Verteidigungsexperte Stinner:
«Wer unsere Schiffe angreift, gehört bestraft»
Rainer Stinner: Bisher ließ die Regierung nicht erkennen, dass sie versteht, was dort geboten ist. Während Deutschland als Exportweltmeister wie kein anderes Land auf sichere Seewege angewiesen ist, tut die Regierung zunächst gar nichts und verstrickt sich dann in völlig widersinnige Detaildiskussionen. Tatsache ist, dass sowohl völker- als auch verfassungsrechtlich nichts gegen einen Einsatz der Marine spricht, allein, es fehlt der politische Wille der Regierung.
Stinner: Wer unsere Schiffe angreift, muss daran gehindert und zur Rechenschaft gezogen werden. Natürlich ist nicht jeder Pirat ein Terrorist, aber es gibt Verbindungen der mittlerweile professionellen «Piratenindustrie» mit dem Terrorismus, auch was die Finanzierung angeht. Je mehr Lösegeld die Piraten bekommen, desto besser werden sie sich bewaffnen und desto attraktiver wird dieses schändliche Handeln. Dem müssen wir endlich einen Riegel vorschieben.
Stinner: Die Bundeswehr übt schon seit Jahren ohne jeden Widerspruch im Ausland auch Polizeiaufgaben aus, etwa im Kosovo und in Afghanistan. Die Trennung von Polizei und Bundeswehr im Inland hat damit nichts zu tun. Hier übt die Bundeswehr seit Jahrzehnten die Aufgabe der Luftpolizei aus, weil die polizeilichen Kapazitäten dafür nicht vorhanden sind. Aber eine generelle Aufweichung des Grundgesetzartikels 87a über die Befugnisse der Streitkräfte, wie von Teilen der Union gewünscht, wird es mit der FDP nicht geben.
Netzeitung: Die Übergabe aufgegriffener Piraten an Somalie ist wenig erfolgversprechend, weil dort jede staatliche Ordnung fehlt. Wie kann das von Gewalt und Anarchie gepeinigte Land stabilisiert werden?
Stinner: Somalia kann mittel- und langfristig nur politisch stabilisiert werden. Aber darauf können wir bei der Verhinderung der aktuellen Piraterie nicht warten. Für die politische Stabilisierung habe ich bisher auch noch kein Patentrezept gehört.
Netzeitung: Es mehrt sich parteiübergreifend die Forderung nach einem internationalen Strafgerichtshof gegen Piraterie. Wäre nicht eine Ausweitung der Zuständigkeit des bestehenden Internationalen Strafgerichtshofes ausreichend?
Auf meine Frage hat die Bundesregierung im Mai 2008 geantwortet: 'Die Gerichte des Flaggenstaates des Kriegsschiffes, das ein Piratenschiff aufgebracht hat, dürfen die festgenommenen Piraten bestrafen.' Als weitere Lösung käme auch die Überstellung an Kenia in Frage. Dort gibt es eine funktionierende Rechtssprechung und das Land ist bereit, konstruktiv an der Lösung des Problems mit zu arbeiten.
Rainer Stinner ist verteidigungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag. Die Fragen stellte Tilman Steffen

