Parteitag aus Blogger-Sicht: 

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Grünen-Webseite Fotomontage: nz (Fotomontage: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Grünen-Webseite Fotomontage: nz
Fotomontage: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Live-TV, Tagesschau und am nächsten Tag die Zeitungs-Analyse - den Grünen reichte das schon lange nicht mehr. Blogger erleuchteten auf dem Erfurter Parteitag Winkel, die keine Fernsehkamera erreicht.

Die Grünen rüsten auf: Auf die klassischen Wege an die Öffentlichkeit verlässt sich die Partei schon lange nicht mehr. Die Parteitagsreden ihrer Spitzenleute lassen sich auf dem «Kanal Grün» bei Youtube nach-sehen. Via Live-Stream konnte den Erfurter Parteitag erleben, wer nicht aufs TV angewiesen sein wollte. Ein dafür abgestellter Fotograf füllte eine Seite des Yahoo-Fotoportals «Flickr»>>> mit digitalen Schnappschüssen von allen, die nicht schnell genug widersprachen.

Aber auch für den Blick von ganz unten müssen Interessierte den Ort des Geschehens nicht mehr persönlich aufsuchen: Seit langem platziert die Netzgemeinde über Handy oder Internet Kurznachrichten über die Grünen im Web. Der umstrittene Nacktscanner, die Lage in Hessen, der Castor-Protest oder das Erfurter Delegiertentreffen sorgten für eine Flut>>> persönlicher Befindlichkeiten, Einschätzungen und Nachrichten.

Die Twitter- und Blogger-Gemeinde muss das Fernsehen als Konkurrenz nicht fürchten. Denn der TV-Mix aus Live-Übertragung und anschließendem Expertenkommentar übersieht das Geschehen abseits von Podium und Delegiertentischen. Lange bevor die abgeklärten Analysen des Parteitagsgeschehens in den Montags-Zeitungen erscheinen, haben die Netzbewohner ihre Sicht der Dinge im Cyberspace präsentiert.

Fünf Bloggern>> hatten die Grünen Kost und Logis gesponsert, um deren Arbeit auf der Bundesdelegiertenkonferenz zu erleichtern. Wohl keiner von ihnen hatte die nahezu unendliche Fülle der Antragsdokumente durchgearbeitet. Die juvenile Denkfabrik (Altersdurchschnitt weit unter 30) observierte nur mit ihren Sinnen das von den Grünen inszenierte Ritual und das Handeln der Protagonisten. Die Kommentierung folgte ungeschminkt. Blogger Lukas Heinser spricht von einem «halbpeinlichem PR-Stunt», als die beiden frisch für die Bundestagswahl bestätigten Spitzenkandidaten grüne Bälle ins Plenum werfen. Denn man will sich «innerparteilich die Bälle zuspielen».

Heinser hat in Erfurt verstanden, warum Claudia Roth als «Seele der Partei» gilt: «Sie reißt ihre Parteifreunde mit, weil sie emotional und engagiert ist — und laut, zu laut.» Aber mehrstündige Diskussionen über Antragstexte «brauchen als Gegenpol wohl eine Parteivorsitzende, die ein wenig mutterbeimert». Ein reich bebildertes und kommentiertes Protokoll>>> des Parteitags ist das Resultat.

Es ist nicht schwer, bei den zeitgenössischen Grünen Widersprüche zu früheren Positionen festzustellen. So löste ein Verweis Claudia Roths auf Situationen, «in denen militärische Aktionen unverzichtbar sind, um Schlimmeres zu verhindern», Stirnrunzeln aus. «Beachtlich für eine Partei, die früher noch aus der Nato austreten und die Bundeswehr auflösen wollte», kommentierte «Kunar». «Seit Belgrad 1999 nennen sie hingegen einige auch 'die Olivgrünen'.»

Auch Ekrem Senol tickerte mit, was sich auf der Erfurter Messe tat. Fast philosophisch fällt seine Antwort auf die Frage aus, ob Cem Özdemir nun resigniert oder von Stolz erfüllt ist, was seinen Erfolg als einstiges Gastarbeiterkind betrifft. «Es liegt im Auge des Betrachters. Wir können sehen, was wir wollen und wir können werden, was wir wollen.» Äußerst engagiert und zeitlich fast satzgenau führte der «Jurblog»-Betreiber>>> durch die Bewerbungsreden der beiden Kandidaten für den Bundesvorsitz: «Kfz-Steuer, Kohlekraftwerke, Klimaschutzziele und Beifall, Beifall, Beifall. Özdemir vermittelt den Eindruck eines Grünen-Chefs.» Aber nicht alle sind so euphorisiert: «Der Unterschied zwischen ihm und Obama ist, Obama hat sich als Hoffnung für einen Wandel angeboten, während Cem Özdemir sich mit seiner Rhetorik auf alte Grüne Werte stützte», kommentiert Akif Sahin den Blog-Eintrag.

Unter den fünf Blog-Stipendiaten bestach vor allem Berliner Bloggerin Teresa Bücker durch differenzierte Betrachtung des Randgeschehens. «gestrickt wird hier außerdem vornehmlich von jungen männern, die auf diesem wege ein paar sekunden in den hauptnachrichtensendungen ergattern wollen.» Inhaltliche Aufhänger ihrer von vielen Themenbildern unterbrochenen Blog-Spalte sind Eva Herman, eine Diplomarbeit über die Tücken des Nachrichten-Überflusses oder das Lichtdesign des Parteitages («ein bißchen berghain, ein bißchen terrarium»). Kaum angelesen, verbreitern sich ihre meist unterhaltsamen Beiträge thematisch wie Eierkuchenteig in der Pfanne: «da die public affairs-agentur von tank&rast die von der messeagentur bereitgestellten etuikleider der hostessen für »nuttig kurz« befand und die mädels in den alternativ-outfits froren, durften sie zur standbetreuung ihre eigene, schwarze kleidung tragen»

Blogger Heinser schrieb den Berliner Politikstudenten Arvid Bell nach dessen Bewerbungsrede für einen Posten im Parteirat zum künftigen Bundeskanzler hoch. Als sich beide am Blogger-Tisch begegneten, sah dann «Pottblog»-er Jens Matheuszik>>> schon eine Begegnung von «Kanzler und Chefredakteur». Um die Symbiose von Politik und Hauptstadtpresse muss man sich also auch künftig keine Sorgen machen.

Am Montagvormittag suchte der Blogleser bei regine-heidorn.de>>> noch vergeblich nach Frischem. Die Kommentare auf ihren erhellenden Eröffnungsbeitrag von vor einer Woche («Parteitage finden jährlich statt, damit ist der Zyklus ca. 11mal länger als bei normalen Menschen.») waren weit aktueller. Weil sie den Parteitag mit einer Videokamera filmte, beschränkte sie ihre Arbeit am Text aufs Twittern. So stieg die Spannung auf das angekündigte Filmmaterial, auch bei Grünen-Bloggerin und Parteirats-Mitglied Julia Seeliger: «oh - da freu ich mich drauf! :-)» (nz)