Kaiserschnitt bei Gaslicht: 

netzeitung.deWie Beck mit der eigenen Geburt hausieren geht

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Beck und sein Buch (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Beck und sein Buch
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Kurt Beck veschwindet - sein Buch kommt. Ohne die unverhoffte Demission des Ex-SPD-Chefs wäre das Buch wohl zum Staubfänger geworden. Doch nach der jüngsten Entwicklung ist Becks Werk Vergangenheitsbewältigung, angereichert um Banalitäten. Von Tilman Steffen

Eines Tages Ende Juli stand SPD-Chef Kurt Beck auf der Dachterrasse der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin, an seiner Seite Frank-Walter Steinmeier. Im Vier-Augen-Gespräch trug er seinem Stellvertreter, zugleich Außenminister und Vizekanzler, die SPD-Kanzlerkandidatur an. Die Personalie entfaltete ungeahnte Dynamik, die SPD verlor wieder einmal einen Vorsitzenden. Einige Etagen tiefer, im Foyer des Hauses, schilderte Beck am Donnerstag seine Sicht der Dinge und legte sie zugleich als gedruckte Autobiografie vor.

Ein Strom sozialdemokratischer Buchtitel flutet derzeit in die Regale: Der SPD-Linke Ottmar Schreiner versucht mit seiner Sozialstaatsrecherche zur «Gerechtigkeitslücke» ebendiese zu schließen. Helmut Schmid zog mit «Außer Dienst» wieder mal Bilanz, Franz Müntefering hat für Oktober sein Werk «Macht Politik!» angekündigt. Doch nun also Kurt Beck: «Ein Sozialdemokrat», heißt es in Rot über dem Foto des milde lächelnden Pfälzers. Aha. Der jüngst abgetretene SPD-Chef legt die Latte selbst und formuliert, was einen guten Lasalle-Brandt-Müntefering-Nachfolger ausmacht.

Eigentlich sollte Altkanzler Gerhard Schröder das Werk präsentieren. Doch genauso wie Beck vor Wochen aus dem Amt stürzte, holperte sein Buch auf den Markt: Schröder geriet unter Verdacht, Anteil an Becks Demontage zu haben und wurde ausgeladen. RTL-Mann Heiner Bremer sprang ein und schuf nach den Interviews in «Zeit» (Schröder) und «Stern» (Beck) eine weitere Gelegenheit für Ursachen- und Wirkungsforschung in Sachen SPD sowie der anschließenden Interpretation der Ergebnisse. Die Unterhaltung schlängelt sich entlang des Verhältnisses zu seinem Nachfolger Franz Müntefering, an Becks gut gemeinten Reformkorrekturen, «die auch künftig Basis sozialdemokratischer Politik sein müssen» oder an dem gefährlich kurz vor der Hamburg-Wahl bekannt gewordenen Strategiewechsel in Sachen Linkspartei, ein Fehler, der ihn endgültig die Kanzlerkandidatur kostete, wie Beck einräumt.

Die Präsenz Schröders hätte dagegen unmittelbar und unvermeidlich zu der Frage geführt, wie gut oder wie schlecht Beck für die SPD war. Denn Schröder hatte den unbedingten Willen zur Macht, er regierte und führte zugleich. Die Becksche Selbstbeschränkung bei der Wahl der Mittel auf diesem Weg war ihm fremd. Denn der Verzicht auf die Installation von Vertrauten in der Parteizentrale, auf Einflüsterer in den Medien, auf einen Umzug nach Berlin war es, was Beck erst zum Außenseiter, schließlich zum Verlierer machte. «Ich bin bitter enttäuscht worden», schreibt Beck und ärgert sich heute, das als «irrelevant abgetan» zu haben.

Im ersten Teil des 205-Seiten-Werkes menschelt es gewaltig. Man erfährt, was der kleine Kurt gern las (Jules Verne), dass ihn Neurodermitis plagte, man nimmt zur Kenntnis, dass er durch Kaiserschnitt während eines Stromausfalls bei Gasbeleuchtung zur Welt kam, «dabei sind offensichtlich Fehler unterlaufen.» Bevor sich jedoch Häme breitmachen kann, erfährt der Leser im Folgesatz, dass diese Fehler nichts mit ihm, sondern mit seiner Mutter zu tun haben. Doch das Gelesene erzeugt zwei Gedanken: Wer will das eigentlich alles wissen? In ihrer Beliebigkeit passen die Schilderung von Mangel, harter Arbeit und allerlei Ungerechtigkeiten in die Erlebniswelt vieler Nachkriegskinder. Und warum stilisiert sich Beck zur aufrichtig-ehrlichen Landikone hoch (Untertitel: «Ich bleibe ich!»)?

Im zweiten Teil des Buches überwiegt Becks Sicht auf seine Arbeit in der Parteispitze, auf seine Vision von Sozialdemokratie. Nicht zu kurz kommt seine Kritik am Umgang innerhalb der Parteiführung, an den Intriganten der zweiten und dritten Reihe. Ungebremst zeigt sich von Personaldebatten genervt, von der Interpretationssucht der Medien beschädigt. Insgesamt bleibt ein Zwiespalt. Gedacht als menschelnde Rückschau auf ein erfolgreiches Politikerleben ist Becks Buch nun die um Banalitäten erweiterte Vergangenheitsbewältigung.

Den Titel «Kurt Beck – Ein Sozialdemokrat» will die Hauptperson noch um ein «wie jeder andere» ergänzt wissen. Doch der Verlag bestand auf der kurzen Zeile, ohne die einordnende Abschwächung. Ob das hilft? Helmut Schmidts Bilanz schaffte aus dem Stand den Sprung in die Spitze der Bücher-Charts. Wenn Becks Werk ein Verkaufsschlager wird, dürfte auch der Mitleids-Faktor dies bewirkt haben. Denn neben dem Interesse am politischen Buch treibt die Leser auch die Solidarität mit dem Schwachen ans Verkaufsregal. An den Umgangsstil eines Wolfsrudels werde und wolle sich Beck nicht gewöhnen, steht als Zitat auf dem Schutzumschlag. Beck, der Gebeutelte, der Missverstandene, der Gemobbte. Leute, kauft!