Cem Özdemir: 

netzeitung.deDer Sisyphos aus Schwaben

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In feinem Tuch: Özdemir (M.) (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe In feinem Tuch: Özdemir (M.)
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Cem Özdemirs Marsch durch die Institutionen begann mit dem Abi auf dem zweiten Bildungsweg. Sein Weg an die Grünen-Bundesspitze stand voller Hürden. Doch diesmal hat er den Stein auf den Gipfel gerollt. Von Tilman Steffen

Eines Herbsttages sitzt Cem Özdemir im Cafe-Restaurant KuchenKaiser in Berlin-Kreuzberg und spricht über seine Eltern. Trotz seiner 42 Jahre erzählt er mit noch immer jungenhaften Ausdruck, für Momente gewürzt von Betroffenheits-Attitüde, die großen braunen Augen sind voll Wachheit. Am liebsten blieben seine Eltern im schwäbischen Bad Urach, dort, wohin sie vor 45 Jahren kamen und wo ihr Cem geboren ist, erzählt Özdemir. Berlin ist ihnen zu laut, zu ruppig.

Sein Vater kam aus einem anatolischen Dorf und arbeitete in Deutschland als Dreher, als er Özdemirs Mutter, eine Lehrerin aus Istanbul, kennenlernte. Der junge Cem fand den Absprung aus der Provinz. Er wurde Erzieher, holte das Abitur nach, studierte Sozialpädagogik und lernte erst nebenher die Sprache seiner Eltern.

Am vorläufigen Ende dieser Reise wählen ihn die Grünen zum Bundeschef – Cem Özdemir, den eloquenten, den Rhetoriker. Er löst an der Partei-Doppelspitze Reinhard Bütikofer ab, den emsigen Parteiarbeiter aus Baden-Württemberg, dessen behäbige Ausdrucksweise den Fluss seiner klugen Gedanken in Fernseh-Runden oder Radiointerviews stets hemmte.

Claudia Roth, die energetisch überschießende Bayerin, hat Bütikofers Phlegma immer gut kompensiert. Das ist künftig verzichtbar. Özdemirs Auftritte sind nicht nur rhetorisch geschliffen, sondern auch von äußerlichem Glanz: Gegen den Castor-Transport demonstriert Özdemir in dunklem Mantel und Stehkragenpulli, in der Tasche steckt das iPhone. Seine Nachbarn aus der Grünen-Spitze halten das Anti-Atom-Transparent im Strickpullover oder in wasserabweisender Wetterjacke mit Klettverschluss. Schon 2002 hatte Özdemir ein umfassendes Bekenntnis zum Maßanzug abgelegt. In Gorleben schützen ihn zumindest eine Jeans und braunlederne Wanderschuhe vor Fußkälte und Schlammspritzern.

Widrige Umstände sind Özdemir vertraut. So wie Sisyphos auf dem Weg zum Gipfel immer wieder der Stein entglitt, standen auf dem Weg des 42-Jährigen an die Grünen-Spitze reichlich Hürden. Erst im zweiten Anlauf schaffte er es 1994 in den Bundestag. Als er nach dem rot-grünen Wahlsieg 1998 Ausländerbeauftragter werden soll, scheiterte Özdemir an der Frauenquote. Ein Kredit des umstrittenen PR-Beraters Moritz Hunziger und Vorwürfe in der Bonusmeilen-Affäre kosteten ihn 2002 sein Bundestagsmandat. Über einen hinteren Listenplatz gelangt er ins politische Exil, ins Europaparlament und schreibt Papiere zur Lage in Usbekistan.

Im Oktober dieses Jahres, Özdemir kandidiert bereits für den Parteivorsitz, verweigern ihm seine baden-württembergischen Parteifreunde auf dem Landesdelegiertentreffen in Schwäbisch Gmünd einen aussichtsreichen Listenplatz für einen Bundestagswahl 2009. Dabei hat seine Co-Chefin Roth seit Jahren eines inne, die Trennung von Amt und Mandat ist längst kein grünes Dogma mehr. Doch ab und zu will die Basis zeigen, dass sie eigentlich gar keine Führung braucht. So war es auch beim Afghanistan-Parteitag in Göttingen, als das Plenum erfolgreich gegen den Vorstand rebellierte.

