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SPD-Führungswechsel: 

Presse: Der Neue ist der Alte

08. Sep 2008 09:12
Müntefering greift zu
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Die Mehrheit der Kommentatoren sieht die Probleme der SPD mitnichten gelöst. Müntefering sei durch Chaos ins Amt gelangt, der nominierte Kanzlerkandidat werde 2009 einen passabler Verlierer abgeben. Ausgewählte Pressestimmen. Mit Audio

«Süddeutsche Zeitung»: Lafontaine ist der Profiteur

Es war ein Parteistreich ...: Steinmeier gegen Beck, Hauptstadt- Genossen gegen Provinz-Genossen. Der Parteivorsitzende Beck ist zurückgetreten, weil er zuvor politisch kastriert, also gestürzt worden ist. Vizekanzler Steinmeier hat gegen Kurt Beck geputscht. Steinmeier ist Jurist: Er dürfte sein Handeln vor sich selbst als Nothilfe für die Partei rechtfertigen. In der Öffentlichkeit gibt er den Parteistaatsmann. Das macht er glänzend. Müntefering und Steinmeier stehen für die Wiederkehr der Großen Koalition. Andere Machtoptionen haben sie nicht. Strahlkraft auf die Wähler wird diese Aussicht nicht haben. Profiteur des SPD-Spektakels wird Lafontaine sein. Die Linke wird, noch mehr als bisher, ein vermeintlich verlässliches Angebot für all diejenigen präsentieren, die die große Koalition satt haben und die SPD nicht mehr verstehen.

«Stuttgarter Nachrichten»: Nicht alle Schlachten geschlagen

Beck ist weg: Doch tue niemand in der SPD so, als seien damit alle internen Schlachten geschlagen, die Linken sediert, der Weg zurück zur Mitte beschlossene Sache, der Trend wieder Genosse, der Befreiungsschlag gelungen. Münteferings Comeback ist ein Placebo. Der Chef ist ein neuer die Partei ist die alte.

«tageszeitung»: Ein ordentlicher Verlierer

Steinmeier war der Strippenzieher bei Hartz IV und der Nebelkerzen- werfer, als es im Fall des Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz um Hilfsdienste für den US-Geheimdienst ging. Aber jetzt gibt der Machtmensch im Hintergrund sich leutselig und als guter Zuhörer. Er zehrt vom «überparteilichen» Renommee des Außenministers, von der Sehnsucht vieler Menschen nach einer Autoritätsperson mit voller weißer Haarpracht. Er wird 2009 einen ordentlichen Verlierer abgeben.

«Frankfurter Rundschau»: Das Ganze ist ausweglos

Wird dieser Kandidat tatsächlich Kanzler werden, der vierte Sozialdemokrat nach Brandt, Schmidt und Schröder? Schon die Frage klingt absurd. Und die Antwort lautet: nein. Steinmeier fängt jetzt genau dort an, wo der Kanzler Schröder aufhörte: bei den inneren Widersprüchen der Sozialdemokratie. Das Ganze ist ausweglos: Wenn Steinmeier nach links auf die SPD zugeht, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Wenn sich die SPD in Richtung politische Mitte auf Steinmeier zu bewegt, verliert sie ihre Seele... Und Müntefering? Auch er steht für den alten Kurs. Seine Rückkehr an die Spitze ist keiner Strategie geschuldet, sondern blankem Chaos. Aufbruchstimmung? Fehlanzeige. Wohin führt Steinmeiers Kanzlerkandidatur, wenn nicht ins Kanzleramt? Natürlich in die Opposition.

«Saarbrücker Zeitung»: Zurück auf Null

Mit Steinmeier und Müntefering geht die Partei zurück auf Null. Wieder einmal. Die Jahre der großen Koalition kann sie komplett als verlorene Jahre abbuchen. Aber folgenlos bleiben sie nicht. Die schwersten Verwüstungen wurden im Selbstbewusstsein der SPD angerich- tet, die auf breiter Front nicht mehr weiß, was an ihrer Politik gut war und ist. Die keinen Stolz mehr hat und nur noch überleben will. Die ihre Linie nicht kennt und damit auch nicht ihren Weg. Die ein Stück ihrer Würde verloren hat... Indem mit Steinmeier einer als Kanzlerkandidat antritt, von dem noch niemand weiß, wie er sich auf Dauer bewährt, sind neue Unwägbarkeiten eingebaut. Auch ist nicht klar, ob Müntefering seine alte Autorität zurückgewinnen wird. Und doch war der Führungswechsel die einzige Chance nach der langen Zeit der Agonie. Ganz so ruhig schlafen wie bisher kann Angela Merkel jedenfalls nicht mehr.

Nationale Pressestimmen zum Anhören:

«Münchner Merkur»: Seine Zeit war abgelaufen

Kurt Beck wollte den richtigen Zeitpunkt abwarten und hat völlig übersehen, dass seine Zeit abgelaufen war. Er hat viele Fehler gemacht; der Bruch des Wahlversprechens in Hessen und die Annäherung an die Linkspartei waren seine größten. Hätte Beck wenigstens die K- Frage frühzeitig und souverän von sich aus geklärt, wäre seine Autorität halbwegs gewahrt geblieben. Mit seiner Strategie des Aussitzens aber lieferte er einen weiteren Beleg, dass er überfordert und nicht in der Lage war, Krisen einzuschätzen, geschweige denn sie zu lösen.

«Financial Times Deutschland»: Teile der SPD als Gegner

Frank-Walter Steinmeier als SPD-Kanzlerkandidat und der reaktivierte Franz Müntefering als Parteichef gehen einen ganz schweren Gang. Beide sind zwar als Personen beliebt und respektiert. Wenn es um die Inhalte und die Strategie im Umgang mit der Linkspartei geht, stehen aber erhebliche Teile der SPD gegen sie.

«Bild»-Zeitung: Gewaltiger Befreiungsschlag

Quasi über Nacht hat sich die SPD erneuert. Das Ergebnis ist ein gewaltiger Befreiungsschlag an mehreren Fronten. Vize-Kanzler Steinmeier ist ein brandgefährlicher Gegner für die Kanzlerin. Er hat ihr Format, die Intelligenz, auch die Erfahrung mit der Macht! Franz Müntefering ist der Chef, den die komatöse Volkspartei jetzt braucht. In ihm brennt das Feuer, an dem sich die frustrierten Genossen endlich wärmen wollen. Mit seinen 68 Jahren ist er auch keine Gefahr für den Kanzlerkandidaten Steinmeier. Wieder ein SPD-Kanzler in Berlin - mehr Triumph könnte es für Parteisoldat Münte nicht geben. Nur Kurt Beck endete tragisch. Ihm blieb in der größten Schwäche nur die Stärke zum Verzicht...

 
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