Bildungswüste Deutschland:
Schock zum Elternabend
06. Sep 2008 10:24
 |  Irgendeine Schule in Deutschland
| Foto: dpa |
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Kranke Lehrer und kahle Zimmer gibt es zuhauf. Wer für sein Kind eine gute Grundschule findet, darf sich wie ein Lottogewinner fühlen. Die Realität kann sämtliche Abwägungen zunichte machen, wie
Tilmann Steffen schnell gemerkt hat.
Kanzlerin Merkel tourt durch Deutschlands Schulen – am Freitag besuchte sie ein Lernzentrum in Berlin. Mit Pinseln und Farbe hatte sich das Kreuzberger Bildungswerk hübsch gemacht – zumindest die Räume, die die Kabinettschefin durchschreiten sollte. Merkel kennt das, im Osten Deutschlands wurden ganze Straßenzüge renoviert, wenn DDR-Staatsspitzen dem Land Besuche abstatteten.
Sie hätte besser dorthin gehen sollen, wo ihr Forschungsministerium kein Geld abwirft, in Schulen, die mit ihrem kümmerlichen Landesbudget auskommen müssen. Gern hätte man da die eine oder andere Empfehlung gegeben: Wenn in der Großstadt das Kind dem Vorschulalter entwächst und die Schulsuche ansteht, sieht und erlebt man einiges. Da ist das abendliche Pläneschmieden in der Kneipe: Wie bekommen wir die Kinder in eine gemeinsame Klasse, grübelten wir mit den Eltern von drei Kindergartenfreunden bei Weizenbier und Salat. Lässt sich der Schulleiter bestechen, indem ich meine Dienste bei der Überarbeitung der angestaubten Schulwebseite anbiete? Die Schule im Wohngebiet nimmt nur 60 Kinder auf, es gibt aber 100, erzählt die Bezirksstadträtin den Eltern auf einer Versammlung im Rathaus. Das wirft neue Fragen auf: Bekommen wir unseren Sohn überhaupt da hinein? Wir wohnen weit weg am Ende der Straße, sicher sind wir ohne Chance. Na ja, das wäre vielleicht nicht so schlimm. Der Schulhort dort hat ja sowieso einen schlechten Ruf.
Soll es nicht doch die Privatschule zwei Kreuzungen weiter sein, wo die Sprösslinge ab dem ersten Tag arabisch und Schachregeln pauken? Dort gibt es Noten, die Kinder sitzen frontal zur Tafel, Lernerfolg scheint garantiert. Doch sie kostet uns 350 Euro im Monat, die Lehrer sind trotzdem unterbezahlt und entsprechend schlecht motiviert. Sie hat außerdem eine lange Warteliste. Und der graue DDR-Kastenbau ist eigentlich hässlich. Besser die Schule im Viertel jenseits der Hauptverkehrsstraße? Dort steht ein viergeschossiger rotbrauner Klinkerbau – Bauhaus-Stil innen wie außen. Erfolgreich sperrt sich das Lehrerteam bisher gegen den Trend zu Montessori und Co.. Jahrgangsgetrennt wird hier Lesen, Schreiben und Rechnen trainiert. Hier ist Platz, es gibt dutzende Räume, aber nur 14 Lehrer. In den staubigen Fluren bröckelt graue Farbe von den Wänden. Kinderfüße stolpern über Löcher im Bodenbelag. Auf einer Vitrine verstauben Skulpturen aus dem Kunstunterricht eines längst ausgeschiedenen Jahrgangs. Doch vom Hort dieser Schule wird nur Gutes erzählt, zudem arbeitet hier gerade eine Malerfirma.
Sekretärin, die Namen rausrückt
Weil die Tage der Offenen Tür sowieso nur eine Schau der besten Seiten sind, testen wir mit der Überraschungstaktik: Wie reagieren Sekretariat, Schulleitung und Lehrer, wenn man sich für morgens um acht Uhr anmeldet, um «etwas mehr über die Schule zu erfahren, als im Faltblatt steht». Die Bauhaus-Schule bekommt da immerhin vier von fünf Punkten (sie hat ja auch Schülermangel). Die Sekretärin ist nett und gesprächig, sie rückt sogar die Namen der Lehrerinnen heraus, die Erstklässler übernehmen werden. Beide genießen einen erstklassigen Ruf, wie spätere Recherchen ergeben.
