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Wenn Post einfach nur nervt

03. Sep 2008 18:01
Nicht wenig davon ist Werbung: Briefpost
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Direktmarketing ist eine florierende Branche: Jeder zweite Werbe-Euro wird hier ausgegeben. Adress-Sammlungen sind begehrt, je detailreicher, desto wertvoller. Doch manchmal geraten Daten außer Kontrolle.

Nach ihrem Umzug in einen anderen Berliner Stadtteil ließ sich Gudrun Moltke mit neuer Anschrift ins Telefonbuch eintragen. Mittlerweile hatte sie eine Stelle an einer Klinik gefunden, stolz bat sie deshalb auch darum, ihren Beruf Physiotherapeutin in das Verzeichnis mit aufzunehmen. Reine Routine.

Dass schon Wochen später ein erster, an sie adressierter Werbebrief im neuen Briefkasten lag, fand sie noch unbedenklich. Stutzig machte sie jedoch die dann zunehmende Flut von Angeboten, die an sie als Krankengymnastin gerichtet war: Kreditofferten weitgehend unbekannter Banken, Versicherungsangebote, Büroausstattung, Kataloge mit Trainingsgeräten. Als schließlich mehrere Frauen bei ihr anriefen, um sich als Physiotherapeutin in ihrer – gar nicht existenten – Praxis zu bewerben, fragte Moltke nach.

Die Telekom hatte sie nicht nur im pinkfarbenen Telefonbuch, sondern wegen der angefügten Berufsbezeichnung auch noch im Branchenverzeichnis Gelbe Seiten veröffentlicht – dort, wo alle nachschlagen, die eine Physiotherapie-Praxis suchen. Zudem war ihr Datensatz von da ganz offensichtlich in die Pfründe umtriebiger Adresshändler gelangt, was die Werbeflut in Gang setzte.

Dies allein ist kein Skandal. Ganze Branchen handeln deutschland– und weltweit legal mit Namen und Adressen. Dennoch sind die Bürger verunsichert: Der Skandal mit Millionen von aufgetauchten Bankdaten, die unerlaubten Abbuchungen von Privatkonten, die Ausspionierung von Mitarbeitern bei Telekom und Lidl und der Datenklau im Internet schürten die Sorgen der Verbraucher vor einem Missbrauch ihrer persönlichen Daten. Denn hier waren Grenzen der Legalität schnell überschritten: Mit Bankdaten darf in Deutschland keiner handeln.

Woher die Daten kommen

Gudrun Moltke warf die unerwünschte Post in den nächsten Postbriefkasten, versehen mit dem Vermerk «Annahme verweigert» – ohne Erfolg. Sie widersprach per Fax bei der hartnäckig weiter werbenden Direktbank, ohne die Avancen stoppen zu können. Ein Anruf bei der angegebenen Nummer lieferte die Erkenntnis, die Adresse habe man «zur Verfügung gestellt bekommen».

Weil vielen Unternehmen das Sammeln von Adressen zu aufwändig ist, beauftragen sie professionelle Adressverwalter, die frei zugängliche Quellen wie Adressbücher von Gemeinden oder Telefonbuch-CDs auswerten. Detailreichere und somit nützlichere Angaben (auch Beruf, Branche, Personengruppe) liefern dagegen etwa der Handel oder Verlage. Die Personalien in Listenform weiter zu verkaufen, ist erlaubt und weit verbreitet. Noch begehrter in der Werbebranche sind jedoch Datensätze, für die Konsumenten etwa bei Preisausschreiben oder Verlosungen preisgegeben haben, wofür sie sich interessieren oder was sie gern kaufen.

Was man dagegen tun kann

Nicht jeder, der wirbt, muss auch selbst Daten kaufen: Viele Firmen geben ihre Werbepost an Dienstleister, die sie gegen Bezahlung adressieren und an geeignete Adressaten verschicken.

Der Nutzung und Weitergabe seiner Daten kann man widersprechen – theoretisch. Denn meist weiß der Betroffene nicht, wohin an welches Unternehmen er sich wenden muss. Erfolgversprechend ist es nur, möglichst früh wichtigen Quellen wie dem Einwohnermeldeamt und etwa dem Telefonanbieter die Weitergabe zu untersagen.

Das kann jedoch einen sensiblen Umgang mit den persönlichen Daten nicht ersetzen: Wer bedenkenlos an Verlosungen teilnimmt, im Web ungeprüft Newsletter abonniert und auch sonst freizügig Interessen und Vorlieben preisgibt, muss mit reichlich Werbemüll im Postkasten, dem Mailaccount oder gar am Telefon rechnen. Denn verboten sind Anrufe nur, wenn die Zielperson nicht zugestimmt hat.

Mitunter reicht genaueres Hinsehen und Lesen: Die Felder, die anzukreuzen sind, um Werbesendungen zu verhindern, sind oft weit unten versteckt oder der Text daneben ist uneindeutig formuliert. Ist die Adresse erst einmal in Umlauf geraten, kann ein Eintrag in die Robinson-Liste>>> helfen – eine freiwillige Einrichtung der Werbewirtschaft. Die Mitglieder des Verbandes Direktmarketing gleichen ihre Datensammlungen regelmäßig mit den Einträgen in der Liste ab und verschonen die Empfänger fortan. Doch nicht alle Direktwerber sind im Verband.

Gegen Post vom Autohändler, Reisebüro oder beim Versandhaus hilft nur, dort direkt zu widersprechen, schließlich ist man ja Kunde. Allerdings kommt dann der neue Warenkatalog nicht mehr von allein ins Haus.

Für Gudrun Moltke hat sich das Problem erst seit einem erneuten Umzug völlig erledigt. Seitdem herrscht Ruhe im Postkasten.

 
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