Bayern vor der Wahl: 

netzeitung.deSchlecht gestimmt

 Herausgeber: netzeitung.de

Die Welt verändern: Bayern hat am Sonntag die Wahl (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Welt verändern: Bayern hat am Sonntag die Wahl
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die CSU schleppt sich durch die letzten Tage eines Wahlkampfs voller Missverständnisse. Das größere, unübersichtlichere Deutschland erreicht nun auch den Freistaat. Unterwegs in einem verunsicherten Land: Sabine Rennefanz .

Beim Menschen kann man das Problem so behandeln: Wenn das Herz plötzlich nicht mehr richtig schlägt, kommt der Patient ins Krankenhaus, ein Schlauch wird in die Leiste gelegt, mit einem Herzkatheter kann man Blockierungen in den Venen feststellen und gleich freipusten. Erwin Huber steht vor so einem Apparat im Herzlabor des Unfallkrankenhauses Murnau in Oberbayern, von der Decke hängen Schläuche. Der Parteivorsitzende der CSU sieht aus, als wäre er gerne woanders, er hält die Arme verschränkt, sein Mund ist verkniffen.

Eine Herzstation ist nicht gerade ein idealer Ort, um Bilder einer vitalen Partei zu vermitteln, doch es passt zur Lage der CSU. Am kommenden Sonntag wird ein neuer Landtag gewählt und zum ersten Mal seit 1962 könnte die CSU die absolute Mehrheit verlieren. Es wäre das Ende einer Ära.
Im Schockraum Nummer Zwei
Huber sagt wenig. Er hat sich schick gemacht, Nadelstreifenanzug, weißes Hemd, morgens saß er schon im Reichstag in Berlin, musste eine Rede zur Haushaltsdebatte beisteuern. Er ist nämlich auch Finanzminister in Bayern. Jetzt steht er im Schockraum Nummer zwei, umringt von Männern in weißen Kitteln und Parteifunktionären in dunklen Anzügen. «98 Prozent der Patienten überleben», sagt der Chefarzt. «Wenn sie rechtzeitig kommen.»

Bei einer Partei ist die Sache nicht so einfach. Fünfzig Jahre lang schlug das Herz der CSU laut, strotzte vor Gesundheit. Unter ihrem Vorsitzenden Franz Josef Strauß wurden Wahlabende in Bayern zu langweiligen Angelegenheiten, weil die CSU immer haushoch gewann. Die CSU und Bayern, das war eins, diese Mischung aus rechtem Populismus und Freiheit, aus Bodenständigkeit und Modernität, also das Lederhosen-Laptop-Modell. Noch vor fünf Jahren brachte Edmund Stoiber die Partei auf über sechzig Prozent, das waren fast DDR-Verhältnisse.

In den Umfragen jetzt liegt die CSU unter der Führung von Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein erstmals unter der 50-Prozent-Marke. Eine weitere Erkenntnis aus einer Forsa-Umfrage vergangener Woche: Die Mehrheit der Bayern glaubt nicht mehr, dass die CSU das bayerische Lebensgefühl widerspiegelt. Das wiegt fast noch schwerer, als der Absturz auf 47 oder 48 Prozent.

Wo ist die Lebensqualität so gut?
Der kleine Mann an der Spitze der CSU will nichts davon hören, dass die CSU krank ist. Alles laufe nach Plan, das ist die Parole, die Erwin Huber ausgibt. Überall kann man schließlich die Erfolge der CSU besichtigen. Etwa in den blitzblanken Krankenhäusern von Murnau und Partenkirchen, die Huber an diesem Herbsttag besucht, Krankenhäuser, die an gute Hotels erinnern, mit den modernen Skulpturen, den Bildern an der Wand und dem Parkett auf dem Boden. Aus ganz Deutschland kommen die Patienten, und sogar aus Saudi-Arabien. Wo sind die Spitäler sonst so geschmackvoll, so medizinisch vorbildlich, wenn nicht im Land der CSU? Wo ist die Lebensqualität so hoch, sind die Schulen so gut, ist die Arbeitslosigkeit so niedrig?

