Letzter Aufruf für den Airport:
Wowereit bei Tempelhof-Abschied ausgebuht
31.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Die Demonstranten bildeten ein Spalier und pfiffen alle Gäste, die in das Gebäude schritten, lautstark aus. Die vorwiegend älteren Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie «Skandal» oder «Wowereit ist ein Versager». «Es ist unglaublich, was hier passiert», sagte Gisela Willuhn. «Politik geht über Sachverstand.» Und dass dann drinnen die für die Schließung Verantwortlichen feierten, während die Menschen, die durch den Flughafen überlebten, draußen ständen, setze dem Ganzen die Krone auf. In dem historischen Gebäude saßen die geladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft an weiß gedeckten Tischen. Die stillstehenden Gepäckbänder waren umfunktioniert und dienten dafür, das Buffet zu präsentieren. Zur Unterhaltung spielte ein Swing-Dance-Orchester.
Zum letzten regulären Linienflug hatte zuvor um 22.17 Uhr eine Dornier 328 der Cirrus Airlines nach Mannheim abgehoben mit fast einer halben Stunde Verspätung, denn ohne Erinnerungsfoto mochte kaum einer der 31 Passagiere einsteigen. Als Abschiedsgruß aus Tempelhof gab es für die Maschine mit Flugnummer C9 1569 dann noch eine Dusche der Flughafenfeuerwehr. Einer der Glücklichen, die an Schalter 18 nach Mannheim einchecken konnten, war Matthias Janta. «Das ist schon ein bedeutender Flug», sagte der 28-Jährige, der mit Laptop und kleinem Rollkoffer gekommen war. Für Pendler wie ihn sei der innerstädtische Hauptstadt-Airport sehr praktisch gewesen. Eher gedrückter Stimmung stand indes Gerhard Bürger zwischen den Gästen. «Ich bin unheimlich traurig», sagte der 78-Jährige. Zur Zeit der legendären Luftbrücke 1948/49 war er Chef der Flughafenfeuerwehr in Tempelhof.
Ausdrücklich nicht zum Feiern zumute war auch mehr als hundert Demonstranten auf dem Platz vor dem abgesperrten Hauptportal. Unter dem bitteren Motto «Schande für Berlin Schande für Deutschland» protestierten sie gegen das Aus für den Flugbetrieb, das auch ein gescheiterter Volksentscheid im April nicht verhindern konnte. «Böse und traurig», beschrieb der 73-jährige Joachim Rauschenbach seine Stimmung. Ein selbstgemaltes Schild mit der Aufschrift «Wird auch das Brandenburger Tor eingemottet?» hatte er mit einer Folie gegen den kalten Nieselregen geschützt. In Tempelhof sei er bei seinem ersten Flug gelandet, erzählte er bewegt. Und mit dem lieb gewonnenen Blick vom Wohnungsfenster auf die Scheinwerfer des Flughafengeländes sei es nun auch vorbei.
Schon auf dem Vorplatz hatte einer auf sein Transparent geschrieben: «Herr Wowereit, nehmen Sie den letzten Flug!» Und der Unmut schwappte auch bis in die abgeschirmte Feiergesellschaft. Der Regierende Bürgermeister erntete Pfiffe und Buhrufe, als er die Schließung des Flughafens in der Festhalle verteidigte. Bei aller Wehmut müssten die Chancen des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) gesehen werden, der 2011 auch Berlins zweiten Stadtflughafen Tegel ablösen soll. Was aus dem Areal in Tempelhof werden soll, ließ er aber offen.
Freude herrschte derweil auf der anderen Seite des Flughafenzauns. Zu einer Feier im dichtbesiedelten Stadtteil Neukölln hatte die «Bürgerinitiative flugfreies Tempelhof» geladen, die sich im Kampf gegen die «Fliegerei über unseren Köpfen, durch unsere Ohren und vor unseren Nasen» am Ziel sieht. Als Zeichen ihrer Freude schickten die Mitglieder beleuchtete Drachen über den nun flugfreien Luftraum.
Später geriet der Flughafen dann jedoch immer stärker in den Schatten von Tegel und Schönefeld. Der Architekt Norman Foster bezeichnete Tempelhof einmal als «die Mutter aller Flughäfen». Der rot-rote Senat mit Wowereit an der Spitze hatte angesichts immer weiter sinkender Passagierzahlen und eines wachsenden Defizits das Ende des 1923 gegründeten Flughafens beschlossen. Ein Volksbegehren gegen diese Pläne war gescheitert. Die Schließungen von Tempelhof und später vom Flughafen Tegel sind nach einem Gerichtsurteil die Voraussetzung für den Bau des neuen Großflughafens in Schönefeld.
Tempelhof wird die Kasse Berlins jedoch auch im ungenutzten Zustand weiter belasten. Bewachung und Instandhaltung des Areals mit seinem 1,2 Kilometer langen, denkmalgeschützten Gebäude schlagen monatlich mit 900.000 Euro zu Buche. Auch die Freifläche könnte ein Problem werden, weil noch nicht geklärt ist, welche Altlasten unter der Erde sich verbergen. Das Interesse an einer Nachnutzung des insgesamt 386 Hektar großen Geländes ist aber groß. Die Filmstudios Babelsberg wollen einen Teil des Gebäudes für Filmaufnahmen nutzen. Die Baupläne des Senats sehen vor, 5.000 Wohnungen zu errichten und bis zu 10.000 Arbeitsplätze anzusiedeln. Von 2010 bis 2020 sollen eine Internationale Bau- und eine Gartenbauausstellung veranstaltet werden. (dpa/AP)

