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Das war die Wende : 

Das Wunder von Leipzig

10. Okt 2008 09:27
Am Gedenktag 2007
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Deutschland feiert den 3. Oktober, es erinnert an den 9. November. Doch was im Wendejahr 1989 zwischen diesen Tagen geschah, ist weit wichtiger als Einheitstag oder Mauerfall, erinnert Tilman Steffen. Am 10. Oktober herrschte Erleichterung darüber, dass kein Blut geflossen war.

Wie kam Deutschland eigentlich zueinander? In den Tagen des Oktober 1989 rang die DDR mit sich selbst. Die Frage nach Bleiben oder Gehen bestimmte die Privatgespräche zwischen Menschen, sofern sie einander trauten. «NND?» begrüßte sich morgens am Arbeitsplatz, wer (noch) nicht gen Westen unterwegs war: «Na, noch da?» Ironie war ein wichtiges Mittel im Osten, um die innere Brücke zwischen öffentlich präsentierter Haltung und privater Ansicht vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Das Land war in diesen Monaten gedrittelt: In die Ausreisekandidaten, die ihr Glück hinter dem löchrigen Stacheldrahtzaun im ungarischen Sopron oder in der Prager Botschaft vermuteten. Es gab die überzeugten Hierbleiber, beseelt von der Überzeugung, Freiheit zu schaffen sei im eigenen Lande möglich. Den Rest bildeten die Gegner, die Bonzen, die SED-Staatslenker aus dem Berliner Staats- und Ministerrat, das allmächtige Zentralkomitee und deren engmaschiges Netzwerk bis in Schulen und Betriebe hinein.

Eine Zeitung hatten viele nur wegen des Lokalteils abonniert. Durch die ideologietriefige Bleiwüste der vorderen Seiten mochte sich keiner quälen. «Jeder hat in der DDR seinen Platz» textete die staatstreue CDU-Postille «Die Union» gegen die Fluchtwelle an. Es war die Ausgabe nach der offiziellen Jubelfeier zum Gründungsjubiläum der so genannten Republik, dem 7. Oktober. Über drei Seiten zogen sich Reden Honeckers und Gorbatschows hin, gehalten zum 40. Jahrestag der DDR. Der im DDR-Untergrund als der neue Reformator verehrte Russe sprach in Berlin auch vom begonnenen Wandel seines eigenen Landes. Honecker trommelte dagegen an: «Vorwärts immer, rückwärts nimmer!»

Gorbatschow
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Doch abseits der großen Schlagzeilen brach sich in den Oktobertagen von 1989 quäntchenweise Pluralismus Bahn. Auf den Leserbriefseiten der Blätter wandelte sich der Ton: Von Zweifeln geplagte Redakteure ließen nun auch abdrucken, dass «in unserer Republik Widersprüche und Probleme herangereift sind». Doch wenige Zeilen weiter begingen die Ausreisekandidaten dann wiederum «Verrat an der Heimat».

Am 10. Oktober, einem Dienstag, herrschte unter den Ausreisern und Hierbleibern Erleichterung darüber, dass es keine Toten gegeben hatte. Am Vorabend waren in Leipzig 70.000 Menschen mit Kerzen über den Stadtring gezogen, nach einem Friedensgebet in der großen Nikolaikirche. In der Vorwoche waren 10.000 gekommen. Die größte spontane Demonstration seit dem Arbeiteraufstand von 1953 versetzte die Staatsmacht in Starre. Meist schweigend bog die Menge auf den Stadtring ein, schritt vorbei an hunderten verdatterten Polizisten mitsamt ihrem schweren Gerät.

Die Menschenmasse von Leipzig am 9. Oktober 1989
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Krankenhäuser hatten auf Anweisung hin Betten frei geräumt, falls Blut fließen sollte. Gewalt gegen friedliche Demonstranten – oder kriminelle Staatsfeinde, je nach Sichtweise – war einkalkuliert, die Nervosität entsprechend hoch. Wer dieser Tage abends überraschend nicht nach Hause kam, war mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit über die tschechische Grenze nach Prag oder Ungarn unterwegs oder von der Polizei «zugeführt», wie die Festnahme der demonstrierenden «Konterrevolutionäre» im Polizeijargon hieß. Auch zum Republikgeburtstag hatte Uniformierte massenhaft Demonstranten abgeführt, die weitab der staatsoffiziellen Fernsehkameras gegen die verlogene Schau protestierten.

Doch 70.000 Leipzigern war das Risiko egal. Die stille Macht der Demonstranten, das Kerzenlicht, ihr Mantra «Keine Gewalt», ihr anschwellender Ruf «Wir sind das Volk» verhinderten ein Massaker. Der Geist, der aus dem Kirchenbau auf die Straßen wehte, zerriss die Befehlsketten staatlicher Gewalt und lähmte die Gummiknüppel. Das Wunder von Leipzig ließ die uniformierten Hüter der Staatsmacht begreifen, dass sie auf der falschen Seite standen. Sie liefen über zur Gruppe der überzeugten Hierbleiber.

Bald fiel sie völlig: Die Berliner Mauer
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Der 9. Oktober von 1989 war die eigentliche Wende, der Boden für alles, was danach möglich war: Die Millionen-Demonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz, der Mauerfall. Mit seinen Schritten über den Leipziger Stadtring verbreiterte der Menschentross den Graben um die Greise von Wandlitz. Von diesem Tag trachteten immer mehr Bezirksfürsten danach, Honecker und seinen Stab in die Rente zu schicken.

Der Montag nach der Jubelfeier wurde der Setzling am Fuße der Berliner Mauer, dessen starke Wurzeln einen Monat später den trennenden Beton zu Fall brachten, so wie ein Grashalm Asphalt durchbricht. Die 70.000 von Leipzig bescherten fast 17 Millionen weiteren Menschen die dauerhafte Freiheit und Momente unbeschreiblichen und unwiederholbaren Glücks.

 
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