadenlosen

24. Nov 2008 15:57
Er bereut nicht - auch nicht nach 26 Jahren Haft
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Er ist der letzte inhaftierte Ex-Terrorist der Roten Armee Fraktion – und gilt als ungefährlich. Selbst die Bundesanwaltschaft befürwortet das Haftende im Januar. Es war ein langer Weg, der dorthin geführt hat.

Es ist ein später Sieg des Rechtsstaats. Fanatisch und skrupellos bekämpfte Christian Klar vor drei Jahrzehnten das «System» – nun gibt ihm ebenjener Staat die Freiheit wieder. Kühl und korrekt hat das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart den einstigen RAF-Terroristen als ungefährlich eingestuft, und sogar die Bundesanwaltschaft, deren Chef 1977 mit Klars Hilfe ermordet worden war, befürwortete seine Freilassung. Am 3. Januar des neuen Jahres darf der 56-Jährige die Justizvollzugsanstalt Bruchsal verlassen – nach 26 Jahren Haft. Kein RAF-Terrorist büßte länger.

Eigentlich ist es Justizroutine: Die Mindesthaftzeit von 26 Jahren, die ihm das OLG einst als Sühne für seine Verbrechen auferlegt hatte, ist abgelaufen. Danach zählt nur noch die Rückfallgefahr, genauer: «ob von Christian Klar künftig erneut erhebliche Straftaten zu befürchten sind», schreibt das OLG – und fügt lapidar hinzu: «Dies hat der Senat verneint.»

Die Sache wäre also kaum der Rede wert – ginge es nicht um Christian Georg Alfred Klar, dem ein Teil der Öffentlichkeit seine Taten auch 30 Jahre danach nicht vergeben will. Nicht nur, weil er seit dem «Deutschen Herbst» des Jahres 1977 bis zur Verhaftung im November 1982 zu den besonders brutalen «Kämpfern» gehörte. Sondern auch, weil er im Gedenkjahr 2007 unversehens zur Reizfigur wurde – zum letzten Stellvertreter der verschwundenen «Roten Armee Fraktion», an dem die Gesellschaft ihr unbewältigtes RAF-Trauma abarbeitet.

Rau ließ das Gesuch liegen

Begonnen hatte die Debatte im Jahr 2003, noch zur Amtszeit von Bundespräsident Johannes Rau. Christian Klar ließ sich vom Fernseh-Journalisten Günter Gaus nach einem Interview davon überzeugen, ein Gnadengesuch zu stellen. «Ich verstehe die Gefühle der Opfer und bedaure das Leid der Menschen», schrieb er damals – ein merkwürdig kühler, aber dennoch halbwegs akzeptabler Satz für jemanden, dem es in der Isolation des Gefängnislebens kaum gelungen ist, seinem alten Ich zu entkommen. Sein erwachsenes Leben, das war immer nur die RAF. Erst war er Sympathisant, dann «Kämpfer», schließlich «politischer Gefangener», als der er sich sieht.

Erstmal passierte nichts, Rau ließ das Gesuch liegen. Inzwischen nahte 2007, die Zeit, in der man den Häftling auf eine mögliche Entlassung vorbereiten musste. Womit Hafterleichterungen anstanden – ausgerechnet im Gedenkjahr. Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) hatte Bauchschmerzen.

Keine Gnade für die Gnadenlosen?

Im Januar 2007 meldete sich ein Angehöriger zu Wort: «Wenn man jetzt über Gnade redet, sollte man auch über ein Bekenntnis und Reue reden», sagte Michael Buback, Chemie-Professor und Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts. Damit gab er den Tenor der empörten Debatte vor. Keine Gnade für die Gnadenlosen, forderte die Politprominenz von Edmund Stoiber über Volker Kauder bis zu Guido Westerwelle.

Und der starrköpfige Klar goss weiter Öl ins Feuer. Er hoffe, die Zeit sei gekommen, «die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden», ließ er Anfang des Jahres 2007 verlauten – um anschließend die Medien wegen ihrer Kritik als «Meinungsblockwarte» zu titulieren. Schon im Interview von 2001 vermittelte Klar das Bild des ewiggestrigen Hardliners, eingemauert in seiner erkalteten RAF-Ideologie. Reuegefühle? «In dem politischen Raum, vor dem Hintergrund von unserem Kampf, sind das keine Begriffe», formulierte er im ideologischen Slang der 70er Jahre.

Großteil eines Lebens in die falsche Richtung

Keine Reue, kein Bekenntnis, kein Wort der Entschuldigung an die Angehörigen der Opfer: Der in Freiburg geborene Sohn eines Pädagogen-Ehepaars, der im Gefängnis stapelweise Bücher «roter» Buchläden verschlang, schien nichts gelernt zu haben. Anfang Mai 2007 lehnte Bundespräsident Horst Köhler Klar Gnadengesuch ab.

Andererseits: Dass Klar tatsächlich an seine Zeit als Terrorist anknüpfen könnte, schien vollkommen ausgeschlossen. Sein erster Gutachter, der Freiburger Kriminologie Helmut Kury, hält Klars Uneinsichtigkeit für psychologisch nachvollziehbar: «Wenn er zu dem Ergebnis käme, dass das der falsche Weg war, müsste er ja sagen: Ein Großteil meines Leben ging in die falsche Richtung. Und das ist natürlich ein großer Schritt.»

Klars Kapitalismuskritik vom vergangenen Jahr klingt heute, in Zeiten der Finanzkrise, ohnehin nicht mehr so aufregend. Seine frühere RAF-Genossin Inge Viett darf denn auch – völlig ohne Aufsehen – ebenfalls das Ende des Kapitalismus verlangen. Mitte November forderte die 1997 entlassene Ex-Terroristin in der «Frankfurter Rundschau» die Vergesellschaftung der Produktionsmittel: «Also die Enteignung der Großeigentümer. Also die soziale Revolution.» (Wolfgang Janisch, dpa)

 
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