01.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Seehofer (r.) mit Beckstein (M.) am Mittwoch in München
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Für jeden anderen als CSU-Vize Seehofer wäre das Ministerpräsidentenamt die Krönung. Doch Seehofer gehört in die Hauptstadt. Sein Wechsel nach München würde die CSU endgültig zur Regionalpartei degradieren, meint Tilman Steffen .
Wie sich die Dramen gleichen! Vor wenigen Wochen erwischte es die SPD, nun ist die CSU auf Personalsuche. Die so genannten Volksparteien haben ein Problem: Über Jahre hinweg führten die Alten, setzten ihre Maßstäbe und Ansprüche. Dass auch Nachwuchs eine Chance braucht, wurde verdrängt. Die SPD musste ihren früheren Vorsitzenden Franz Müntefering bitten, die Partei zu übernehmen. Schon als Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Innenminister suchte, fiel ihr nur der Kohl-Diener Wolfgang Schäuble ein. Das Agrarressort besetzte dessen früherer Ministerkollege Horst Seehofer. Auch die CSU wird Schwierigkeiten haben, die Lücke zu füllen, die Seehofer im Falle seiner Wahl zum Ministerpräsidenten hinterließe.
Verzweifelt geht die CSU ihre dürre Personalliste durch, um Beckstein zu ersetzen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann fehlen Rückhalt und bundespolitischer Einfluss, Europaminister Markus Söder die Reife. Sein Münchner Kabinettskollege Thomas Goppel katapultierte sich aus dem Rennen, indem er sich selbst via Interview als Kandidat ins Spiel brachte.
Für jeden anderen CSU-ler als Seehofer wäre die Übernahme der bayerischen Staatskanzlei die Krönung der politischen Laufbahn, sind doch die Landesfürsten die eigentliche Macht im bundesdeutschen Staatsgefüge. Nicht auszuschließen, dass Seehofer in München seiner Partei sogar zu altem Glanz der Stoiber- und Strauß-Zeiten verhelfen würde. Doch seine landespolitische Kompetenz gilt als unterentwickelt. Er ist längst bekennender Bundespolitiker.
Seehofer nun zum Ministerpräsidenten zu küren, würde bedeuten, die CSU in den regionalpolitischen Abgrund zu versenken. Die Partei wäre in Berlin vorerst nur durch den CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer vertreten. CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos ist selbst innerhalb seines Ressort nur das Format eine politische Nebenwirkung.
Bundespolitischen Einfluss entfalten wird die CSU dann nur noch, wenn sie ihre Privilegien, ihren überproportional großen Mitspracherecht im Unionsgefüge behält, etwa das Recht auf den einflussreichen ersten Stellvertreterposten in der Unionsfraktion. Doch die Diskussion über die Sonderregeln für die Blau-Weißen hat am Sonntag begonnen. Auch wenn es in der CDU noch keiner offen sagt: Seit dem 17-Prozent-Wahlverlust sind die Privilegien auf der Streichliste.
Ein im Bundeskabinett weiterhin verankerter CSU-Chef Seehofer könnte dagegen das Treiben der Großen Koalition im Hinblick auf Parteiinteressen kontrollieren. Mit seiner Erfahrung aus zwei Bundeskabinetten besitzt er die Gabe, mit Gespür für das rechte Maß der CSU in Berlin zur Geltung zu verhelfen.
Der krawallige Ramsauer steht jedoch vor allem für die Absicht der wund geschossenen Christsozialen, sich nach dem Wahldesaster in Berlin auf Kosten der Großen Koalition zu profilieren. So steht die Große Koalition nun tatsächlich vor schweren Zeiten.