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Eine weitere Schule, die in dem Viertel hinter der Kirche, fällt sofort durch. Das Sekretariat ist am Telefon noch entgegenkommend, doch an der Klassenzimmertür geben genervte Lehrerinnen abweisend zu verstehen, dass man überflüssig sei. «Das ist immer vollkommen ungünstig», heißt es, als hätten sie ihre Klassen gerade lehrplanwidrig vor den Fernseher gesetzt. Am Ende löst sich unsere Kindergartengemeinschaft völlig auf: Wir schlagen den überraschenderweise zugebilligten Platz an der Wohngebietsschule aus und melden uns in der Bauhaus-Schule im Viertel jenseits Hauptstraße an. Zwei Faxe, einige Briefe hin und her – der Wechsel ist perfekt.
Weil Schulanfänger in Berlin erst nach dem zweiten Septemberwochenende lernen, geht das Kind eine Woche lang nur in den Schulhort. Damit endet für den Sohn ein mehrwöchiges Vagabundieren, da Kindergartenverträge in der Hauptstadt bereits Ende Juli auslaufen. Eine Woche übernahmen ihn die Großeltern in Sachsen, die zweite sprang die Großmutter in Brandenburg ein, dann war zum Glück Familienurlaub.
Bettelnde Hortnerin
Dienstagabend dieser Woche nun stand eine verzweifelte Hortnerin vor den Besuchern des ersten Elternabends, die arme Frau hat ihren zweiten Arbeitstag hinter sich. Sie fand ein Hortzimmer vor, ausgestattet mit Tischen und Stühlen, aber vollkommen frei von Spielzeug oder Arbeitsmaterialien. Die bereit liegenden Gardinen weigere sich der Hausmeister aufzuhängen, weil es nicht in seinem Arbeitsvertrag stehe. Ihre erste Bitte an die Eltern: doch zuhause mal nachzusehen, ob das eine oder andere übrig sei. Und das, obwohl wir monatlich 100 Euro Hortgebühr überweisen werden. Klar, wir haben als Elterngruppe in Wochenendeinsätzen den gesamten Flur des Kindergartens durchdesignt, mehrfarbig renoviert und kindgerecht neu gestaltet. Doch warum müssen wir in diesem Hort jetzt für die die Grundlagen sorgen, das Allernotwendigste, die Basisausstattung? Angesichts der Umstände, lässt sich die Mutter des Sohnes gleich zur Elternvertreterin wählen, um genügend Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten zu sichern.
Dem Sohn gefällt's…
Die daraufhin zur Rede gestellte Hortleiterin rechtfertigt sich mit Krankheitsfällen und rüffelt nach der Elternbeschwerde zunächst die neue Kollegin. Mit Erstaunen erfährt man, dass Mitarbeiterinnen ihre Zimmer ausschließlich durch Elternspenden ausstatten. Für Berlins Bildungssenator Zöllner hat in diesem Fall vor allem die Schulleitung versagt, wie ein Beschwerdeanruf ergab. Am Samstag ist nun Zuckertütenfest – immerhin in der frisch renovierten Bauhaus-Aula, ausgestattet mit neuem Gestühl. Dennoch sitzen wir abends daheim am PC und klicken wieder mal die Webseiten der Freien Schulen Berlins durch, auf der Suche eine Ausweg aus der drohenden Pein. Dann lieber Geld bezahlen und einen längeren Schulweg in Kauf nehmen, als nach sechs Jahren Grundschule festzustellen, dass das Kind im staatlichen Berliner Mangel-System noch immer nicht schreiben lernte. Nächste Woche werden wir die Lehrerin genauer kennen.
Einziger Trost ist unser Sohn selbst: Dem gefällt's bislang. Die Hortnerin findet er nett, das Mittagessen schmeckt. Zuhause hat er den Spielzeugschrank nach Verzichtbarem durchgesehen, wir gaben einen Beutel mit Spielen in der Schule ab. Fehlt dem Spross einfach nur der Vergleich? Sind die elterlichen Sorgen nur unerkannte Ängste, uns von unserem Nachwuchs zu lösen? Wir versuchen, dran zu glauben.
 |  | Foto: dah |
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Netzeitungs-Redakteur Tilman Steffen hat mit seinen beiden Kindern bereits einige Erfahrungen mit verschiedenen Schulen in mehreren Bundesländern gemacht. Sein Sohn lernt ab kommender Woche in einer staatlichen Berliner Grundschule.