08. Nov 2008 09:57
Hessens CDU stellt sich auf den Wahlkampf ein: Die Vielfalt der Schulen ist gegen die Ideen der SPD zu verteidigen. Die
sprach mit Kultusminister Banzer über Ypsilanti, Schadenfreude und das Abitur.
Netzeitung: Herr Banzer, wie haben Sie den Moment erlebt, an dem klar wurde, das Andrea Ypsilanti aus den eigenen Reihen zu Fall gebracht wurde? Jürgen Banzer: In diesem Augenblick war ich gerade mit der Übergabe der Amtsgeschäfte befasst. Die Meldung hat mich zu diesem frühen Zeitpunkt zwar überrascht, aber auch nicht unbedingt erstaunt, denn die Unzufriedenheit und die Spannungen innerhalb der SPD waren bereits seit Monaten unüberhörbar. Für viele Bürger war das auch nicht übersehbar.
Netzeitung: Nun naht die Neuwahl. Müsste die Hessen-CDU sich nicht bei Ypsilanti für die Chance auf den Machterhalt bedanken? Banzer: Wissen Sie, Häme hat schon immer geschadet und Schadenfreude ist keine anständige Freude. Für uns stehen nun andere Aufgaben im Vordergrund. Der Wettbewerb ist neu eröffnet, das ist nur fair gegenüber den Wählern. Wir kämpfen darum, unsere erfolgreiche Arbeit der letzten zehn Jahre fortzusetzen. Die Aussichten stehen gut, dass wir das schaffen können.
Netzeitung: In den Monaten der geschäftsführenden Regierung haben Sie erste Korrekturen in der Schulpolitik vorgenommen. Was steht für die nächsten Monate auf ihrer Agenda?
Banzer: In den vergangenen Monaten haben wir wichtige Punkte umsetzen können. Beispielsweise die Wahlfreiheit für kooperative Gesamtschulen, die nun bei uns in Hessen selbst entscheiden können, ob sie das Abitur nach acht oder neun Jahren möchten. Außerdem haben sich auf unsere große bundesweite Kampagne «Lehrer nach Hessen» über 2000 Interessenten beworben. Das waren wichtige Schritte. Schulen müssen außerdem einfach stärker das Gefühl erhalten, dass sie den Rücken gestärkt bekommen, um Schule machen zu können. In der Schulpolitik darf außerdem nicht zu schnell und hektisch reagiert werden. Deshalb benötigen die Dinge Vorbereitung und Zeit für die Umsetzung.
Dies gilt für die Einführung von Bildungsstandards und die weitere Stärkung der individuellen Förderung in den Schulen. Das gilt auch für die Veränderungen im Bereich der Haupt- und Realschulen. Wir brauchen ein Konzept des gemeinsamen Eingangs und zweier Ausgänge. Wir müssen die Hauptschulreife zu einer praxisorientierten Berufsreife entwickeln. Mein Ziel ist und bleibt: Kein Abschluss ohne Anschluss. Netzeitung: Wie können Sie mit dem Thema Bildung im Wahlkampf punkten?
Banzer: Wir haben ein klares Konzept: Wir brauchen Vielfalt, denn die hat sich bewährt, weil Menschen verschieden sind. Hier setzen wir weiter an, die einzelnen Schulformen wollen wir gezielt stärken. Der rot-grüne Koalitionsvertrag hat eindeutig bewiesen, wohin die Reise mit der SPD gehen würde, nämlich zur Einheitsschule. Ein neues, unnötiges Reformchaos würde nur Unruhe bringen. Genau die darf es nicht geben. Schulen dürfen im Wahlkampf und auch sonst nicht in Unruhe versetzt werden, denn das ist Gift. Sie müssen sich in Ruhe weiterentwickeln können. Dazu brauchen unsere Schulen auf jeden Fall mehr Selbständigkeit und zusätzliche Ressourcen. Damit erreichen wir unser zentrales Ziel: Mehr Qualität.
Der CDU-Politiker Jürgen Banzer ist Kultusminister in Hessen. Nach dem gescheiterten Anlauf der SPD auf die Regierungsmacht kann er vorerst weiter regieren. Die Fragen stellte Tilman Steffen