28.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Viele Männer möchten Kinder
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Viele Männer wollen Kinder bekommen, realisieren diesen Wunsch allerdings erst spät oder gar nicht. Beruf und Einkommen bestimmen den Zeitpunkt für das erste Kind, fand die Bertelsmann-Stiftung heraus.
Seit Jahren wird über den Geburtenrückgang in Deutschland geklagt. Vom «Zeugungsstreik» der Männer ist die Rede. Der frühere Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) sprach einst sogar von einer «Absage an das Leben», weil die Deutschen immer weniger Kinder wollten.
Dabei scheint vordergründig alles wieder in Ordnung zu sein: Laut einer neuen Studie des Deutschen Jugendinstituts München im Auftrag der Bertelsmann Stiftung sagen neun von zehn kinderlosen jungen Männern Ja zu Kindern. Doch der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg warnt: «Das ist kein Ja, das ist ein Jein.»
Denn daran hängen Bedingungen, sagt Birg. Tatsächlich ergibt die Studie, dass Männer sich weiter ganz traditionell in der Rolle des Ernährers sehen. Erst wenn sie in der Lage sind, eine Familie zu versorgen, ist der Zeitpunkt für das erste Kind gekommen. Beruf und Einkommen bestimmen also das Drehbuch der Vaterschaft.
Kinderlosigkeit als MännerthemaUnd wenn junge Männer keinen Ausbildungsplatz finden oder die Jobs unsicher sind, dann verschiebt sich die finanzielle Selbstständigkeit - und der Kinderwunsch. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, schon die Bildungs- und Ausbildungsphase müsse «väterfreundlicher» sein, damit Vaterschaft im frühen Erwachsenenalter wieder «normal» werde.
Kinderlosigkeit bleibe ein Männerthema, «das war es schon immer», betont Birg. «Männer haben andere Leitbilder, sie wünschen sich schon eine Partnerschaft, aber Kinder kommen an zweiter Stelle.» Bei Frauen sei es umgekehrt.
«Richtig, wichtig und zielführend»Politische Maßnahmen wie das Elterngeld für Väter nennt er «richtig, wichtig und zielführend» für einige Gruppen. Aber weil die Zahl der Empfänger des Elterngeldes nach Angaben des Statistischen Bundesamts von Ende August erst die Grenze von 100.000 überschritten hat, spricht er von Splittergruppen. Das könne man nicht als relevant bezeichnen, wenn die Zahl potenzieller Eltern bei 10 bis 20 Millionen liege.
Zwar habe es 2007 einen Anstieg der Geburtenzahl um 1,8 Prozent gegeben, aber dass es aufwärts gehe, sei ein Irrglaube. Schon im ersten Quartal 2008 habe die Statistik einen entsprechenden Rückgang verzeichnet. Das seien «Zufallsschwankungen im üblichen Rahmen».
Ein «Ruck» durch Bevorzugung von VäternEnde 2007 lebten 81,21 Millionen Menschen in Deutschland, etwa 100.000 weniger als 2006. Sein Vorschlag: Bei gleich qualifizierten Bewerbern für einen Arbeitsplatz sollten Eltern Vorrang erhalten. «Das kostet nichts, würde aber den berühmten Ruck bewirken.»
Der Studie zufolge kann von «Null Bock auf Familie» keine Rede sein. Doch Voraussetzungen für Familie müssten geschaffen werden: So sehen nur 2,1 Prozent der befragten Männer das Studium oder die Ausbildung als richtigen Zeitpunkt, zum ersten Mal Vater zu werden. Daher müsse die Teilzeitberufsausbildung weiterentwickelt werden.
Vater als «Ernährer»Außerdem sei im Studium zeitliche Flexibilität gefragt - nachdem gerade vor dem Hintergrund der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge die Studienpläne gestrafft wurden. Auch das alltägliche Leben an den Hochschulen müsse kinderfreundlicher werden - und mehr Betreuungsmöglichkeiten bieten.
Neu sei, dass sich fast alle Befragten Zeit für das Kind nehmen wollen, so die Stiftung. Gleichzeitig sind aber die traditionellen Geschlechterrollen fest verankert - und die Rolle des Vaters ist die des Versorgers.
Die Normalität von Lebensentwürfen jenseits des Versorgermodells müsse in der Gesellschaft verankert werden. Und Familienfreundlichkeit kann sich auch für Betriebe positiv auswirken, unterstreichen die Autoren der Studie - nämlich beim Kampf um die besten Köpfe und qualifiziertes Personal. (Von Thomas Strünkelnberg, dpa)