10.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Manche machen keinen Hehl aus ihrer rechtsextremen Gesinnung
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Sie tarnen sich als unpolitische Jugendfreizeitanbieter: Es wird gegrillt, gefeiert und für die Schule gelernt - doch die Rechtsextremen streuen dabei geschickt nationalsozialistische Inhalte ein. Jetzt wappnen sich die Bürger.
Es war mitten in den Sommerferien, als die Polizei in der Nähe der Kleinstadt Güstrow ein beängstigendes Camp aushob: Knapp 40 Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren lernten in einer Zeltstadt auf einem Privatgelände unter Anleitung von rund 50 Erwachsenen etwas, was die Polizei als «Verhaltensweisen und Lebensformen des Nationalsozialismus» bezeichnete. Zum Tagesablauf gehörte die Verbreitung rechtsextremistischer Inhalte. Zum Inventar zählten rechtsextreme Schriftstücke, Liedtexte und Tagebücher mit Hakenkreuzen.
Veranstalter war die «Heimattreue Deutsche Jugend» (HDJ), die vom Verfassungsschutz als neonazistisch eingestuft wird. Am Donnerstag durchsuchte die Polizei in 14 Bundesländern Büros der «Heimattreuen Deutschen Jugend» und beschlagnahmte unter anderem Computer und Dateien. Sollte die Auswertung ergeben, dass sich die Organisation in aggressiv-kämpferischer Weise gegen die Verfassung richtet, droht ihr das Verbot.
Dünn besiedelte Gebiete im VisierVor allem in Norddeutschland und vor allem in Mecklenburg-Vorpommern tarnt sich die HDJ seit Jahren als unpolitischer Jugendfreizeitanbieter - in dem steten Bemühen, unter diesem Deckmäntelchen rechtsextremen Nachwuchs zu rekrutieren. Seit dem Einzug der NPD in den Schweriner Landtag wittern die Rechtsextremen Morgenluft und betreiben intensive Basisarbeit: Organisiert von rechtsextremen Vereinen wird gegrillt und gefeiert, man erledigt Schulaufgaben und veranstaltet Schulungswochenenden.
Das stellt auch klassische Träger von Jugendarbeit vor eine enorme Herausforderung: Denn den Wohlfahrtsverbänden fehlen vor allem in den dünn besiedelten Regionen häufig die Mittel, eigene Jugendarbeit zu betreiben. Zudem ist auch die bestehende Wohlfahrtsarbeit mit rechtsextremen Einstellungen konfrontiert.
Mecklenburg-Vorpommern leert sich«Ob in der Erziehungsberatung, in der Jugendsozialarbeit oder in den Schulen: Rechtsextremismus ist ein Thema», sagt Ulrich Höckner, Kreisstellenleiter der Caritas in Ostvorpommern. Die Caritas in Anklam kämpft seit Jahren an mehreren Fronten gegen den Einfluss der Rechten. Sie bemüht sich, Jugendlichen andere Perspektiven zu bieten: in der Freiwilligenarbeit, in der Schulsozialarbeit, in der Freizeitarbeit in den Kommunen.
Sinnvolle Arbeit - aber auch ein Kampf gegen das, was Höckner als «Sanduhrprinzip» beschreibt: Mecklenburg-Vorpommern leert sich, langsam, aber ohne Unterlass. Die Mobilsten und am besten Gebildeten verlassen das Land. Diejenigen, die bleiben, sind am ehesten für rechtsextreme Einstellungen anfällig. Das Land zahlt den Kommunen Geld für Jugendarbeit pro Jugendlichem - je weniger da sind, desto weniger Mittel. Allein dem Landkreis Ostvorpommern, erklärt Höckner, seien in den vergangenen Jahren 24.000 Euro für Jugendarbeit gestrichen worden.
«Kümmerpolitik ist ein ganz wichtiges Mittel»Thomas Niermann vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband beobachtet, dass Rechtsextreme Felder der Wohlfahrt - von der Hausaufgabenhilfe über Freizeitangebote bis zur Elternarbeit - besetzt haben. Das gelte längst nicht nur für Mecklenburg-Vorpommern. «Sogenannte Kümmerpolitik ist ein ganz wichtiges Mittel im Kampf um die Köpfe und viel verbreiteter als Anfang der 90er Jahre», sagt Niermann.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege will am 23. und 24. Oktober auf dem Kongress «Freie Wohlfahrtspflege gegen pädagogische und soziale Bestrebungen rechtsextremer Organisationen» in Berlin die aktuelle Lage analysieren, die Bestrebungen rechtsextremer Organisationen bekannter machen und Gegenstrategien entwickeln. (Jeannette Goddar, epd)