Deutscher Herbst: 

netzeitung.deSchmidts Schachpartie im Schatten der GSG 9

 Herausgeber: netzeitung.de

Filmszene aus 'Baader Meinhof Komplex' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Filmszene aus 'Baader Meinhof Komplex'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Vor 30 Jahren brachten Terroristen den Rechtsstaat ins Wanken: Arbeitgeberpräsident Schleyer war entführt worden. Hans-Ulrich Klose, damals Hamburgs Erster Bürgermeister, saß im Bonner Krisenstab.

Heute widmen sich Bücher der RAF, am Donnerstag kommt der «Baader Meinhof Komplex» in die Kinos, die Terrorgruppe ist Geschichte. Vor 30 Jahren lastete enorme Verantwortung auf den Mitgliedern des Gremiums, auch auf Hans-Ulrich Klose, dem damaligen Hamburger Ersten Bürgermeister. Sollte der Staat nachgeben oder wenigstens einlenken, sollte er hart bleiben oder gar Gegenmaßnahmen ergreifen? Ziel der Terroristen war, die in verschiedenen deutschen Gefängnissen inhaftierten RAF-Mitglieder freizupressen. Doch der Staat blieb hart: Die Polizei-Sondereinheit GSG9 befreite am 18. Oktober 1977 die in der Lufthansa-Maschine «Landshut» gekidnappten Geiseln. Nur der Flugkapitän war während der fünf Tage dauenden Irrfahrt durch eine Kugel der Terroristen gestorben.

Die RAF knickte daraufhin ein: Noch in der folgenden Nacht, nachdem sie von der Befreiung erfuhren, töteten sich im Gefängnis im baden-württembergischen Stammheim die RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Doch die Energie der Terrorgruppe war keineswegs versiegt: Tags darauf fand man im französischen Mühlhausen im Kofferraum eines Audi 100 den erschossenen Hanns-Martin Schleyer – 43 Tage nach seiner Entführung.

Zu der in diesen Wochen im Bonner Kanzleramt tagenden Krisen-Runde «Großer politischer Beratungskreis» gehörten die Partei- und Fraktionschefs sowie die Ministerpräsidenten der Länder, in denen die RAF-Gefangenen einsaßen, die die Terroristen freipressen wollten. Und damit auch der damals 40-jährige Klose.

Im Kreis der «Kleinen Lage» saßen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Justizminister Hans-Jochen Vogel (SPD) und Kanzleramtsminister Hans-Jürgen Wischnewski zusammen, weiterhin Staatssekretäre, Regierungssprecher Klaus Bölling, Generalsbundesanwalt Kurt Rebmann und der BKA-Präsident Horst Herold. Das Gremium, heute wäre es der Krisenstab oder das Sicherheitskabinett, suchte 43 Tage lang nach Wegen, Schleyer freizubekommen. Zudem war der Kreis um Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) mit den Entführern der «Landshut» konfrontiert, die im fernen Mogadischu drohten, 87 Menschen in die Luft zu sprengen.

Klose schildert ein Detail aus der Nacht der Befreiuung: In den Stunden des Zugriffs habe Schmidt ein kleines Schachspiel herausgeholt, beide setzten sich und spielten. «Das war typisch für Schmidt: Sich bei großer emotionaler Anspannung zur Rationalität zu zwingen», sagt Klose im Netzeitungs-Interview.

Problematisch war für den heutigen SPD-Außenpolitiker auf der Konflikt, der Familie Schleyers helfen zu wollen, andererseits nicht den Forderungen der Terroristen nachgeben zu dürfen. «Ich selbst spürte diesen inneren Konflikt noch Jahre später, immer wenn ich Schleyers Sohn, Hans-Eberhard, begegnete, dem heutigen Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.» Er habe jedoch nie mit ihm direkt über den Fall gesprochen.

Um den «Mythos RAF» zu entzaubern, sprach sich Klose für eine Freigabe der von der Bundesregierung unter Verschluss gehaltenen Akten und Protokolle der RAF-Zeit aus. «Der allgemeine Geheimnisschutz ist kein Argument, die Papiere weiter unter Verschluss zu halten», sagte er. Das Material zu veröffentlichen, beuge der Bildung von Legenden und Mythen über die Terrorgruppe vor. «Die Proportionen der Historie bedürfen im Hinblick auf den Deutschen Herbst einer Korrektur.» (nz)