Mecklenburg-Vorpommern:
Sellerings Stolper-Start
06. Okt 2008 21:01
 |  Sellering fühlt sich als als Vorpommer | Foto: dpa |
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Fünf Koalitionäre verweigerten ihm bei der Wahl im Landtag die Stimme. Dennoch führt der Westfale ohne Ost-Prägung als Ministerpräsident künftig Mecklenburg-Vorpommern - ein Zeichen der Normalität, meint sein Vorgänger Ringstorff. Eine Koalition mit der Linken hält Sellering für denkbar.
Mecklenburg-Vorpommern wird erstmals von einem Politiker ohne DDR-Biografie regiert. Seit Montag steht der gebürtige Westfale Erwin Sellering an der Spitze des Küstenlandes. Für den 69- jährigen Ex-Regierungschef Harald Ringstorff (beide SPD), der das Amt nach zehn Jahren aus Altersgründen abgab, ist das Ausdruck deutsch- deutscher Normalität im Jahr 19 nach dem Mauerfall. Nur noch die Hälfte der acht Minister in Sellerings Kabinett gehört jener Politiker-Generation an, deren Weg maßgeblich durch die Wende von 1989 geprägt wurde.
Ringstorff, der zu den ersten Gratulanten zählte, überreichte seinem bisherigen Sozialminister einen Hammer, mit dem er gegebenenfalls auf den Tisch hauen könne. Mit Verwaltungs-, Schul- und Theaterreform stehen für das Land wichtige, zum Teil kontrovers diskutierte Projekte auf der Tagesordnung. Zudem bedrohen die Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten die zuletzt überaus positiven Entwicklungen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern. Und so zählte Sellering unmittelbar nach seiner Wahl eine solide, vernünftige Finanzpolitik und eine gute Wirtschaftspolitik zu den wichtigsten Aufgaben seiner Regierung. Der Koalitionspartner CDU und Vertreter der Wirtschaft mahnten den neuen Regierungschef, am bisherigen Kurs solider Finanzen festzuhalten. Trotz aller Fortschritte - wie etwa dem begonnenen Schuldenabbau - hängt Mecklenburg-Vorpommern nach wie vor am Tropf des Westens.
Einen eigenen Weg gehen
Mit Sellering, der seit April 2007 auch SPD-Landeschef ist, tritt nicht nur ein Politiker ohne die prägenden Erlebnisse des Wendeherbstes an die Spitze des Landes. Auch könnte ihm die Rolle des Landesvaters schwerfallen - die der «Plattsnacker» Ringstorff mit Bravour ausfüllte und die wohl das Geheimnis von drei SPD-Wahlsiegen in Folge war. Die SPD in Mecklenburg-Vorpommern - das war stets Ringstorff. «Ich werde meinen eigenen Weg gehen, die Menschen auf meine Weise ansprechen», sagte Sellering und machte damit deutlich, dass er seine Füße nicht direkt in die Fußstapfen Ringstorffs setzen will.Er sehe sich zudem inzwischen eher als Vorpommer denn als Westfale. Seit 1994 wohnt Sellering mit Frau Antje und zwei erwachsenen Töchtern in Greifswald. «Unsere Chancen bestehen darin, dass aus ganz Deutschland, von überall her, Menschen hierherkommen und dieses Land wunderschön finden, nicht nur als Touristen, sondern auch, um hier zu leben und zu arbeiten», betonte der neue Regierungschef. Er jedenfalls fühle sich «mit offenen Armen aufgenommen».
Pragmatische Politiker
In einem sind sich beide SPD-Politiker aber gleich: ihrem Pragmatismus. So wie Ringstorff, der 1998 gegen erbitterte Widerstände aus der eigenen Partei die damalige PDS ins Regierungsboot holte, hält auch Sellering eine Zusammenarbeit mit der Linken für durchaus denkbar. Die SPD an der Ostseeküste sei so ausgerichtet, dass sie mit der CDU wie auch mit der Linken zusammengehen könne. «Da gibt es keine Tabus», sagte er. Und beruhigte den aktuellen Regierungspartner CDU sogleich: «Die jetzige Koalition läuft sehr gut.» Seine strategischen Fähigkeiten zeigt der neue Regierungschef gelegentlich auch als Schach- und Doppelkopfspieler. Anders als Ringstorff, der als Mann einsamer Entscheidungen galt, sieht sich Sellering aber als Mannschaftsspieler. So gingen der Nominierung der drei neuen SPD-Minister längere Gespräche in Fraktion und Parteispitze voraus, bei denen der 58-jährige Jurist ein Stimmungsbild einholte.
Mit seiner Entscheidung, neben zwei bewährten Fraktionsmitgliedern die 34-jährige Kommunalpolitikerin Manuela Schwesig als Sozialministerin ins Kabinett zu holen, bewies Sellering Mut und Geschick. Denn gegen die Nominierung einer jungen, engagierten Frau wollte sich die zuletzt aufmüpfige Fraktion nun doch nicht auflehnen. Ob einige Sellering dann bei der Wahl zum Regierungschef die Zustimmung versagten, bleibt Spekulation. Von 45 möglichen Stimmen der SPD/CDU-Koalition erhielt er nur 40, zwei weniger als Ringstorff 2006. (Von Frank Pfaff, dpa)