Wäre nicht ein bisschen Dankbarkeit angebracht, gegenüber der Partei, die das alles möglich gemacht hat? Stattdessen wird herumgenörgelt. Es könne ja mal sein, dass die CSU krank wird, ruft ein Journalist dem Parteivorsitzenden zu. Der guckt irritiert. Dann sagt er: «Es gibt in ganz Deutschland keine gesündere Partei als die CSU.» Für CSU-Verhältnisse ist das fast bescheiden. Huber denkt nämlich gerne groß. Wie die Ärzte, so schmeichelt er sich bei den Krankenhausmitarbeitern ein, sei auch die CSU ein Wohltäter der Menschheit.

Doch die Ansichten, was Wohltat und was Ärgernis ist, gehen auseinander. Der Wahlkampf läuft schleppend, klagt die Parteibasis. Wenn man durchs Land fährt, vom fränkischen Nürnberg bis zum oberbayerischen Mittenwald, sieht man nur wenige Wahlplakate, selten sind darauf der Spitzenkandidat Beckstein zu entdecken oder der Parteivorsitzende Huber. Die Plakate werden von den Ortsverbänden aufgehängt. Es wirkt, als wollte die Basis ihre Chefs verstecken, das Duo, das manche Basisfunktionäre hinter vorgehaltener Hand als «Dick und Doof» bespötteln.

Keine großen Themen, aber viele kleine
«Die Menschen sind leicht genervt vom Wahlkampf», stellt Josef Bierling fest. Er ist bei der CSU in Murnau, Mitte 30, in Trachtenjacke. Er fürchtet, dass viele gar nicht erst zur Wahl gehen werden. Die CSU hatte in Murnau bei der Kommunalwahl im Frühjahr eigentlich die Mehrheit verloren, wie in so vielen Gemeinden in Oberbayern. Dass Bierling trotzdem den Job als zweiter Bürgermeister bekam, hängt damit zusammen, dass die kleineren Fraktionen sich nicht auf einen Kandidaten einigen konnten. Die Opposition hat sich noch nicht überall so richtig organisiert.

Es gibt keine großen Themen im Wahlkampf, aber viele kleine: die Transrapid-Pleite, die fehlinvestierten Landesbank-Millionen. Doch wenn man mit den Leuten rede, sagt Josef Bierling, klagen die meisten über das Rauchverbot. Bayern hat sich die strengsten Regeln gegeben: Nur in Vereinsräumen darf noch geraucht werden, aus Trotz sind überall im Land Raucherklubs entstanden, mit Mitgliedsausweis und Vereinssatzung. Selbst in Bierzelten darf nicht mehr geraucht werden, für dieses Jahr gilt noch mal eine Ausnahmeregelung. Das Gesetz hat das Gefühl bestärkt, dass die in München nicht mehr wissen, was die Menschen wollen.

Mit dem Trinkspruch von den zwei Maß, die man trinken könne, bevor man ins Auto steigt, wollte Landesvater Beckstein die Leute milde stimmen – aber so blöd sind die Bayern nun auch wieder nicht. Nach dem Spruch waren die CSU-Umfragewerte noch schlechter.

Nichts hält ewig
Es wäre leichter, wenn es eine klare Linie aus München gegeben hätte, kritisiert Bürgermeister Bierling. Er hat mit Leuten geredet, auf dem Marktplatz gestanden, Flyer verteilt, er hat ein schlechtes Gefühl, was den Sonntag betrifft.

Wenn die CSU weniger als 50 Prozent der Stimmen bekommt, dann verliert sie ihre Sonderstellung in der deutschen Politik – und Einfluss in Berlin und Brüssel. Es wäre eine Normalisierung. Fast zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung würde damit auch Bayern in einem größeren, unübersichtlicheren Deutschland ankommen. In einem Deutschland, in dem nichts auf ewig halten muss, nicht der Arbeitsvertrag, nicht die Ehe, schon gar nicht die Parteipräferenz. Auch die SPD in Nordrhein-Westfalen, hat das bereits erfahren müssen. Die CSU würde zu einem einfachen Landesverband der Union werden, das ist ihr Horrorszenario – der Abstieg in die Normalität.

Wie sehr sich die CSU in der eigenen Macht eingerichtet hat, merkt man an kleinen Dingen. Als er finanzielle Hilfen für ein neues Luxus-Ressort in Partenkirchen, wo die berühmte Skisprungschanze steht, verspricht, sagt Huber: «Sie werden von uns schnell bedient, ehrlich bedient», und er klingt wie der Chef eines gut laufenden Fastfoodrestaurants. Seine Kunden wollen aber vielleicht mehr, als ordentlich weiter bedient werden. Sie wollen vielleicht mal etwas ganz Neues ausprobieren.

