Bayern vor der Wahl:
Schlecht gestimmt
24.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Bei einer Partei ist die Sache nicht so einfach. Fünfzig Jahre lang schlug das Herz der CSU laut, strotzte vor Gesundheit. Unter ihrem Vorsitzenden Franz Josef Strauß wurden Wahlabende in Bayern zu langweiligen Angelegenheiten, weil die CSU immer haushoch gewann. Die CSU und Bayern, das war eins, diese Mischung aus rechtem Populismus und Freiheit, aus Bodenständigkeit und Modernität, also das Lederhosen-Laptop-Modell. Noch vor fünf Jahren brachte Edmund Stoiber die Partei auf über sechzig Prozent, das waren fast DDR-Verhältnisse.
In den Umfragen jetzt liegt die CSU unter der Führung von Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein erstmals unter der 50-Prozent-Marke. Eine weitere Erkenntnis aus einer Forsa-Umfrage vergangener Woche: Die Mehrheit der Bayern glaubt nicht mehr, dass die CSU das bayerische Lebensgefühl widerspiegelt. Das wiegt fast noch schwerer, als der Absturz auf 47 oder 48 Prozent.
Wäre nicht ein bisschen Dankbarkeit angebracht, gegenüber der Partei, die das alles möglich gemacht hat? Stattdessen wird herumgenörgelt. Es könne ja mal sein, dass die CSU krank wird, ruft ein Journalist dem Parteivorsitzenden zu. Der guckt irritiert. Dann sagt er: «Es gibt in ganz Deutschland keine gesündere Partei als die CSU.» Für CSU-Verhältnisse ist das fast bescheiden. Huber denkt nämlich gerne groß. Wie die Ärzte, so schmeichelt er sich bei den Krankenhausmitarbeitern ein, sei auch die CSU ein Wohltäter der Menschheit.
Doch die Ansichten, was Wohltat und was Ärgernis ist, gehen auseinander. Der Wahlkampf läuft schleppend, klagt die Parteibasis. Wenn man durchs Land fährt, vom fränkischen Nürnberg bis zum oberbayerischen Mittenwald, sieht man nur wenige Wahlplakate, selten sind darauf der Spitzenkandidat Beckstein zu entdecken oder der Parteivorsitzende Huber. Die Plakate werden von den Ortsverbänden aufgehängt. Es wirkt, als wollte die Basis ihre Chefs verstecken, das Duo, das manche Basisfunktionäre hinter vorgehaltener Hand als «Dick und Doof» bespötteln.
Es gibt keine großen Themen im Wahlkampf, aber viele kleine: die Transrapid-Pleite, die fehlinvestierten Landesbank-Millionen. Doch wenn man mit den Leuten rede, sagt Josef Bierling, klagen die meisten über das Rauchverbot. Bayern hat sich die strengsten Regeln gegeben: Nur in Vereinsräumen darf noch geraucht werden, aus Trotz sind überall im Land Raucherklubs entstanden, mit Mitgliedsausweis und Vereinssatzung. Selbst in Bierzelten darf nicht mehr geraucht werden, für dieses Jahr gilt noch mal eine Ausnahmeregelung. Das Gesetz hat das Gefühl bestärkt, dass die in München nicht mehr wissen, was die Menschen wollen.
Mit dem Trinkspruch von den zwei Maß, die man trinken könne, bevor man ins Auto steigt, wollte Landesvater Beckstein die Leute milde stimmen aber so blöd sind die Bayern nun auch wieder nicht. Nach dem Spruch waren die CSU-Umfragewerte noch schlechter.
Wenn die CSU weniger als 50 Prozent der Stimmen bekommt, dann verliert sie ihre Sonderstellung in der deutschen Politik und Einfluss in Berlin und Brüssel. Es wäre eine Normalisierung. Fast zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung würde damit auch Bayern in einem größeren, unübersichtlicheren Deutschland ankommen. In einem Deutschland, in dem nichts auf ewig halten muss, nicht der Arbeitsvertrag, nicht die Ehe, schon gar nicht die Parteipräferenz. Auch die SPD in Nordrhein-Westfalen, hat das bereits erfahren müssen. Die CSU würde zu einem einfachen Landesverband der Union werden, das ist ihr Horrorszenario der Abstieg in die Normalität.
Wie sehr sich die CSU in der eigenen Macht eingerichtet hat, merkt man an kleinen Dingen. Als er finanzielle Hilfen für ein neues Luxus-Ressort in Partenkirchen, wo die berühmte Skisprungschanze steht, verspricht, sagt Huber: «Sie werden von uns schnell bedient, ehrlich bedient», und er klingt wie der Chef eines gut laufenden Fastfoodrestaurants. Seine Kunden wollen aber vielleicht mehr, als ordentlich weiter bedient werden. Sie wollen vielleicht mal etwas ganz Neues ausprobieren.
Der Zuzug von außerhalb befördert das Verblassen des Nationalmythos, den Maximilian II. vor 150 Jahren einst so schön importieren ließ, mit Trachten und Liedgut, als er erkannte, dass die Bayern eine moderne Nation werden mussten. Er rekrutierte Experten, Dichter, Gelehrte, hauptsächlich aus Preußen, die er an den Hof band und die eine eigene Geschichtspflege aufbauen sollen. Wer in Tracht heiratete, bekam einen Zuschuss. So wurde ein Lebensgefühl aufgebaut.
Nun hat bei der Eröffnung des Münchner Oktoberfestes Marga Beckstein einen Rock mit Bluse getragen, kein Dirndl. In Bayern war ihre unzünftige Kleidung ein großes Thema. Wie angeschlagen muss die Identität sein, wie groß die Unsicherheit darüber, was eigentlich noch bayerisch ist, wenn die Verweigerung der Ministerpräsidentengattin, Tracht zu tragen, in einem Eklat endet.
«Früher hätte man einen Besen für die CSU aufstellen können, die wären gewählt worden», sagt Albrecht Schallmoser. «Das ist heute vorbei.» Schallmoser ist bei den Freien Wählern, er hat vor ein paar Wochen ein Treffen der Wahlgemeinschaft in einem Reiterhof im Rottal-Inn-Kreis organisiert. Um den Tisch saßen ein junger Vater mit seiner Tochter, eine Kosmetikerin, Fußballfans in Nürnberg-Trikots, Landtagskandidaten, Bürgermeister. Es gab Schweinebraten und Knödel, die Stimmung war voller Optimismus. Die neuen Freien Wähler hatten alle etwas gemeinsam. Sie waren alle mal der CSU verbunden.
Mit freundlicher Genehmigung aus der «Berliner Zeitung» übernommen.