Özdemir weiß das alles, doch er ist gestählt. Er kämpft, er gibt auch nach der Demütigung von Schwäbisch Gmünd die Kandidatur für den Parteivorsitz nicht auf. Als Zuwandererkind musste er immer ein Stück besser sein als andere. Özdemir war der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, einer der ersten mit eigener Internetseite. 1997 erscheint sein Buch «Ich bin Inländer. Ein anatolischer Schwabe im Bundestag», zwei weitere folgen. Seine Herkunft ist vor Vorteil. Als interkultureller Grenzgänger genießt er stets Aufmerksamkeit und nutzt das Image des «anatolischen Schwaben» gezielt. Doch er schafft sich auch Gegner: Die türkische «Hürriyet» schrieb Özdemir zum Landesverräter hoch, er erhielt vorübergehend Polizeischutz.

Seit seinem ersten Einzug in den Bundestag sind Özdemirs Koteletten fülliger geworden, die Falten im Gesicht tiefer. Er hat seine argentinische Partnerin, Moderatorin beim Berliner Radio Multikulti, geheiratet, er ist Vater einer Tochter geworden. Nun kommt eine neue Prüfung auf ihn zu: Gemeinsam mit der Parteilinken Roth muss er den Weg der beiden Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin in die Bundestagswahl ebnen. Als Vertrauter von Grünen-Altkader Joschka Fischer verkörpert Özdemir die Nähe zur Regierungsmacht, der Grünen-Realo kennt auch keine Scheu im Umgang mit den Konservativen. Er ist das Gegengewicht zum erstarkten Lager der Fundis, das milliardenteure Sozialprogramme konstruiert und Sozialromantik zur Parteilinie erklären will.

«Sicher ist nur das Risiko» heißt es auf dem Spruchband, das Özdemir beim Castor-Protest in Gorleben trägt. Die Parole steht auch für ein durch die Grünen zu verhinderndes Drama: das Risiko vier weiterer Jahre Opposition. Denn Özdemir führt nun eine Partei, die sich nach dem Verlust der Regierungsmacht neu erfinden musste. In der einst von ihr mit beschlossenen Hartz-Reform entdeckte sie nach dem Ende von Rot-Grün plötzlich lauter Fehler. Urgrüne Themen wie Ökologie und Integration verloren sie seitdem sogar an Parteien wie die CDU. Menschen- und Bürgerrechte vertritt – zwar leicht gebremst durch ihren Vorsitzende Guido Westerwelle – auch die FDP. Was als Reibfläche bleibt, ist die Atomkraft.

Wofür die Grünen im Bundestagswahlkampf insgesamt stehen, ist auch nach Konsultation des neuen Vorsitzenden eher rätselhaft. «Meine Schwerpunkte sind Chancengerechtigkeit und soziale Durchlässigkeit. In diese sozialen Fragen spielt die Ökologie zunehmend mit hinein», schwurbelte er in der «taz» und anderswo. Bildungschancen für alle? Da wird keiner widersprechen, selbst die CSU nicht. Die Vorsicht, mit der Özdemir am Grünen-Profil schnitzt, lässt ihn beliebig erscheinen. «Schwäbische Leichtigkeit» diagnostizierten Beobachter dieser Tage, der «Spiegel» erklärte ihn zum «Unisex-Politiker».

Anders könnte da die die Diskussion darüber wirken, ob Sonne, Wind und Gärschlamm oder die Atomkraft den künftigen Energiebedarf der Menschen decken soll. Doch angesichts der Finanzkrise ist es schwer, Bürger und Wirtschaft von der Energiewende zu überzeugen. Der Elektrizitätskonzern RWE provoziert dieser Tage mit einem «ProKlima»-Stromtarif aus emissionsfrei gewonnener Elektroenergie. Zwar helfen Skandale wie das gewissenlose Verkippen von Atommüll-Fässern in den Salzstock von Asse, das Problembewusstsein des Volkes zu schärfen. Doch die bis heute erfolglose Suche nach dem idealen Endlager stärkt in der Atomdebatte eher die Konservativen, die für Gorleben eintreten. Für die Grünen muss Özdemir nicht nur eine hohe Hürde überwinden, er muss ein Wunder vollbringen.