Die deutschen Leitartikler kommentieren Becksteins Rücktritt und das erstaunliche Aufblühen der vielen Kandidaten für die Staatskanzlei. Ein Favorit ist klar zu erkennen, der Rest wird abgewatscht. Mit Audio
Süddeutsche Zeitung: «Brutale Härte»
Die CSU ist eine Partei, die sehr viel mit einem Dax-Konzern gemeinsam hat. Das Dekor von Trachtenanzug und Alpenglühen verdeckt ein wenig die brutale Härte dieser Partei, die sonst nur in Manageretagen zu finden ist: Sie hält den, der Stimmen garantiert. Und stößt den ab, der keinen Gewinn mehr verspricht – egal, ob man sich ihm über Jahre hinweg verbunden fühlt. Ob das Produkt, das die Firma CSU anbietet, auch etwas taugt, ist ihr nicht so wichtig. Es ist ein Muster, das sehr lange sehr gut funktioniert hat. Es ist der Stil, den die CSU selbst jetzt nicht ablegen kann.
Frankfurter Allgemeine Zeitung: «Die Angst vor der Enthauptung»
Übernatürliche Gaben brauchte es allerdings nicht, um zu erkennen, dass Becksteins Schicksal am seidenen Faden hing, seit die Welle seinen Seilschaftskameraden Huber fortriss. Schon der Parteivorsitzende wollte schließlich nicht das alleinige Flutopfer sein.
Nationale Pressestimmen zum Anhören:
Beckstein, der kein schlechter Ministerpräsident war, hatte nur eine Chance: dass die Scheu der CSU vor der kompletten Enthauptung und den folgenden Diadochenkämpfen größer sein würde als die Wut über den Verlust der absoluten Mehrheit und die Angst, künftig nur noch eine Regionalpartei ohne viel Bedeutung zu sein. Nichts aber fürchtet die CSU mehr als den Gedanken, ihren Mythos zu verlieren.
Nürnberger Zeitung: «Jeder gegen jeden»
Andere Parteien haben Flügel, aber die CSU ist nicht wie andere Parteien. In Bayerns einstiger Staatspartei verlaufen die Fronten mangels ernsthafter ideologischer Gegensätze kreuz und quer: Altbayern gegen Franken, Landtagsfraktion gegen Bundestagsfraktion, jeder gegen jeden. Es scheint, als wolle die CSU noch in ihrer tiefsten Krise beweisen, dass sie viel mehr ist als ein südlicher Landesverband der CDU. Was Roland Koch in Hessen noch möglich war – das Aussitzen einer ähnlich desaströsen Wahlniederlage – ist bei den leidenschaftlichen Erben von Franz Josef Strauß nicht denkbar: Alles durchkosten sie ganz, den Triumph wie die Selbstzerfleischung nach der Niederlage.
Münchner Merkur: «Der Fraktion ist jeder Irrsinn zuzutrauen»
Der bayerische Erbfolgekrieg wird immer zerstörerischer: Huber und Beckstein haben ihre Ämter verloren – aber noch nicht die Hoffnung, den verhassten Horst Seehofer, Stoibers Mann und designierten Parteivorsitzenden, wenigstens als Ministerpräsident zu verhindern. Auf einem Krönungs-Parteitag, wo die Basis regiert, würde Seehofer haushoch gewinnen. Also setzen dessen Gegner auf die Landtagsfraktion, die einst Stoiber stürzte. Ihr ist jeder Irrsinn zuzutrauen – selbst die Wahl Georg Schmids oder Joachim Herrmanns zum Ministerpräsidenten. Dennoch ist Seehofer der haushohe Favorit. Schließlich ist es kaum vorstellbar, dass sich die Partei schon dem ersten Wunsch ihres designierten Vorsitzenden widersetzt. Denn damit hätte bereits die Demontage begonnen.
Berliner Zeitung: «Ein Heilsbringer wie Müntefering»
Es mag klug sein vom designierten Parteichef Horst Seehofer, in dieser Situation nicht auf dem Regierungsamt zu bestehen. Doch es zeigt zugleich die Grenzen seiner Macht. Dennoch spricht viel dafür, dass er am Ende beide Ämter bekleiden wird. Außerhalb der Fraktion, unter den einfachen Mitgliedern der CSU, genießt er ein ähnliches Heilsbringer-Image wie Franz Müntefering in der SPD. Dem müssen die Abgeordneten Rechnung tragen. Allerdings war Seehofer noch nie die Nummer Eins. Er gefiel sich darin, aus der zweiten Reihe zu agieren, nicht immer mit offenem Visier. Sein Können als Führer von Partei und vielleicht auch Land wird er erst unter Beweis stellen müssen.
Horst Seehofer also als neuer Doppel-Whopper der CSU? Vor dieser nächsten Konsequenz schrecken die weißblauen Revolutionäre wider Willen vorerst zurück. Fragt sich: Wie lange? Das Personalkarussell lässt sich bremsen. Zu stoppen ist es nicht mehr. Dazu gehört, dass der Machtkampf um die Nachfolge der Doppelverlierer personellen Ausdruck findet. Die einst so mächtige Landtagsfraktion in München kann sich nicht einfach vom Berliner Seehofer beiseite drängen lassen. Dass die Möchte-gern-Ministerpräsidenten im Dreier-Pack antreten und vom Format her der Liga Huber/Beckstein angehören nun ja, die Parteien können ihr Personal nicht backen.
20cent, Cottbus/Saarbrücken: «Komödienstadl ist normal»
Eigentlich wäre die Situation in Bayern die Stunde aller Parteien in der Opposition. Sie könnten sich zusammentun und die CSU sich selbst überlassen. Und den Freistaat Bayern verändern. Aber die FDP ist nicht normal. Die schmeißt sich lieber unbekannten Verlierern an die Brust. Normal ist in München also nicht, was demokratisch, logisch oder mit gesundem Menschenverstand zu erklären wäre. In Bayern ist normal, was sich der Rest der Republik allenfalls im Komödienstadl anschaut. (dpa)