Müntefering im Porträt:
Der letzte Sozi
08. Sep 2008 12:53
 |  Der Retter der SPD? Franz Müntefering | Foto: dpa |
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Franz Müntefering ist wieder da. «Manche sehen in ihm das letzte Aufgebot, den letzten Retter seiner Partei», analysiert
Holger Schmale. «Er könnte sich aber auch als das Gegenteil herausstellen.»
Die knorrigen Typen gingen der deutschen Politik verloren, wird gern geklagt. Kein Herbert Wehner mehr, kein Willy Brandt und auch kein Franz Josef Strauß. Aber Franz Müntefering passt inzwischen problemlos in diese Reihe. Wie kaum ein anderer hat der Sozialdemokrat in den vergangenen Jahren die Geschicke des Landes, vor allem aber seiner Partei mitbestimmt und aufgewühlt. Und jetzt, mit 68 Jahren, geht es noch einmal los.
Seine Art, Politik zu betreiben, unterscheidet sich kräftig von der vorherrschenden. Er ist impulsiv, direkt, emotional, er ist autoritär. Er teilt aus, kann auch einstecken, aber er vergisst das nicht. Untrennbar ist das in mancher Hinsicht tragische Schicksal der SPD mindestens seit 1998 mit seinem Wirken, seinem Namen verbunden. Es ist die Geschichte mancher Erfolge, im Ergebnis aber auch die Geschichte des Niedergangs der großen SPD, an dem Müntefering zentralen Anteil hat. Er wird dennoch in weiten Kreisen der Öffentlichkeit, aber auch der Partei angehimmelt, er wird als der letzte Sozi gefeiert und wie ein Wunderheiler verehrt.
Lafontaines Geschäftsführer
Franz Müntefering gilt als Architekt des fulminanten Wahlsieges von Gerhard Schröder 1998, den er als der Bundesgeschäftsführer unter dem Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine organisierte. Als Fraktionschef im Bundestag sorgte er dann auch mit drastischen Mitteln, die manch Abgeordneter als Bedrohung und Erpressung empfand, dafür, dass stets die notwendigen Mehrheiten für Schröders Politik zustande kamen - erst, als es um die Auslandseinsätze der Bundeswehr ging, dann, als die Agenda 2010 gegen erheblichen Unmut in der SPD durchzusetzen war.Als Gerhard Schröder sich wegen dieses Widerstands gezwungen sah, 2004 das Amt des Parteichefs an den populäreren Müntefering zu übergeben, sprach der vom «schönsten Amt neben Papst». Doch auch unter seiner Führung setzten sich die Wahlniederlagen der SPD fort, verlor die Partei zehntausende Mitglieder. Vergeblich bemühte Müntefering sich, den Aufstieg der Linkspartei zu verhindern, dem die von Schröder und ihm getroffene überstürzte Neuwahlentscheidung 2005 erst richtigen Schwung verlieh. Der auf Parteitagen wegen seiner knackigen Reden immer gefeierte Müntefering verlor in der Führung zunehmend an Rückhalt. Mitten in den Koalitionsverhandlungen mit der Union schmiss er das Amt des Parteivorsitzenden hin, weil der Vorstand die Linke Andrea Nahles statt seines Kandidaten zur Generalsekretärin machen wollte.
Beck demütigt den Minister
Unter Kurt Beck verabschiedete sich die SPD dann langsam von den Grundlinien der Agenda 2010 und fügte Müntefering schmerzliche Niederlagen zu. Im Streit um die längere Zahlung des Arbeitslosengeldes I zitierte Beck den Minister zu einem demütigenden Treffen nach Mainz und fand für diesen Kurs später auf dem Parteitag in Hamburg breite Unterstützung. Dennoch wurde Müntefering auch dort nach einer mitreißenden Rede gefeiert, die in dem Ausruf gipfelte: «Ich wollte nur sagen, es ist noch etwas da. Ich bin noch nicht ausgetrocknet.» Manche verstanden das schon damals als eine Drohung.
 |  Zum Abschied schenkte Merkel einen Ball | Foto: dpa |
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Wenig später trat Müntefering als Vizekanzler und Arbeitsminister zurück, um sich um seine kranke Frau zu kümmern, was ihm großen Respekt eintrug. Nach dem Tod seiner Frau im August meldete er sich jetzt aber mit Verve zurück. Ein begeisternder Wahlkampfauftritt in München in der vergangenen Woche war der Auftakt, bald folgt die Präsentation seines programmatischen Buches: «Macht Politik!»Das wird Franz Müntefering nun wieder selber tun können. Manche sehen in ihm das letzte Aufgebot, den letzten Retter seiner Partei. Er könnte sich aber auch als das Gegenteil herausstellen. Gewiss ist Franz Müntefering ein großer Organisator und Agitator. Doch ist in den vergangenen Jahren seine pure sozialdemokratische Attitüde immer mehr in Widerspruch zu seinem Handeln geraten, und das fällt nun auch manchem auf. Es wird noch herauskommen,welchen Anteil er selber an den umstürzlerischen Ereignissen dieses Sonntags hatte. Viele in der Partei trauen ihm einiges zu, dem großen, knorrigen Politiker dieser Zeit.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung». Holger Schmale leitet das Bundesbüro.