23.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das Terrornetzwerk Al Qaeda war bisher eher mit Regionen wie dem Irak verbunden, den Heiligen Krieg trainierten Dschihadisten vorwiegend in Pakistan oder in Afghanistan. Das ändert sich zunehmend.
Bisher galt die Region zwischen Pakistan und dem Irak als der Ort, von dem die größte Terrorgefahr für Europa ausgeht. Auf seiner Jahrestagung lenkte der Bundesnachrichtendienst den Blick auf eine weitere, nicht minder problematische Gegend: Nordafrika. Dort, vor allem in der Sahel-Region, wird die Lage immer instabiler. In Mauretanien kappte ein Staatsstreich jüngst die politischen Beziehungen zu Europa. Al Qaeda macht sich im Maghreb breit. Die Sahelzone rückt international ins Blickfeld der Geheimdienste.
Auf dem Symposium in Berlin versuchte der Berliner Politikwissenschaftler Volker Perthes zunächst eine Antwort auf die Frage zu geben, was Menschen zu Terroristen macht. Er sieht ein kommunikatives Problem: Je mehr sich der Eindruck verfestige, Islam und westliche Welt seien unvereinbar, umso stärker werde dies Teil der Weltsicht von Islamgläubigen. Bleibt das Streben der Muslime nach Anerkennung, Wohlstand und damit auch nach Würde innerhalb der westlichen Welt erfolglos, wird schnell Zorn zur Triebkraft ihres Handelns, so die Analyse des Direktors des Instituts für internationale Politik und Sicherheit. Der Schritt zum Terror sei dann nicht mehr weit.
Al Qaeda im MaghrebDie bedrohlichen Folgen dieses Wechselspiel zwischen Wahrnehmung einer Feindschaft und enttäuschten Erwartungen sind zunehmend in Afrika zu besichtigen: Die Sahelzone werde zum Rückzugesgebiet für Terroristen, sagte Boubacar Gaoussou Diarra, Leiter des Zentrums für Terrorismusstudien in Algerien. Dort blühen Menschen- und Drogenhandel. Ein bedeutender Teil des Rauschgiftaufkommens von Afrika stammt von dort. Auch von Deutschland aus ist ein neuer Feind bereits ausgemacht: Die Gruppierung Al Qaeda im Maghreb könne zu einer ernsten Bedrohung für Europa werden, warnte BND-Chef Ernst Uhrlau.
Das «Franchise-Unternehmen der Al Qaeda» ging 2006 aus der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) hervor und gilt vor allem in den USA als eine der gefährlichsten Organisationen weltweit. Osama bin Ladens Netzwerk ist ihr wichtigster Partner geworden: Die GSPC benötigte Unterstützung, Al Qaeda lieferte ihr die notwendige strategische Vision.
Ungerechtigkeit ist unislamischFür Uhrlau sind die jüngst in Tunesien entführten und nach Mali verschleppten Touristen darunter auch Deutsche - , wichtiger Beweis, wie bedroht Menschen aus der westlichen Welt sind. Was also tun? Ungerechtigkeit gilt als unislamisch, erinnert Politikwissenschaftler Perthes. Im Umkehrschluss halten viele Muslime Gerechtigkeit nur im Islam für möglich. Das motiviert Extremisten. Es gelte, eine solche Instrumentalisierung des Islams durch Extremisten zunächst zu analysieren und dann zu vereiteln, sagt Tarik Ramadan, Islamwissenschaftler an der Oxford-Universität.
Um Islamisten zu schwächen, müsse Europa klar machen, dass es die unschuldigen Opfer islamistischen Terrors schützen will. Das gelinge nur im Austausch und in der Diskussion. Dafür sei Präzision vonnöten, Fehler müssten vermieden werden, mahnt er. Denn Muslime «hören genau zu, was wir sagen und verwenden es dann gegen uns». (nz/tst)