05.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Bier und Bionade: Wartende vor dem 'Babylon' in Berlin
Foto: nz/tst
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Exakt fünf Uhr mitteleuropäischer Zeit erklang weltweit frenetischer Jubel - Obamas Anhänger feierten auch in Berlin euphorisch, selbst die Wahlparty der Republikaner übernahmen sie, berichtet Tilman Steffen .
Arik Komets hat in seinem Leben schon einiges erlebt. Er flog US-Militärjets, 1980 kam er als Angehöriger der US-Luftwaffe nach Berlin. Vor vier Jahren hoffte der Pensionär auf der Wahlparty der Demokraten im Berliner Sony-Center auf den Sieg John Kerrys. Damals verloren sich die wenigen Auslands-Demokraten in dem Riesengebäude. Die Wahlnacht von 2008 kann sich dagegen sehen lassen.
«Obamas Sieg ist auch ein persönliches Dankeschön an mich», lobt sich Komets. Auf der «Election Party» der Auslands-Demokraten im Ostberliner Kultkino «Babylon» haben ihn seine Freunde für seine Dienste als Wahlhelfer ausgezeichnet. Hunderte US-Bürger registrierten sich auf Komets Listen mit ihrer Adresse für die Wahl. Hunderte Obama-Fans applaudierten ihm jetzt dafür. Sie sitzen im Gestühl des schwulstig eingerichteten Kinosaals, trinken Bionade oder Bier und essen Gulaschsuppe «Granny Style», belegte Brötchen oder Schweinebraten mit Sauerkraut angepriesen als Obamas Leibspeise. Die Leinwand zeigt das Live-Programm von CNN.
Yvonne Frazier ist so begeistert, dass sie die gesamte Nacht durchhält: Für die in Ohio geborene Klassik-Sängerin ist Obamas Sieg «die Tür zu einem neuen Zeitalter».
«In den ersten vier Jahren kann er wenig bewegen»Die Berliner Demokraten waren am späten Dienstagabend von Obamas Jüngern förmlich überrannt worden. Am Portal zum «Babylon» herrschte strenge Zugangskontrolle, selbst Journalisten kamen nur stundenweise ins Gebäude. Mehr als 700 Gäste in Saal und Foyer erlaubt die Feuerwehr dort nicht. Eine CNN-Videoübertragung auf den Vorplatz tröstete diejenigen, die draußen bleiben mussten.
Mit Bier in der Hand trank sich die Menge dort dem Morgen entgegen, sie stand und verharrte selbst in der nebligen Kälte der Nacht. Denn die Menschen hoffen auf eine Wende. Ihre Vision ist ein neues Amerika, ohne die Selbstherrlichkeit von George W. Bush. Zum Greifen nah sehen sie ein Land, das im Klimaschutz endlich ein Partner ist und kein Gegner. Jeder Bundesstaat, den CNN als Obama-Staat meldet, wird mit Jubel quittiert. Liegt McCain mit Abstand vorn, murrt oder buht das Publikum schon mal.
Doch was auf die Wahl folgt, ist für viele Deutsche ebenso wenig klar sichtbar wie der nahe des «Babylon» im Nebel aufragende Berliner Fernsehturm. «Es muss sich zeigen, wofür Amerika steht», sagt ein Theologiestudent in grüner Kutte. Er sei für Obama, um das System Bush abzuwählen. Für ihn und seine Freunde ist der neue US-Präsident zunächst ein Star: «Das euphorisierende ist, dass er schwarz ist», sagt die angehende Agrarwissenschaftlerin neben ihm. Viele, die vor dem «Babylon» auf Einlass hoffen, haben den Senator aus Illinois in Berlin erlebt. Auch Uwe Zienicke, der aber von Obama kaum Konkretes erwartet: «In den ersten vier Jahren kann er nicht viel bewegen», sagt der 61-jährige mit dem Bürstenschnitt. Über seinen Bauch spannt sich ein Obama-T-Shirt.
Freigetränke bei der TelekomAm frühen Abend ist auch das «Wahlkreis» noch voll, eine 100-Quadratmeter-Kneipe, in der sich die Anhänger McCains versammeln. Im Regierungsviertel, fünf Taximinuten von der Hochburg des Gegners entfernt, hofften die Auslands-Republikaner auf ein Wunder. Doch je später die Nacht, desto mehr Partygäste wanderten zu Konkurrenzfeiern ab bei der Telekom soll es Freigetränke geben. Zum frühen Morgen hat dann das gegnerische Lager die republikanische «Election Night» übernommen: Ein Rudel ausgelassener Politikstudenten grölt immer dann, wenn CNN für Obama einen weiteren Vorsprung meldet.
Jan Burdinski, ein Politikberater mit kahl rasiertem Schädel, ist der Berliner Statthalter McCains. Selbst für ihn ist klar: «Die Deutschen wollen das Neue. McCain verkörpert das nicht so wie Obama.» Der «Program Direktor» der Berliner Auslands-Republianer zeigt das Fairness-Lächeln eines Kämpfers, der die Überlegenheit seines Gegners akzeptiert hat. Denn selbst wenn McCain vieles anders machen würde, verkörpert er das Bush-Amerika. Obama steht dagegen für Offenheit. Und nicht nur das: «Er kann besser reden und er sieht besser aus», gibt sogar Burdinski zu. Das alles hat nicht nur Amerika überzeugt.