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Finanzmarkt-Talk: 

Public Viewing mit Anne Will

06. Okt 2008 10:11
Bankentürme in Frankfurt
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Politiker aufgepasst! Derzeit lässt sich nahezu jedes ungeliebte Gesetz durchbringen, weil die Finanzkrise alle Aufmerksamkeit bindet. «Anne Will» flankierte die Diskussion in Populisten-Manier, doch die Wärme des Studios hat mit der mörderischen Finanzwelt nichts gemein. Von Tilman Steffen

Es war eine bizarre Veranstaltung, der die Fernsehzuschauer am Sonntagabend beiwohnen durften. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Kanzlerin Angela Merkel verkündeten den deutschen Sparern, dass ihre Einlagen auch angesichts der jüngsten Zuspitzung der globalen Finanzkrise sicher seien. Eine Art Staatsgarantie gaben beide, bevor sich die Unterhändler des Bundes mit den Vertretern der Banken ins Finanzministerium zurückzogen, um die Pokerpartie um die wankende Bank Hypo Real Estate (HRE) fortzusetzen. Denn nichts wäre derzeit für die Staatslenker verheerender, als lange Schlangen besorgter Sparer, die am Bankschalter verunsichert und erregt die Herausgabe ihrer Rücklagen begehren.

Wie belastbar solche Beteuerungen sind, wissen die Deutschen, seitdem der einstige Bundessozialminister Norbert Blüm die Rente auf guthessisch für «sischer» hielt. Bei «Anne Will» rückte Steinbrücks Kollege an der Spitze des Wirtschaftsressorts, Michael Glos, die Frohe Botschaft gerade: «Eine politische Garantie» ohne jede Rechtsverbindlichkeit sei das gewesen, so die zutreffende Exegese des Franken. Sparguthaben, und auch nur solche, sind im deutschen Bankensystem bis 20.000 Euro abgesichert, kein Cent mehr. Wollten die Kanzlerin und ihr Kassenwart für mehr garantieren, müssten sie ihre Privatschatullen öffnen. Für Aktien oder Fonds bürgt sowieso kein Staat. Das spürt derzeit auch Hans-Joachim Knopf, Gast auf Anne Wills Betroffenencouch.

Die Sonntagabendrunde suchte nach Antworten auf die allgegenwärtige Frage, wer Schuld daran hat, dass sich die Banken gegenseitig nicht mehr trauen und ob der Staat mit Steuergeld für Banken-Missmanagement einspringen soll.

Unterstützt wurde Glos in seinen Zweifeln an der Merkel'schen Verheißung von dem ehemaligen Manager der Dresdner Bank, Gerd Häusler, der in der Runde zudem den brancheninternen Chefankläger gab: «Eine Krise mit Ansage» sei die Schieflage der Bank HRE gewesen, vorhersehbar, vermeidbar also und sie wäre anderswo «mit Entlassungen quittiert» worden. Da die Hauptverantwortlichen bei «Anne Will» nicht vertreten waren, ließ es sich ungehindert pöbeln. Schon der Titel der Sendung «Turbo-Kapitalisten außer Rand und Band - Warum zahlen wir für die Versager?» führte in «Bild»-Manier auf die Populisten-Spur: Denn die Bürgschaft, die Staat und Banken im Finanzministerium für die HRE aushandelten, dient der Sicherheit der Bank im Markt, Geld fließt nur im Falle einer Insolvenz.

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Am lautesten tobte der frühere SPD-Sozialexperte Rudolf Dressler, was nicht nur die Fülle seines sonoren Organs bedingt. «Leute, die ganze Volkswirtschaften an den Abgrund führen, sind Kriminelle», poltert er. Glos erregte sich mit Finanzmanager Häusler gemeinsam über die HRE-Manager, die quasi über Nacht ein weiteres, 14 Milliarden Euro großes Loch in der Bilanz entdeckt hatten. Anderen Banken war darüber die Lust vergangen, für das gefährdete Geldhaus zu bürgen, sie kündigten die bereits paraphierte 26-Milliarden-Garantie auf. Dressler ist angesichts dieser Salamitaktik nicht zu stoppen: «Jetzt rufen diese Leute nach dem Staat, zur Deckung ihrer eigenen Unzulänglichkeit.» Hauptziel der Attacke: Deutschlands mächtigster Banker Josef Ackermann, der dieser Tage einen europäischen Sicherungsfonds aus Steuergeldern verlangte.

Attac-Mitgründer Sven Giegold («Die Finanzmarktseiten der Zeitungen lesen sich wie ein Kriminalroman») sucht nach Verantwortlichen in der Runde. Er klagt Glos stellvertretend für die Politik an, den Finanzmarkt bewusst dereguliert zu haben. Giegolds globalisierungskritisches Netzwerk warnt seit Jahren vor dem allzu freien Fluss der Milliarden. In letzter Zeit war es still geworden. Nun könnte Attac sogar zum Profiteur der Finanzmarktkrise werden, lässt die Sorge um das Ersparte doch im Volk die Skepsis am unkontrollierten Spiel der Wirtschaftskräfte wachsen.

Pleite-Sparer Hans-Joachim Knopf vom Betroffenensofa hatte für die Ausbildung seiner vier Kinder 22.000 Euro in Fonds der Pleitebank Lehman Brothers angelegt – und im Abwärtssog des Marktes verloren. Sein Berater bei der Citibank reagiere weder auf Anrufe noch auf E-Mails, schildert Knopf. Grinsen im Publikum, Häusler und Glos tuscheln. Knopfs Geldanlage sei «riskanter als normales Spargeld» gewesen, lautet die Diagnose des Ministers. Das kann also überall und Jedem passieren: «Wenn selbst große Banken unsichere Anlagen kaufen, kann es auch Kleinanleger treffen», subsumiert Glos. So schnell können Ursache und Wirkung durcheinander geraten. Glos schafft es noch, seine Forderung nach einem Fach «Wirtschaft» an Schulen anzubringen, damit keiner auf schlechte Beratung hereinfalle.

Börse in Frankfurt
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Der ehemalige österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser, heute Vorstandschef einer Investmentgesellschaft, rettete einst mit Staatsgeld die gewerkschaftseigene Bawag-Bank. Heute will er, dass sich die Banken gegenseitig sichern: «Zuerst der Sektor, zuletzt die Steuerzahler». Da mag keiner widersprechen: Nur außerhalb des Fernsehstudios zeigt die raue, kalte Welt ein anders Bild: Zur Rettung der HRE sicherten die Banken acht Milliarden Euro zu, der Bund 26.

Dressler machte noch einen anderen Feind des Sparers aus: Die Medien, genau genommen der ARD-Börsenbericht vor der Tagesschau (Grasser: «Das schaue ich regelmäßig»). Das Überbleibsel aus den Zeiten der Spekulationsblase am Neuen Markt von Ende des letzten Jahrtausends glorifiziere die unsicheren Finanzmärkte. Angesichts der Minderheit von zehn Millionen Aktienbesitzern in Deutschland sei das zuviel des Guten, beschwert sich Dressler und verlangt nach einer «mentalen Korrektur» der Medien.

In Wills Abmoderation schalten sich die ARD-«Tagesthemen» hinein, mit Merkels und Steinbrücks Sicherheitsversprechen, das den Dax-Trend des Montagmorgen maßgeblich beeinflussen wird. Bald soll auch die Krisenrunde im Finanzministerium enden. Die Neugier in der Runde wächst. «Das schauen wir uns gemeinsam an», sagt Will. Public Viewing im Fernsehstudio.

 
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