Letzter Aufruf für den Airport: 

netzeitung.deWowereit bei Tempelhof-Abschied ausgebuht

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Das war's: Tempelhof ist Geschichte (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Das war's: Tempelhof ist Geschichte
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Die Nostalgiker des Berliner Flughafens haben gegen die Party der geladenen Gäste protestiert. Der Berliner Bürgermeister riet ihnen, «nach vorne zu schauen». Um kurz vor Mitternacht gab es den allerletzten Take-Off von zwei geschichtsträchtigen Flugzeugen.

Die Befeuerung der Landebahn ist endgültig erloschen, der Flughafen Berlin-Tempelhof ist Geschichte. Um kurz vor Mitternacht starteten am Donnerstag mit einem «Rosinenbomber» und einer Junkers Ju-52 die beiden letzten Maschinen von dem legendären Flughafen. Damit endete nach 85 Jahren ein Stück Luftfahrtgeschichte. Bei der Abschieds-Gala vor 800 geladenen Gästen im Flughafengebäude wurde der für die Schließung hauptverantwortliche Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ausgebuht. Erneut verteidigte er diese Entscheidung. Aus ökonomischer und ökologischer Sicht sei es richtig, den Flugbetrieb einzustellen, sagte der SPD-Politiker.

Vor dem Flughafengebäude protestierten rund 300 Menschen bei Kälte und Regen gegen die Schließung. Wowereit sagte, bei aller Wehmut müsse auch nach vorn geblickt werden. Im Oktober 2011 soll der neue Großflughafen Berlin Brandenburg International eröffnet werden. «Das ist die Zukunft», betonte Wowereit. An diesem Abend gebe es ein «emotional trauriges Gefühl», räumte Wowereit ein. Die geladenen Gäste hatten zuvor beim Betreten der Halle ein Spießrutenlaufen und bei der Feier Elvis- und Tina-Turner-Doppelgänger ertragen müssen. Doch das war längst nicht alles. Schließlich galt es, den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zu bemitleiden, der für seine abermals vorgetragene emotionslose Verteidigungsrede erbarmungslos ausgebuht wurde. Und dann wurden noch Einspielfilmchen präsentiert, die den Flughafen Minuten vor seinem Ende auch noch zum Mythos hochstilisierten.

Die Demonstranten bildeten ein Spalier und pfiffen alle Gäste, die in das Gebäude schritten, lautstark aus. Die vorwiegend älteren Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie «Skandal» oder «Wowereit ist ein Versager». «Es ist unglaublich, was hier passiert», sagte Gisela Willuhn. «Politik geht über Sachverstand.» Und dass dann drinnen die für die Schließung Verantwortlichen feierten, während die Menschen, die durch den Flughafen überlebten, draußen ständen, setze dem Ganzen die Krone auf. In dem historischen Gebäude saßen die geladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft an weiß gedeckten Tischen. Die stillstehenden Gepäckbänder waren umfunktioniert und dienten dafür, das Buffet zu präsentieren. Zur Unterhaltung spielte ein Swing-Dance-Orchester.

Am Ende gelang den Freunden des Berliner Flughafens Tempelhof noch ein Überraschungscoup: Die Motoren eines historischen Rosinenbombers und einer legendären Tante Ju brummten schon, als eine Gruppe Flugschüler am Donnerstagabend auf dem Vorfeld plötzlich ein Transparent entrollte: «Tempelhof bleibt! Wowi fliegt», lautete ihre trotzige Botschaft. Wowereit war da schon entschwunden. Punkt Mitternacht erloschen dann nach 85 Jahren die Lichter am weltweit ältesten Verkehrsflughafen, der jetzt nur noch Geschichte ist. Zum letzten «Take-off» von Tempelhof hoben der Rosinenbomber und die Tante Ju um 23.55 Uhr gemeinsam ab und schwebten einträchtig nebeneinander in den Nachthimmel - es war das Ende einer Ära der Luftfahrt und eines jahrelangen Kampfes gegen die vom Berliner Senat durchgesetzte Schließung des traditionsreichen Flughafens, der ein Symbol der Hauptstadt war.

Zum letzten regulären Linienflug hatte zuvor um 22.17 Uhr eine Dornier 328 der Cirrus Airlines nach Mannheim abgehoben – mit fast einer halben Stunde Verspätung, denn ohne Erinnerungsfoto mochte kaum einer der 31 Passagiere einsteigen. Als Abschiedsgruß aus Tempelhof gab es für die Maschine mit Flugnummer C9 1569 dann noch eine Dusche der Flughafenfeuerwehr. Einer der Glücklichen, die an Schalter 18 nach Mannheim einchecken konnten, war Matthias Janta. «Das ist schon ein bedeutender Flug», sagte der 28-Jährige, der mit Laptop und kleinem Rollkoffer gekommen war. Für Pendler wie ihn sei der innerstädtische Hauptstadt-Airport sehr praktisch gewesen. Eher gedrückter Stimmung stand indes Gerhard Bürger zwischen den Gästen. «Ich bin unheimlich traurig», sagte der 78-Jährige. Zur Zeit der legendären Luftbrücke 1948/49 war er Chef der Flughafenfeuerwehr in Tempelhof.

