Ministerpräsident für Bayern gesucht:
«Die Stelle im Bundesanzeiger ausschreiben»
01.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Viele Abgeordnete erwarten nicht, dass alle Bewerber bis zum kommenden Mittwoch durchhalten. «Ich bin nicht sicher, ob nächste Woche auch noch vier Kandidaten übrig sind», sagte der Niederbayer Helmut Brunner. Die Aussprache verlief nach Teilnehmerangaben zwar aufgeregt, aber sachlich. «Es sind keine Scherben zerbrochen», kommentierte der ehemalige Ministerpräsident Stoiber anschließend. Der «CSU-Ehrenspielführer» hat sich aktiv in die Auseinandersetzungen eingeschaltet und ließ nach der Sitzung eine Präferenz für Seehofer durchblicken.
Mancher CSU-ler sieht das anders: «Es fehlt eigentlich nur, dass wir die offene Stelle im Bundesanzeiger ausschreiben», spottet ein Abgeordneter. Keiner der vier potenziellen Ministerpräsidenten hat derzeit eine Mehrheit hinter sich. Die Telefondrähte glühen bereits bei laufender Sitzung, als die Abgeordneten per SMS beginnen, die Truppen an der Basis zu sammeln. Die zehn CSU-Bezirksverbände wollen sich in den kommenden Tagen auf ihre jeweiligen Favoriten festlegen.
Seehofer gilt für das Amt des Ministerpräsidenten nur als eine Art Reservebewerber. Eine sofortige Einigung auf einen Kandidaten habe er nicht gewollt. Dies sei eine «faire Haltung», erklärte Innenminister Herrmann. «Persönlich bin ich überzeugt, dass eine Doppelspitze besser ist für die weitere Entwicklung der CSU», sagte der Mitbewerber ums Ministerpräsidentenamt. Die Partei brauche eine starke Position in Berlin, stehe aber zugleich in Bayern der Herausforderung einer Koalition gegenüber. Dies spreche für zwei Köpfe.
Der noch amtierende CSU-Chef Huber nannte nach der mehrstündigen Sitzung der neugewählten Landtagsfraktion nur deren Mitglieder Herrmann, Goppel und Schmid als Kandidaten. Seehofer respektiere aber den Vorrang der Entscheidung aus der Fraktion heraus. Huber fuhr fort: «Es ist eine sehr ernste Situation. Wir haben das Signal der Wähler verstanden.«
Der Münchner CSU-Landtagsabgeordnete Ludwig Spaenle sagte vor Beginn der Fraktionssitzung: «Die Oberbayern haben Recht. Das Motto muss heißen: Es muss Partei und Land in eine Hand.» Dem widersprach der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hartmut Koschyk. Der «Mittelbayerischen Zeitung» sagte er: «Besser als eine Hängepartie mit mehreren Kandidaten für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten wäre nach dem Wahldebakel eine Person des Übergangs gewesen, die alle Teile der CSU integriert. Die Chance für einen kraftvollen Neuanfang hat die Fraktion damit erst einmal verpasst. Gut tut uns das nicht.»
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm den Rücktritt Becksteins «mit Respekt» zur Kenntnis. «Ich habe sehr gut und intensiv mit Günther Beckstein zusammengearbeitet.» Beckstein habe sich immer für die Interessen Bayerns eingesetzt. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte der ARD, der Rücktritt Becksteins sei «die richtige Konsequenz» aus dem Wahlergebnis vom Sonntag. SPD-Vize Andrea Nahles sagte dem Sender, auf den Wechsel an der CSU-Spitze folge möglicherweise auch eine politische Neuausrichtung der CSU. Grünen Fraktionsvize Jürgen Trittin sagte, es sei zu befürchten, dass die CSU in der großen Koalition unberechenbarer werde. (dpa/AP)