Auflösung der klassischen Milieus
Station im Touristenort Mittenwald, sechs Kilometer von der österreichischen Grenze. Im Hintergrund prangt die Alpenkulisse, in der Fußgängerzone werden Andenkenkitsch und Zwetschgendatschi, anderswo als Pflaumenkuchen bekannt, verkauft. Bayerische Postkartenidylle. In den Hotels und Geschäften werden andere Dialekte gesprochen. Nirgendwo außerhalb Sachsens hört man wohl so viel sächsisch wie auf dem bayerischen Land. Der wirtschaftliche Erfolg, während anderswo Stellen knapp wurden, hat Arbeitskräfte von überall her angezogen – und sozialen Wandel mit sich gebracht, wie ihn der Rest der Bundesrepublik seit Jahren erlebt. Individualisierung, die Auflösung der klassischen Wählermilieus.

Der Zuzug von außerhalb befördert das Verblassen des Nationalmythos, den Maximilian II. vor 150 Jahren einst so schön importieren ließ, mit Trachten und Liedgut, als er erkannte, dass die Bayern eine moderne Nation werden mussten. Er rekrutierte Experten, Dichter, Gelehrte, hauptsächlich aus Preußen, die er an den Hof band und die eine eigene Geschichtspflege aufbauen sollen. Wer in Tracht heiratete, bekam einen Zuschuss. So wurde ein Lebensgefühl aufgebaut.

Nun hat bei der Eröffnung des Münchner Oktoberfestes Marga Beckstein einen Rock mit Bluse getragen, kein Dirndl. In Bayern war ihre unzünftige Kleidung ein großes Thema. Wie angeschlagen muss die Identität sein, wie groß die Unsicherheit darüber, was eigentlich noch bayerisch ist, wenn die Verweigerung der Ministerpräsidentengattin, Tracht zu tragen, in einem Eklat endet.

Der Bürgermeister dankt artig
Auch in der Geigenbauschule in Mittenwald direkt am Fuße der Alpen ist nicht mehr alles so, wie es einmal war. Seit 1858 bildet man hier in dem traditionellen Handwerk aus. Doch um im globalen Wettbewerb mithalten zu können, braucht die Schule mehr Platz. Die Verantwortlichen haben Fördergelder vom Land beantragt. Als Huber das Gebäude betritt, hängt schon ein Artikel aus der Lokalzeitung an der Pinnwand. In dem Artikel steht bereits, was der Finanzminister erst am Abend verkündigen will: «Freistaat Bayern zeigt sich großzügig». Umbau von 4,2 Millionen Euro mit 35 Prozent gefördert. Das Geld könne sich günstig im Wahlkampf auswirken, heißt es in dem Artikel. Der Bürgermeister bedankt sich artig. Irgendwann sagt der Parteichef, was schon alle wissen, dann wird das Büfett eröffnet.

Huber verspricht, im nächsten Jahr wiederzukommen, doch als was? Die möglichen Nachfolger für den Parteivorsitz stehen bereit, um ihn nach der Wahl abzulösen. Die CSU ist immer eine Partei gewesen, die starke Vorsitzende hatte, laute, derbe Männer, die in Bonn und später in Berlin selbstbewusst auftraten. So wie Strauß. Viele derjenigen, die heute Mittvierziger, sind nur wegen ihm eingetreten.

«Früher hätte man einen Besen für die CSU aufstellen können, die wären gewählt worden», sagt Albrecht Schallmoser. «Das ist heute vorbei.» Schallmoser ist bei den Freien Wählern, er hat vor ein paar Wochen ein Treffen der Wahlgemeinschaft in einem Reiterhof im Rottal-Inn-Kreis organisiert. Um den Tisch saßen ein junger Vater mit seiner Tochter, eine Kosmetikerin, Fußballfans in Nürnberg-Trikots, Landtagskandidaten, Bürgermeister. Es gab Schweinebraten und Knödel, die Stimmung war voller Optimismus. Die neuen Freien Wähler hatten alle etwas gemeinsam. Sie waren alle mal der CSU verbunden.

Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung» übernommen.