Anspruch und Wirklichkeit bei der Bildung:
Reiche Schüler, arme Schüler
Kennzeichnend für die Theophanu-Schüler ist ein starkes soziales Gefälle: Manche bekommen zum 18. Geburtstag von Papa einen eigenen Wagen, andere müssen jeden Tag arbeiten gehen, um irgendwann den Führerschein machen zu können. «Der Mittelstand rutscht langsam runter», meint Onur Kutun (17) und rückt seine Baseballkappe zurecht. Doch klagen tut niemand, klagen ist uncool. Gerade die Schüler aus Migrantenfamilien vertreten in der Diskussion an diesem Morgen den harten neoliberalen Standpunkt, dass jeder es schaffen kann, wenn er nur will. «Du bist selber schuld, wenn's nicht klappt», sagt Mohamed. Sowi-Lehrerin Claudia Rudel (36) wundert sich: «Wir sind doch hier in Kalk, mitten im sozialen Brennpunkt», sagt sie provozierend. «Ihr seid doch auch betroffen!» Aber viele der Jugendlichen sind spürbar stolz darauf, unter diesen Umständen eben doch die Oberstufe erreicht zu haben. «Gerade bei Kindern aus Hartz- IV-Familien ist der Leistungsgedanke oft sehr ausgeprägt», bestätigt Rudel.
Das Niveau der Diskussion ist beachtlich. Die Schüler besprechen Fragen wie «Kann man eine hohe Beschäftigung zum Preis von Inflation erkaufen?». Sie vergleichen persönliche Erfahrungen mit dem, was sie im Internet oder in der Zeitung gelesen haben - viele durchforsten jeden Tag die Zeitung, alle sind mehrmals täglich im Netz - und beziehen sich auf Texte im Lehrbuch.
Mädchen sind im Sowi-Kurs unterrepräsentiert: «Das kommt durch den starken Wirtschaftsschwerpunkt», erläutert Rudel. «Mädchen wollen immer noch tendenziell eher Pädagogik.» Manches hat sich in 20 Jahren eben doch nicht verändert. Dazu gehören auch die Stühle, die noch genauso quietschen wie damals, die bekritzelten, wackeligen Tische und Notbaracken im Schulhof. Das Hauptgebäude der Schule aus den 50er Jahren steht unter Denkmalschutz, aber überall blättert die Farbe ab. Im Treppenhaus liegen Staubflocken. Stolz ist die Schule auf ihre gerade eröffnete Mensa. Die Möglichkeit zur Ganztagsbetreuung wird immer wichtiger.
Naradee ist eine von insgesamt 200 deutschen Schülern, die dieses Jahr ein Stipendium für den «Studienkompass» bekommen haben, eine Initiative, die unter anderem von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und der Deutschen Bank gefördert wird. Denn noch immer ist es so, dass sich Schüler wie Naradee oft trotz guter Noten gegen ein Studium entscheiden, weil es ihnen zu teuer ist oder auch, weil sie gar nicht wissen, was sie beruflich eigentlich wollen. Auch Naradee weiß noch nicht, wie es nach der Schule weitergehen soll. «Ich habe mit meinen Eltern noch nicht so drüber gesprochen. Mein Vater wird schon 61. Die wollen so bald wie möglich nach Thailand auswandern. Ich weiß nicht, ob ich von ihnen Unterstützung kriegen werde.»
Weder Gong noch Klingel kündigen das Ende des Unterrichts an. Früher gab es das, aber die Schule hat es abgeschafft. Zu anstaltsmäßig, fanden die Lehrer. Auch Robert Karsdorf macht sich auf den Heimweg. Der 18-Jährige - ebenfalls ein Teilnehmer des «Studienkompasses» - hat im August sein letztes Schuljahr begonnen, er macht im Frühling Abitur. «Gemischte Gefühle» hat er dabei. Auch er ist nicht sicher, was er danach machen will, er schwankt zwischen so unterschiedlichen Fächern wie Germanistik und Werkstoffwissenschaften. Aber er wirkt nicht so, als würde ihm das Sorgen bereiten. Er hofft dass jetzt trotz aller Probleme die beste Zeit im Leben kommt: der kurze Abschnitt, in dem noch alles offen, alles möglich ist. (Christoph Driessen, dpa)

