Vor dem Mauerfall: Stasi-Verdacht vor der Prager Botschaft08. Nov 2008 12:40  |  Ankunft im Westen: DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft
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Vor dem Mauerfall strömten Tausende DDR-Bürger über Prag gen Westen. Zwei Grenzgänger trieb nicht der Fluchtgedanke, eher Sensationslust und Neugier. Vor der Botschaft machte das die Menschen misstrauisch. Von Tilman Steffen
Zwei Jungs, ein Motorrad und im Deutschlandfunk die Berichte über die Ausreise der Botschafts-Flüchtlinge in Prag. Sie leben in Ostsachsen, im Tal der Ahnungslosen, in das die ARD-Tagesschau nicht vordringt. Die beiden, Jonas und Tilman, sind 18 und 21 Jahre alt - reif genug, um am Sinn des Hierbleibens zu zweifeln. Aber sie sind noch zu jung, um den exorbitanten Frust zu empfinden, der in diesen Tagen Tausende in den Westen treibt. In Pirna, südlich von Dresden, haben sie mit Freunden das Wochenende verbracht. Der Gedanke an die Flucht war wieder allgegenwärtig. Nie ist sicher, ob man sich beim nächsten Treffen wieder sieht.
Die Strecke ins heimische Zittau ist kürzer, wenn man über tschechisches Gebiet fährt. Und der Tag ist noch lang. Jonas überredet Tilman, mit dem Motorrad einen Umweg über Prag zu nehmen. Dort soll an der Deutschen Botschaft dieser Tage ja einiges los sein. Der Grenzpolizist an der Übergangsstelle bei Bad Schandau verlangt, den Tank aufzuschrauben. «Das soll reichen?», fragt der Grünrock mit kalter Miene und weist auf den randvollen Behälter. Sie unternähmen einen Tagesausflug nach Prag, haben die Jungs dem Uniformierten gesagt. Hin und zurück sind das 300 Kilometer, die Maximalreichweite ihrer ETZ 250. Doch hinter dem Schlagbaum steigt der Spritpreis ins Unermessliche. Benzin ist in der CSSR für die Jungs unbezahlbar. Der Grenzer weiß das. Doch er findet keinen Grund, den beiden die Weiterfahrt ins Ungewisse zu verweigern.
Der Kontrolleur muss auch gewusst haben, dass in diesen Tagen viele Reisende an der Grenzkontrolle irgendetwas zusammenlügen, um ungeschoren passieren zu können. Denn die wenigsten wollen zurück. Tausende DDR-Bürger hatten auf der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Zuflucht gefunden, bevor sie nach dem 30. September – gesichtswahrend für die DDR-Führung - mit der Eisenbahn über Dresden und Leipzig in den ersehnten Westen durften. Hinter Bad Schandau schlängelt sich die Elbe entlang des nach ihr benannten Sandsteingebirges. Die ETZ tengelt, erst gemächlich durch Orte, dann auf der Landstraße, zuletzt dröhnt sie hochtourig über die Autobahn. Der Motor schluckt mehr Sprit, als er sollte.
