Veränderung im Gesundheitssystem: 

netzeitung.deDer Kampf der Kassen

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Künftig zahlen die Versicherten erst einmal alle dasselbe (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Künftig zahlen die Versicherten erst einmal alle dasselbe
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Der Gesundheitsfonds bringt im kommenden Jahr einen Einheitsbeitrag für alle Krankenkassen. Wie genau sich das auswirken wird, darüber sind sich nicht alle Experten. Mit positiven Folgen rechnet aber kaum jemand.

15,5 Prozent vom Einkommen sollen es werden – der Gesundheitsfonds saugt ab 2009 in einem deutlich höheren Umfang Beitragsgeld von Arbeitgebern und Beschäftigten für die gesetzliche Krankenversicherung ab. Der Fonds selbst sei unschuldig, beteuert die Regierung. Empörung gibt es trotzdem. Und die Sorge, dass die 70 Millionen Versicherten nicht einmal höhere Qualität für das viele Geld erwarten können – ein Szenario für das Zeitalter des Fonds:

Die Kassenlandschaft wird sich dramatisch verändern. Millionen Versicherte müssen sich wohl umgewöhnen. Ob es zu einer Volkswanderung zwischen den Versicherungen kommt, weiß keiner. Vor allem kleine, bislang günstige Versicherer werden es schwer haben. Denn künftig gilt der Einheitsbeitrag. Einen Preisvorteil gibt es zunächst nicht mehr. Die Fusionswelle ist längst angerollt, ob und wann es Schließungen und Insolvenzen gibt, ist ungewiss.

Angesichts von insgesamt rund 10 Milliarden Euro mehr im Startjahr des Fonds klingt es paradox, dass Kritiker eine Sparwut der Kassen vorhersehen. Mehr als 160 Milliarden Euro kommen in den Topf. Doch das Geld ist schon fest eingeplant. Allein die rund 145.000 Kassenärzte und Therapeuten sollen im Schnitt je rund 18.000 Euro mehr bekommen.

Leistungen, die nicht sein müssen, werden gestrichen
Die Kassen warnen, dass das Geld nicht einmal reicht. Kommt eine Kasse mit den Pauschalen aus dem Fonds nicht aus, kann sie bei ihren Mitgliedern die Hand noch einmal aufhalten. Dann wird der berüchtigte Zusatzbeitrag fällig. «Keiner will der erste sein», sagt der Ökonom Jürgen Wasem. Folge: Leistungen, die nicht sein müssen, werden wohl zunächst vermehrt gestrichen. Schon 2008 blieben viele Verträge unverlängert, etwa für Angebote für gestörte Kinder.

Dann aber, ab 2010, erwarten Fachleute tatsächlich verstärkt diese Zusatzbeiträge für viele der 51 Millionen Mitglieder. Der Fonds muss dann die Gesamtkosten der Kassen nicht mehr komplett abdecken, und die dürften steigen. Barmer-Chef Johannes Vöcking: «In drei bis vier Jahren werden alle dabei sein.» Dann läuft der Wettbewerb wieder über den Preis. Und zugleich – erwartet Wasem – auch wieder stärker über die Qualität: Haben sich Kassen und Versicherte an den Fonds und die Extrabeiträge gewöhnt, gewinnt wohl auch die Werbung mit Angeboten und Leistungen an Fahrt.

Durch intelligente Angebote unterscheiden
Einige Kassen lüfteten die Schublade mit ihren Plänen. Beispiele: die Vermittlung von Facharztterminen, Leistungen für Familien, Angebote für jüngere Arbeitnehmer zur Burn-out-Vorbeugung oder eine Testmitgliedschaft. Und Programme mit Selbstbehalten oder Boni. Und etwa die KKH möchte nach ihrer Ehe mit der Betriebskrankenkasse des Privatversicherers Allianz verstärkt Zusatztarife jenseits des Standards anbieten.

«Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass sich die Krankenkassen nicht nur durch den Beitrag, sondern auch durch möglichst intelligente Angebote unterscheiden», sagt der Chef der Verbraucherzentralen Gerd Billen. Er sieht aber Risiken. Die Kassen dürften demnach nicht zu lasch beaufsichtigt oder die Verbraucher zu schlecht über das Angebots-Wirrwarr informiert werden.

Keine Lösung der Finanzierungsprobleme
Kritiker sehen den Wettbewerb zudem durch den Finanzausgleich im Fonds unterminiert. Ob jemand mehr verdient oder weniger, ob jemand zu den typischen Chronikern zählt oder nicht – viel Unterschied macht das für die Kasse erstmal nicht. Solidarischer soll das System dann sein.

Mit der 15,5-Marke und damit der Erhöhung der meisten Beiträge dürfte der Wahlkampf über die steigenden Kosten eröffnet sein. Der Vorsitzende des Gesundheits-Sachverständigenrats, Eberhard Wille, hält eine neue Reform Anfang kommender Legislaturperiode für wahrscheinlich. «Die zentrale Schwachstelle des Gesundheitsfonds besteht darin, dass er keinen Beitrag zur Lösung der dringenden Finanzierungsprobleme leistet», sagt er. Finanzierung, Qualität, Effizienz – das ist für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach die Messlatte. Auch gegen das «Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung», wie sie sagt. (Basil Wegener, dpa)