12.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Er hat nicht viel zu lachen derzeit: Pflüger
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
«Pflüger ist den Erstickungstod gestorben», kommentiert Christian Bommarius . «Mit ihm starb auch die Lüge. Die Berliner CDU ist zur Wahrheit zurückgekehrt - nichts anderes zu sein als sich selbst genug.» Mit Video
Friedbert Pflüger war eine Lüge der Berliner CDU. Er war das personifizierte Versprechen, diese Interessengemeinschaft so genannter Christdemokraten, die seit Jahrzehnten alle verfügbaren Hinterzimmer der westlichen Hälfte der Stadt benistet und bebrütet, sei zum Aus-, ja zum Aufbruch entschlossen. Mit Friedbert Pflüger präsentierte diese Partei zum ersten Mal seit langer Zeit einen Politiker, der die noch immer dünne Schicht der Berliner Bürgertums nicht bereits durch seine Erscheinung verschreckte, der einen Satz mit den Worten «Ich denke ...» beginnen konnte, ohne dass das Publikum die Lippen zu einem hämischen Grinsen verzog.
Pflüger wusste, dass Berlin nicht der Nabel der Welt, nicht einmal der Deutschlands ist und Politik in einer Demokratie nicht darin besteht, die Konkurrenz - vorzugsweise aus den eigenen Reihen - mit allen Mitteln matt zu setzen.
Was Friedbert Pflüger zu einer Lüge werden ließ? Sein Vor-Vorgänger als CDU-Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus hieß Frank Steffel, sein Nachfolger wird Frank Henkel heißen. In beiden zeigt sich die Berliner CDU, wie sie war (Steffel) und bleiben wird (Henkel). Pflüger wurde der Öffentlichkeit als Repräsentant einer liberaleren, durchgelüfteten Partei vorgeführt. Doch ist er nie anderes gewesen als das blinkende Schild an der Tür zum seit ewigen Zeiten verräucherten Hinterzimmer mit der Aufschrift: «Klopf an, tritt ein, bring Luft herein.» Pflüger selbst ist den Erstickungstod gestorben. Mit ihm starb auch die Lüge. Die Berliner CDU ist zur Wahrheit zurückgekehrt - nichts anderes zu sein als sich selbst genug.
Versuch nie unternommenWäre der Versuch der Partei gescheitert, sich durch Pflüger auf ein Niveau bringen zu lassen, von dem aus sich eine Politik machen ließe, die den Begriff verdient, verlangte das nach einer Analyse ihres Scheiterns. Doch ist der Versuch nie unternommen worden. Pflügers Beteuerung, die Partei zur «modernen Großstadtpartei» machen zu wollen, wurde von nur wenigen Wählern gewürdigt, aber in der Berliner CDU wurde sie als Kampfansage betrachtet, als Ruhestörung, die das «Behagen an der eigenen Scheiße» (Hans Magnus Enzensberger) zu verderben drohte.
Nicht seine frappierenden Fehler sind Pflüger zum Verhängnis geworden, nicht sein anfänglicher Verzicht auf den Landesvorsitz, nicht einmal seine verspätete Ankündigung, nun doch um ihn kämpfen zu wollen. Das waren Fehler, die einem erfahrenen Politiker nicht unterlaufen dürfen, schon gar nicht einem Politiker, der so über die Maßen viel von sich hält wie es Pflüger tut. Doch es ist albern, sie ihm zum Vorwurf zu machen und zur Ursache seines Scheiterns zu erklären. Mit dem gleichen Recht ließe sich der Unselige tadeln, der frohgemut eine Natterngrube betrat und folgerichtig an giftigen Bissen starb, weil er versäumt habe, mit den Nattern rechtzeitig in einen gleichberechtigten, fairen Dialog zu treten.
Machtkampf ist nie einer gewesenDer Machtkampf, von dem allenthalben in den vergangenen Tagen mit Blick auf die Berliner CDU die Rede war, ist nie einer gewesen. Die Macht - vielmehr das, was die Partei selbstgenügsam dafür hält - hat das Hinterzimmer nie verlassen. Das gilt auch für den, dem sie nun zufällt. Frank Henkel, 44 Jahre alt ,seit 1986 CDU Mitglied und bisher parlamentarischer Geschäftsführer, ist der Prototyp eines Berliner Christdemokraten. Eine Szene genügt, um den Unterschied zwischen ihm und seinem Vorgänger zu markieren.
Als Roland Koch im vergangenen hessischen Landtagswahlkampf mit seinem Brachialstil selbst treue Unionswähler gegen sich aufbrachte, distanzierte sich Pflüger mit anderen Parteifreunden von Kochs Methoden, Henkel hingegen distanzierte sich von Pflüger: «Die Union darf vor linken Diffamierungskampagnen nicht auch noch den Kniefall machen.» Mit Pflüger schien es zumindest auf lange Sicht möglich, die Opposition zusammenzubringen und den rot-roten Senat durch eine «Jamaika-»Koalition aus der Regierung zu drängen. Mit Henkel und seiner Truppe hat sich das erledigt.
Die traurigsten CDU-WählerSchon seit langer Zeit wohnen die traurigsten CDU-Wähler Deutschlands in Berlin. Besonders die Neubürger unter ihnen und hier vor allem solche, die aus CDU-geführten Bundesländern zugezogen sind, dürften an ihrer Partei in der Bundeshauptstadt verzweifeln. In keinem anderen Bundesland - nicht im großen Nordrhein-Westfalen und nicht im winzigen Saarland - verbreitet ein Landesverband der CDU eine derart herbe Note verstockter Provinzialität wie in Berlin, mit ihm verglichen wirkt noch der verhockteste schwäbische Ortsverein wie ein Hort welt- und lebenshungriger Globetrotter.
Wen sollen die zugereisten CDU-Wähler jetzt noch wählen, wenn der gesunde Menschenverstand die Wahl der Berliner CDU verbietet? Natürlich - die Berliner CDU kommt seit Jahren auch ohne Wähler aus. Aber irgendwann könnten die Wähler beschließen, ohne die Berliner CDU auszukommen. Nur ein Berliner Christdemokrat wird glauben, das sei gehupft wie gesprungen.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».
Friedbert-Pflüger-Song von Robert Miro («MiRoEntertain»; via Youtube.de):