02.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Gerhard Schröder
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Altkanzler Schröder sammelt eine Menge Geld für die Arbeiterwohlfahrt und gibt nebenbei Nachhilfe in Weltpolitik. Da er derzeit Strohwitwer ist, kann er mit Blumen gar nichts anfangen.
Als Spendensammler hat sich der blendend aufgelegte Alt-Kanzler Gerhard Schröder beim Benefizabend der Arbeiterwohlfahrt (Awo) International einspannen lassen. Wer bei dem halbstündigen Vortrag samt Buffet am Montagabend dabei sein will, muss 150 Euro für einen guten Zweck hinlegen. Knapp 200 Gäste sind gekommen. «Ich dachte, Ihr wärt längst pensioniert», pflaumt Schröder Berliner Korrespondenten an den festlich gedeckten Tischen an. Was seinen eigenen Rückzug aus der Tagespolitik angeht, verrät er beim Gang durch den Hotel-Festsaal: «Ich habe es nicht bereut.»
Einige Langzeit-Vertraute begrüßt Schröder besonders herzlich. Etwa Wilhelm Schmidt, der als SPD-Parlamentsmanager die Mehrheiten für die Hartz-Gesetze organisierte und der jetzt der Awo vorsteht. Auch Präsidenten-Witwe Christina Rau, der manche noch eine wichtige Rolle in der SPD vorhersagen. Und Ex-SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter, der als Botschafter von Awo International ein paar freundliche Worte spricht. «Botschafter! Klaus-Uwe, auch `ne Perspektive», ruft Schröder seinem alten Kumpel zu.
«Ich bin das gar nicht mehr gewohnt», kokettiert Schröder vor den vielen Kameras, die er aber trotzdem sichtlich genießt. Er bedankt sich mit gespielter Ironie für die Einladung - «nicht, dass ich sonst keine mehr kriege». Ziemlich schnell ist dann er auch bei dem Thema, auf das die Journalisten gewartet haben - der Kaukasus-Konflikt und die Schuldfrage. Er nutzt die Gelegenheit, dabei einige Wahrheiten aus seiner Sicht festzuhalten.
Schwere Fehler kreidet Schröder dem Westen an. Die Aufrüstung Georgiens durch die USA, der Raketenschild in Osteuropa und vor allem die vorschnelle Kosovo-Anerkennung: «Auf Russland musste diese Politik wie eine Einkreisung wirken.» Und der Russland-Versteher weist darauf hin: «Es kommt schon darauf an, fair festzustellen, wer das denn begonnen hat.» Für ihn sei es jedenfalls keine Frage, dass mit dem georgischen Angriff vor drei Wochen die «rote Linie» überschritten worden sei.
Schröder empört sich auch darüber, wie derzeit im Westen mit Blick auf Russland verbal aufgerüstet werde. Das alles erinnere an die Sprache vor dem Irak-Krieg 2003. «Gott sei Dank gehören die gegenwärtig Regierenden bei uns nicht dazu.» Und besonders gilt dieses Kompliment einem politischen Zögling. Richtig stolz könne die SPD darauf sein, wie Frank-Walter Steinmeier in der Krise agiere. Der Außenminister habe im Juli einen Drei-Stufen-Friedensplan vorgeschlagen, der eine friedliche Lösung ermöglicht hätte, wenn auf ihn gehört worden wäre. «Ich weiß, dass die russische Führung ein ernsthaftes Interesse an einer erfolgreichen Vermittlung hatte.»
Schröder kann offen aussprechen, was wohl der Außenminister auch gelegentlich denkt. Kein Geheimnis ist etwa, dass auch Steinmeier die Kosovo-Anerkennung sehr skeptisch sah, aber dabei mitmachte, um einen großen Koalitionskrach zu vermeiden. Den Ritterschlag für Steinmeiers weitergehende SPD-Ambitionen formuliert der Alt-Kanzler diesmal noch vorsichtig. In Berlin wird schon länger darüber spekuliert, wann er offen für Steinmeiers Kanzlerkandidatur Partei ergreifen wird. Den Zeitpunkt dafür sieht er mit Rücksicht auf den Parteivorsitzenden Kurt Beck aber wohl noch nicht gekommen.
Auf jeden Fall signalisiert Schröder nach den langen Urlaubswochen mit der Familie einige Lust, wenigstens hinter den Kulissen wieder etwas mitzumischen. Er sei gerade als «Strohwitwer» für drei Tage in Berlin und viel unterwegs, erzählt er vielsagend. Einen Blumenstrauß reicht er weiter. «Der würde in meiner Bude nur vergammeln.» Ein Paket Kaffee - fair gehandelt aus Südamerika - akzeptiert er nach einigem Zögern als Geschenk. Eigentlich könne er den auch nicht gebrauchen, weil er keine Kaffeemühle in Berlin habe. (dpa)