18.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Beckstein (l.) und Maget am Donnerstag
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das Wahlkampf-Ritual im bayerischen Fernsehen endete mit Gleichstand. Nur in der Form gab es deutliche Unterschiede zwischen dem Amtsinhaber und Herausforderer Maget, berichtet Tilman Steffen.
Fahren die Kameras zurück, fällt auch die Anspannung ab: Franz Maget lehnt sich in den Sessel zurück und verfällt in den Abschlussplausch. Günther Beckstein bleibt etwas steifer sitzen. Dann versinken die beiden Spitzenkandidaten samt Moderator Siegmund Gottlieb im Fernsehblau des Abspanns.
Im Laptop-und-Lederhosen-Land braucht manches noch etwas länger: Erstmals in der bayerischen Wahlgeschichte gab es ein TV-Duell des aussichtsreichsten Herausforderers gegen den amtierenden Ministerpräsidenten. Zuvor traten Roland Koch und Andrea Ypsilanti in Hessen gegeneinander an, Ole von Beust gegen Michael Naumann in Hamburg, Christian Wulff gegen Wolfgang Jüttner in Niedersachsen. Fernseh-Streitgespräche sorgen selten für Erkenntniszugewinn, sie dienen lediglich dem persönlichen Austausch der bereits über Medien und Wahlprogramme verkündeten Argumente.
Das Resultat in München war ein Remis, die Entscheidung treffen in neun Tagen die Wähler. Nur in der Formnote konnte CSU-Amtsinhaber Beckstein seinen SPD-Widersacher zeitweise überflügeln. Als inmitten der 45-Minuten-Veranstaltung etwa Redezeit-Gleichstand herrscht, stichelt der fränkische Protestant: Angesichts der Stimmenverhältnisse sei das doch ganz fair verteilt. Maget beeilt sich zu kontern: «Sie meinen das Wahlergebnis von 2003, nicht das von 2008!»
Derzeit droht die CSU unter 50 Prozent zu fallen, die SPD verharrt bei 20. Scheitert die FDP an der Fünfprozenthürde, fehlt Beckstein möglicherweise ein Regierungspartner. Aber auch die von Maget angestrebte Viererkoalition mit Grünen, Freien Wählern und Liberalen bliebe Wunschdenken, weil die Gelben mit den Roten nicht wollen.
Das nach vorn ausgeschnittene Rund des Studiotisches und dessen Beleuchtung erinnert an den Arbeitsplatz eines Hypnotiseurs. Nach vorn gebeugt verharren die Kontrahenten, gestützt auf den Tisch, der sie auf Abstand hält. Moderator Gottlieb mahnt seine Sitznachbarn zur Eile, stellt selbst aber weit ausholend Fragen.
Er arbeitet die bekannte Themenliste ab: Umfragen, Koalitionen, Bildung, Wirtschaft, Landesbank-Skandal. Atomkraft, Pendlerpauschale, Innere Sicherheit. Beide Kandidaten loben Bayern, Maget benennt auch Probleme: Lehrermangel, Bildungsungerechtigkeit, die Landesbank-Krise. Nach «50 Jahren Filz», also CSU-Alleinherrschaft plus deren Folgen, müsse die Macht wieder geteilt werden, verlangt er. «Man ist auch ein anständiger Bayer, wenn man nicht CSU wählt.» Beckstein gesteht ein, 2005 gegen die Pendlerpauschale gestimmt zu haben, die er jetzt wieder einführen will. «Wir mussten damals einen Brand löschen», führt er an und verweist auf das «Schuldendesaster», das die rot-grüne Bundesregierung Bund hinterlassen habe. Die Probleme der Bayerischen Landesbank sind für ihn durch die globale Finanzkrise verursacht. Maget wendet ein, die Regierung habe das Geldhaus in den US-Immobilienmarkt getrieben. «Dort hat die Bank nichts verloren, aber viele Milliarden verloren.» Maget will den einheitlichen Mindestlohn. Beckstein, dem selbst branchenspezifische Lohnuntergrenzen zuwider sind, verlangt sogar noch mehr, denn «in München kann man als Familie davon auch nicht leben».
Als Gottlieb die Online-Durchsuchung anspricht, nutzt Maget eine weitere Chance: Innere Sicherheit sei für ihn «Teil der Daseinsvorsorge» und dazu gehöre auch die Alkoholprävention. «Da darf es keine falschen Signale des Ministerpräsidenten geben», foppt er Beckstein, der in einer Bierzeltrede den Eindruck erweckt hatte, mit zwei Maß Bier könne man jederzeit Auto fahren. Beckstein grinst breit. Auch der Rest ist Rhetorik: «Das war Maget light» kontert Beckstein eine These des Widersachers zum Thema Bildung. Und wer an den Bau neuer Atomkraftwerke in Bayern denke, «hat nicht alle Tassen im Schrank», poltert er später.
Vor fünf Jahren verweigerte Becksteins Vorgänger Edmund Stoiber sich einem Fernseh-Streit mit Maget. Vielleicht wusste er, warum. Das Korsett des Studios zwängt die Persönlichkeiten ein, die sterile Atmosphäre lässt die Charaktere verflachen. Weil sich unter diesem Stress keiner entfalten kann, sondern die Duellanten nur vorgestanzte Plattitüden ab. Dank Gottliebs Führung blieb die Männerrunde zumindest im Zeitplan. Insgesamt hat auch der Bayerische Rundfunk dafür gesorgt, dass TV-Duelle auch am Donnerstag das blieben, was sie bislang waren: ein sinnarmes Ritual.