22.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Merkel mit Ministerpräsidenten Wulff (r.) und Koch
Foto: dpa/Rainer Jensen
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das föderale Kompetenz-Wirrwarr ließ alle bisherigen Verbesserungsversuche im Bildungswesen scheitern, meint Tilman Steffen . Die Kanzlerin hat am Mittwoch die Chance, den Ländern klar zu machen: Es geht nicht um einen Konkurrenzkampf um die besten Schulen, sondern um Menschen.
Probleme, Probleme, Probleme: Es gibt demnächst zu wenig hoch ausgebildete Fachleute, am anderen Ende der Bildungsskala fehlen ebenso Absolventen, weil zu viele die Schule abbrechen oder keine Ausbildung abschließen. Deutsche Schüler sind im Schnitt zu schlecht. Immer mehr kommen ohne Pausenbrot zur Schule, wer einmal arm ist, kommt aus der Bildungs-Unterschicht nicht mehr heraus. Die Ausgaben für die deutsche Schulbildung liegen im internationalen Vergleich unter dem Durchschnitt.
Das alles klingt schlimm, ist aber noch viel zu weit weg vom Alltag. Denn Deutschlands Schulen besuchen nicht nur Benachteiligte, sozial Schwache oder Migranten. Ihnen muss unzweifelhaft geholfen werden. Es gibt aber auch den Durchschnittsschüler, der altersgemäß deutsch spricht, der zum Schulanfang eine Schleife binden kann und ein Pausenbrot dabei hat.
Doch auch dieser Schüler stolpert am Morgen über brüchige Fußböden durch Gänge mit bröselnder Wandfarbe in Klassen- und Horträume, die seine Eltern trotz monatlicher Hortgebühr mit dem Notwendigsten ausgestattet haben. Und wird mehr als einer seiner Lehrer krank oder muss zur Weiterbildung, fällt Unterricht aus. Resignierte Eltern, die können, schicken ihren Nachwuchs deshalb lieber in eine Privatschule oder gründen gleich selbst eine, sogar Migrantenfamilien entfliehen bereits auf diesem Wege der staatlichen Unfähigkeit.
Das ist schlimm. Doch es ist noch immer nicht das Hauptproblem. Dass all die Missstände seit Jahren bekannt sind, eine Lösung aber ausblieb, ist der eigentliche Skandal. Schon unter Kanzler Helmut Kohl scheiterte ein Bildungsgipfel. Müssten nicht längst alle Schulen in Geld schwimmen, seit PISA den Deutschen den Spiegel vorhielt? Müsste nicht den Kindern, den Jüngsten, allererste Aufmerksamkeit und Unterstützung gelten? Statt dessen herrschen Mangelwirtschaft und Kompetenzwirrwarr: Wandfarbe und Hausmeister zahlen die Kommunen, die Lehrer und das wenige vorhandene Lehrmaterial die Länder.
Bildung ist Ländersache, eifern die Fürsten zwischen Stuttgart und Schwerin. Gestärkt durch das Grundgesetz, betrachten sie das Belehren des jungen Menschen als ihr Privileg, praktisch aber weniger als Verpflichtung. Außerhalb regionalstaatlicher Denkstrukturen gilt der Grundsatz, dass sich ein Bewerber für eine Aufgabe qualifiziert haben muss. So tun das weltweit täglich Tausende, bevor sie etwa eine neue Arbeitsstelle antreten. Anschließen gilt es, sich zu bewähren, das entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen.
Doch die Länder reklamieren eine Aufgabe für sich, bei deren Erfüllung sie seit Jahren versagen. Täglich um acht Uhr nehmen die Regionalfürsten hunderttausende Schüler für acht, neun Stunden in Klassenzimmern in politische Geiselhaft, anstatt sich zugunsten einer sinnvollen Lösung des Bildungsdesasters von der Schulpolitik zurückzuziehen. Denn der Nachweis, dass Länder-Verantwortung für Bildung die bessere Lösung ist, fehlt seit Jahren.
Leider ist der Föderalismus, und damit die Länderhoheit, bis auf weiteres in Beton gegossen. Bundeskanzlerin Merkel hat insofern nur die Chance, die profilierungssüchtigen Länderfürsten in Dresden an die Hand zu nehmen und ihnen klar zu machen: Sie müssen nicht um das beste Schulsystem konkurrieren, sondern sich um die Bildung von Menschen kümmern. Keine Familie zieht von Bundesland zu Bundesland, weil anderswo eine bessere Schule steht. Kinder lernen dort, wo ihre Eltern arbeiten und leben. Und kein Arbeitgeber bevorzugt einen Bewerber, nur weil er in Bayern zu Schule ging. Es wird höchste Zeit, die Länder vom Profilierungs-Trip abzubringen.
In der Bankenkrise ging alles ganz schnell. Die Drohkulisse des heraufziehenden Untergangs unseres Gemeinwesens trieb Autoritäten des Staates zu Höchstleistungen an. Eine Woche reichte, um einer gut verdienenden Branche per Gesetz eine halbe Billion Euro zuzusichern. Das Bildungsdesaster währt mehr als ein Jahrzehnt.
Schade, dass sich die Väter des Landes nicht zu einer konzertierten mehrjährigen Zeugungsverweigerung zusammenfinden. Das Ausbleiben von Kindern würde das Gemeinwesen weit stärker ruinieren als die Finanzkrise. Ob dann noch einer ruft: «Zeugung ist Ländersache»?