Die GeschichteNZ-Redakteur Tilman Steffen schaute am Sonntag, 1. Oktober 1989 mit einem Freund spontan an der Prager Botschaft vorbei. In der DDR zählte er sich zum Lager der "überzeugten Hierbleiber", das der Glaube an eine erfolgreiche Reform nicht verlassen hatte. Anfang November 1989 hatte die DDR-Regierung noch ein Gesetz vorgelegt, das Reisen in den Westen auf Einladung zulassen sollte. Der Mauerfall machte den Entwurf Tage später überflüssig. Den Mauerfall verpassten die beiden Prag-Ausflügler dann. Dass SED-Funktionär Günter Schabowski via Pressekonferenz die Grenzen öffnen ließ, erfuhren sie erst Tage später - beim Check-in auf einem Moskauer Flughafen kurz vor der Rückkehr von einer einwöchigen Städtereise durch Russland. |
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Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland residiert auf der Prager Burg, dem Hradschin. Wo sich sonst Anzugträger in Diplomatie üben, hatte in den letzten Wochen das Rote Kreuz Regie geführt. Tausende DDR-Flüchtlinge hausten in Zimmern, auf den Fluren und in Zelten im Botschaftsgarten, bis ihnen am 30. September 1989 Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Freiheit verkündete. Dann folgten die Tage, an denen die Volkspolizei im Dresdner Hauptbahnhof Menschen von den Bahnsteigen prügelte, damit keiner auf die durchfahrenden Züge aufspringe. Jonas und Frank haben ihre Maschine am Stadtrand geparkt und fahren mit der S-Bahn ins Zentrum. Die Parkplätze in Prags Altstadt sind mit dem DDR-Fahrzeugsortiment dauerbelegt. Mit dem R der Dresdner Region beginnen die Kennzeichen, mit dem I von Berlin oder dem A von der Küste. Nicht nur Trabants und Wartburgs, auch die verlassenen Autos der besser Verdienenden - Ladas, Moskwitschs oder Dacias - bezeugen den hohen Leidensdruck ihrer Besitzer: Wer hier einen solchen Wagen zurücklassen konnte, hatte in der Zone zumindest materiell nicht zu leiden. Nicht wenige Autos sind unverschlossen. Die Prager Burg ist in diesen Tagen ein gut bewachter Ort, an den aufsteigenden Gässchen und Straßen zur Botschaft wachen Uniformierte. «Tourist? Zurück!» weisen die Polizisten alle ab, die sich nicht dienstlich ausweisen können. Fluchtwillige geben sich gegenseitig Tipps, wie die Hürde zu nehmen ist. Als zwei Beamte den Durchbruchsversuch eines jungen Mannes vereiteln, schlüpfen Jonas und Tilman durch die Straßensperre. Mit ihren Motorradhelmen in den Händen sehen sie auch nicht wie typische Flüchtlinge aus.
 |  27. September 1989: In Zelten warten die Flüchtlinge auf ihre Ausreise | Foto: dpa |
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Das Gebäude der Deutschen Botschaft, das Palais Lobkowicz, ähnelt mit seiner geschwungenen Form einer barocken Kommode. Vor dem Portal drängt sich eine Traube Menschen, es sind schon wieder mehrere Hundert. Ab und zu kommen Mitarbeiter heraus, wer einen Blick ins Innere erhascht, sieht Doppelstockbetten und grau gekleidete Rotkreuz-Helfer. Ein Fernsehteam begehrt vergeblich Einlass. Bevor hier nicht aufgeräumt ist, darf keiner hinein, heißt es. 4000 Menschen haben Spuren hinterlassen.
 |  Außenminister Genscher verkündete den Flüchtlingen ihre Ausreise
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Ein Telefonanschluss war in der DDR keine Selbstverständlichkeit. Tilmans Eltern haben einen. Die Mutter hat über Umwege herausgefunden, dass ihr Junge mit seinem Freund nach Prag unterwegs ist. Prag, das heißt Flucht. Und Flucht heißt, die Söhne über Jahre nicht mehr sehen zu können. Auch Jonas' Eltern haben Telefon. Angst ergreift die vier.
In Prag warten viele Menschen vor dem Botschaftsportal schon lange, die Lage gleicht bereits wieder der eines Flüchtlings-Camps. Kästen mit leer getrunkenen Colaflaschen stehen verstreut auf dem Vorplatz. Müll liegt herum. Die Motorradhelme von Jonas und Tilman fallen auf. Unbekümmert erzählen die beiden, dass sie abends wieder nach Hause wollen. Das weckt Misstrauen: «Ihr seid wohl von der Stasi», gibt einer der Wartenden zurück. Einmal auf der Botschaftstreppe stehen und dann wieder zurück in den verhassten Osten? Verstehen will das hier keiner. Von gegenseitigem Stasi-Verdacht der Flüchlinge erzählt auch Ex-Botschafter Hermann Huber, der den Wartenden später die Tür öffnete.Es dämmert, die beiden Jungs lassen die anschwellende Menge der Wartenden hinter sich. Für die Fahrt zum Stadtrand nehmen sie ein verlassenes Motorrad mit ostdeutschem Kennzeichen – der Schlüssel steckte. Bei ihrer Maschine angekommen, zapfen sie den restlichen Sprit mit einem Plastikbecher ab und füllen den Tank von Franks ETZ. So ist die Heimfahrt gesichert. Vor allem ihre Eltern haben sie damit glücklich gemacht.
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