Ausdrücklich nicht zum Feiern zumute war auch mehr als hundert Demonstranten auf dem Platz vor dem abgesperrten Hauptportal. Unter dem bitteren Motto «Schande für Berlin – Schande für Deutschland» protestierten sie gegen das Aus für den Flugbetrieb, das auch ein gescheiterter Volksentscheid im April nicht verhindern konnte. «Böse und traurig», beschrieb der 73-jährige Joachim Rauschenbach seine Stimmung. Ein selbstgemaltes Schild mit der Aufschrift «Wird auch das Brandenburger Tor eingemottet?» hatte er mit einer Folie gegen den kalten Nieselregen geschützt. In Tempelhof sei er bei seinem ersten Flug gelandet, erzählte er bewegt. Und mit dem lieb gewonnenen Blick vom Wohnungsfenster auf die Scheinwerfer des Flughafengeländes sei es nun auch vorbei.

Schon auf dem Vorplatz hatte einer auf sein Transparent geschrieben: «Herr Wowereit, nehmen Sie den letzten Flug!» Und der Unmut schwappte auch bis in die abgeschirmte Feiergesellschaft. Der Regierende Bürgermeister erntete Pfiffe und Buhrufe, als er die Schließung des Flughafens in der Festhalle verteidigte. Bei aller Wehmut müssten die Chancen des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) gesehen werden, der 2011 auch Berlins zweiten Stadtflughafen Tegel ablösen soll. Was aus dem Areal in Tempelhof werden soll, ließ er aber offen.

Freude herrschte derweil auf der anderen Seite des Flughafenzauns. Zu einer Feier im dichtbesiedelten Stadtteil Neukölln hatte die «Bürgerinitiative flugfreies Tempelhof» geladen, die sich im Kampf gegen die «Fliegerei über unseren Köpfen, durch unsere Ohren und vor unseren Nasen» am Ziel sieht. Als Zeichen ihrer Freude schickten die Mitglieder beleuchtete Drachen über den nun flugfreien Luftraum.

Tempelhof war einmal der größte und modernste Flughafen der Welt. 1923 wurde er eingeweiht. Später flogen hier die Schönen und Reichen ein, Marlene Dietrich, Zarah Leander oder Maria Callas, vor kurzem noch Tom Cruise mit seiner Familie. Seine heutige Gestalt mit dem monumentalen, 1,2 Kilometer langen Hauptgebäude erhielt Tempelhof erst in der Nazizeit zwischen 1936 und 1941. Tempelhof war Mittelpunkt der Luftbrücke und der Rosinenbomber, Stützpunkt des US-Militärs und galt als Tor zur freien Welt.

Später geriet der Flughafen dann jedoch immer stärker in den Schatten von Tegel und Schönefeld. Der Architekt Norman Foster bezeichnete Tempelhof einmal als «die Mutter aller Flughäfen». Der rot-rote Senat mit Wowereit an der Spitze hatte angesichts immer weiter sinkender Passagierzahlen und eines wachsenden Defizits das Ende des 1923 gegründeten Flughafens beschlossen. Ein Volksbegehren gegen diese Pläne war gescheitert. Die Schließungen von Tempelhof und später vom Flughafen Tegel sind nach einem Gerichtsurteil die Voraussetzung für den Bau des neuen Großflughafens in Schönefeld.

Tempelhof wird die Kasse Berlins jedoch auch im ungenutzten Zustand weiter belasten. Bewachung und Instandhaltung des Areals mit seinem 1,2 Kilometer langen, denkmalgeschützten Gebäude schlagen monatlich mit 900.000 Euro zu Buche. Auch die Freifläche könnte ein Problem werden, weil noch nicht geklärt ist, welche Altlasten unter der Erde sich verbergen. Das Interesse an einer Nachnutzung des insgesamt 386 Hektar großen Geländes ist aber groß. Die Filmstudios Babelsberg wollen einen Teil des Gebäudes für Filmaufnahmen nutzen. Die Baupläne des Senats sehen vor, 5.000 Wohnungen zu errichten und bis zu 10.000 Arbeitsplätze anzusiedeln. Von 2010 bis 2020 sollen eine Internationale Bau- und eine Gartenbauausstellung veranstaltet werden. (dpa/AP)