Kommentar zum Atommülllager Asse:
«Verharmlost, verschwiegen, vertuscht»
05. Sep 2008 10:17
 |  In Asse lagert radioaktiver Müll | Foto: AP |
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«Ein unfassbares Maß an Schlamperei und Inkompetenz» im Atommülllager Asse kostet die Steuerzahler Milliarden, rechnet
Jörg Michel nach. «Ein gutes Beispiel für die Mär angeblich billiger Atomenergie.»
Die Asse ist ein unscheinbares Fleckchen Erde im östlichen Niedersachsen. Der Höhenzug im Harzvorland hat einen kleinen Naturpark, ausgedehnte Mischwälder und eine Burgruine. Jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien treffen sich in der entlegenen Gegend Kinder aus nah und fern zum traditionellen Sommerzeltlager der Kreisjugendpflege. Ein wenig Landwirtschaft gibt es auch noch und ein paar Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Ansonsten aber ist an der Asse eigentlich nicht viel los. Eigentlich.
Denn die Asse hat mittlerweile zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Der sechs Kilometer kurze Landstrich ist zum Synonym geworden für den verfehlten Umgang dieses Landes mit seinem atomaren Erbe, für einen maßlosen Fortschrittsglauben, für technischen Größenwahn. Das liegt an einem Salzstollen unter dem Asse-Sattel. Dort, in über 700 Metern Tiefe, lagern in einem bislang als Forschungslabor etikettierten Bergwerk 130.000 Fässer Atommüll, 100 Tonnen Uran, neun Kilo Plutonium, achtlos hineingeworfen in Kammern aus Gestein.
Einige Fässer sind durchgerostet, andere wurden bei der Einlagerung beschädigt und trotzdem hineingekippt. Von den Decken strömen jeden Tag zwölf Kubikmeter Wasser in die Stollen, Seen aus strahlender Lauge sammeln sich an, das Gestein bröckelt. Geschieht nichts, wird das gesamte Erdreich schon bald kollabieren - mit nicht absehbaren Folgen für Mensch und Umwelt.
 |  In Asse | Foto: AP |
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Die Öffentlichkeit hat von den schlimmen Zuständen an der Asse erst in den letzten Monaten und nur scheibchenweise erfahren. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel nennt den Schacht Asse II die gefährlichste Nuklearanlage in ganz Europa. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Nicht in den endlosen Weiten Russlands, in der Tiefe der Ukraine oder fern ab am Nordpolarmeer soll womöglich eine der größten nuklearen Zeitbomben dieses Kontinents lagern, sondern nur ein paar hundert Kilometer von Berlin entfernt, im Harz, unter einem unscheinbaren Höhenrücken namens Asse.
Aufziehender Wahlkampf
Nun sind die starken Worte des Umweltministers sicher auch dem aufziehenden Wahlkampf geschuldet. Beim Urnengang im nächsten Jahr geht es immerhin auch darum, wie die künftige Atompolitik dieses Landes aussieht und Gabriel kämpft verbissen für den Atomausstieg. Dennoch kann als sicher gelten: In Asse gab es über Jahrzehnte ein unfassbares Maß an Schlamperei und Inkompetenz. Die Probleme wurden verharmlost, verschwiegen, vertuscht. Kritische Forscher, die schon lange vor den Folgen einer Einlagerung in Asse warnten, wurden mundtot gemacht. Ausnahmslos alle haben sie weggesehen: die Betreiber, die Energieindustrie, die Politik. Das betrifft übrigens auch Sigmar Gabriel. Der hatte als früherer niedersächsischer Ministerpräsident immerhin vier Jahre lang die Rechtsaufsicht über Asse.
Insofern ist es überfällig, dass die Bundesregierung jetzt das unselige Geflecht aus Atomlobbyisten, hörigen Behörden und entrückten Forschern zerschlägt und einen neuen Betreiber einsetzt. Hoffentlich kann es so gelingen, den Schacht so weit zu stabilisieren, zu schließen oder den Atommüll zu bergen, dass davon keine Gefahr mehr ausgeht.
Der Steuerzahler zahlt
Bezahlen müssen die Schlampereien auf jeden Fall die Steuerzahler. Mindestens zwei Milliarden Euro kostet die Bergung der Fässer, von der Beseitigung der Folgeschäden ganz zu schweigen. Asse ist also auch ein gutes Beispiel für die Mär einer angeblich billigen Atomenergie. Seit Mitte der Fünfzigerjahre, als weltweit ein Wettlauf um die angebliche Wunderenergie aus dem Atom einsetzte, hat allein die öffentliche Hand in Deutschland 100 Milliarden Euro in die Erforschung der Kerntechnologie und den Bau von Meilern gesteckt. In den Kassen der Atomwirtschaft haben sich seitdem über 30 Milliarden Euro an Rückstellungen für die Lagerung von Atommüll angesammelt. Und man fragt sich: Warum eigentlich werden im Falle von Asse nicht auch die Energiekonzerne stärker herangezogen, also diejenigen, die am Ende am meisten von den Arbeiten im Schacht profitiert haben?
Experiment gescheitert
Die Vorfälle in Asse werfen auch ein Licht auf das größte Manko der Atomtechnologie: die Endlagerung. Seit dem Einstieg Deutschlands in die Kernenergie haben sich bei uns über 12.500 Tonnen hoch radioaktive Brennelemente angesammelt, die derzeit in provisorischen Hallen nahe den Kernkraftwerken zwischenlagern. Was mit dem strahlenden Müll langfristig passieren soll, weiß niemand. In Asse sollte unter anderem getestet werden, ob sich Salzgestein als so sicher erweist, dass der Abfall dort für viele hunderttausend Jahre deponiert werden kann. Nach nur 30 Jahren kann das Experiment als gründlich gescheitert gelten. Für ein mögliches nationales Endlager in Gorleben - ebenfalls ein niedersächsischer Salzstock - verheißt das nichts Gutes. So lange die Frage der Atommülllagerung aber nicht gelöst ist, verbietet sich jede Diskussion über eine längere Nutzung der deutschen Kernkraftwerke. Auch das sollte uns der Landstrich namens Asse lehren.
[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]