Münteferings Buch:
Das Senior-Talent, das die SPD retten soll
Die SPD ächzt elf Monate vor der Bundestagswahl im Umfragetief. Sie hat in drei Jahren drei Vorsitzende verschlissen. Die Partei braucht jetzt jemanden, der aus Wasser Wein machen kann. Müntefering ist der Mann, auf den sie hofft. Er sitzt wie eine Säule, als er seine Thesen erläutert. Er verkörpert Askese, ist von straffer Ausstrahlung und direktem Wesen, die Haare liegen wie immer geordnet nach hinten. Nur für Momente zeigt er Nachdenklichkeit.
Sein «Sabbatjahr» hat ihm den Blick für die Gefahren der Neuzeit geweitet. Schon seine pointierte «Heuschrecken»-Kritik an Investmentfirmen und anderen Geldjongleuren, erläutert Müntefering, entsprang der «Sorge um die Demokratie». Die Krise des Finanzmarktes gibt ihm nun wieder Recht. Ihn treibt die Furcht vor «konservativem Verhalten» der Menschen, vor aufkommender Angst und Panik.
Der Heilsbringer spricht vom Kampf um die Meinungsführerschaft, den er jetzt gegen die CDU führen will. Ihm entschlüpfen Begriffshülsen wie «Wohlstand sichern», «Gute Arbeit», also Mindestlöhne, möglichst Vollbeschäftigung, die «soziale Gesellschaft». Bei der Wahl der Mittel lässt er durchaus Kompromisse zu: «Wir müssen zwischen Zielen und Weg differenzieren, das wird zu oft vermengt.» Das wird wichtig werden für die Zeit nach der Bundestagswahl, wo die SPD nach derzeitigem Stand der Dinge nur mit der Union weiter regieren kann. Seine Gegner warnt er, das Soziale nicht zum Selbstzweck zu erheben. «Der Kuchen muss auch erwirtschaftet werden.»
Kurz vor seinem Abschied war er unterlegen, im parteiinternen Kampf um die Agenda 2010 niedergerungen von dem jüngeren Kurt Beck. Nun ist Beck weg, ausgeschieden durch K.O. Den Schlag führten andere. Doch Müntefering geht als Sieger hervor aus einem Kampf gegen seinen Nachfolger. Nachdem der Agenda-Verfechter 2005 aus Frust über eine Personalie im Willy-Brandt-Haus den Parteivorsitz hinwarf, hat er wohl nie richtig akzeptieren können, dass erst Platzeck und dann ausgerechnet Beck ihn beerbte. Ist Müntefering der Stoiber der Sozialdemokraten?
Schon damals, so sieht es Müntefering heute, lief etwas falsch. Nicht sein Rücktritt von der Parteispitze, sondern den Parteivorsitz 2004 von Gerhard Schröder überhaupt zu übernehmen, sei ein Problem gewesen, korrigiert er heute. Damals war es für ihn noch «Das schönste Amt neben Papst» aus heutiger Sicht eine glatte Fehleinschätzung.
Ein Beispiel zu liefern, wie sehr Demokratie entgleisen kann, fällt Müntefering nicht schwer: Bayern stand bis vorvergangenen Sonntag unter der Herrschaft einer Partei, die dies bei einer Wahl jedoch schmerzlich zu spüren bekam. Seither ergeht sich die CSU in Selbstbeschäftigung.
Wer Müntefering zuhört, könnte Hoffnung schöpfen auf eine Wiederkehr der Volksparteien. In den nächsten elf Monaten kann er den Beweis antreten, dass dies möglich ist.

