02.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Fordert die Todesstrafe für Kindermörder: NPD-Fraktionschef Holger Apfel
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Fall der ermordeten Michelle verdichten sich die Anzeichen auf sexuellen Missbrauch. Das mobilisiert die Leipziger Neonazis, die für die Todesstrafe demonstrierten. «Berliner Zeitungs»-Redakteur Andreas Förster war vor Ort.
Die Losung, unter der sich am Montagabend rund 250 Neonazis im Leipziger Stadtteil Reudnitz versammeln, klingt harmlos: «Unsere Kinder - unsere Zukunft». Unter diesem Motto hat das rechte Netzwerk «Freie Kräfte Leipzig» zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Den geplanten Marsch in die Innenstadt hat die Ordnungsbehörde der Stadt verboten.
Den überwiegend schwarz gekleideten Protestierern geht es aber weniger um Bildung und Zukunftschancen für die nachwachsende Generation. Eine Botschaft will man transportieren, die in diesen Tagen eine gewisse Popularität in dem Leipziger Stadtteil genießt.
Es geht um die Todesstrafe für Kindermörder und Pädophile. Zwei Wochen ist es her, dass die achtjährige Michelle aus Reudnitz an der Kreuzung Ost-/Holsteinstraße verschwunden ist. Vier Tage später fand man ihre Leiche in einem nahen Park. Seitdem versuchen Rechtsextreme, den Fall für ihre Ziele zu vereinnahmen.
Allen voran die NPDSo haben sich an diesem Montagabend nicht nur jugendliche Neonazis in Reudnitz eingefunden. Auch mehrere NPD-Landtagsabgeordnete aus Dresden sind gekommen. Ihr Fraktionschef Holger Apfel redet vor den Demonstranten und fordert neben einer bundesweiten Gefährderdatei, in der alle bekannten Sexualstraftäter erfasst werden, auch die Todesstrafe für Kindermörder. Er unterscheidet sich darin leicht von seinen Vorrednern von den parteiunabhängigen «Freien Kräften». Die wollen auch Pädophile auf Marktplätze stellen und hinrichten, wie einer von ihnen ruft.
Mit dabei ist an diesem Abend auch wieder Istvan R., ein Onkel der ermordeten Michelle. R. gehört zu den Aktivisten der Leipziger Neonazi-Szene. Die Eltern von Michelle haben sich von dem Mann distanziert. «Wir wollen mit dem brauen Sumpf nichts zu tun haben», ließ die an einem geheim gehaltenen Ort untergebrachte Familie von ihrer Anwältin erklären.
Die Rechten blieben unter sichDoch auch wenn gestern Abend die Reudnitzer Anwohner einen großen Bogen um die Kundgebung machten und die Neonazis unter sich blieben - die von den Rechten seit zwei Wochen betriebene Todesstrafen-Kampagne tragen viele Bewohner des Viertels mit.
So waren in den Tagen nach dem Leichenfund am Eingang zu Michelles Grundschule mehrere, zum Teil von Mitschülern verfasste Schriftstücke abgelegt worden, in denen die Hinrichtung von Kindermördern gefordert wird. Die Zettel lagen zwischen Blumen und Kuscheltieren, mit denen die Anwohner an das ermordete Mädchen erinnern wollten.
Stadt Leipzig wehrt sichDie Unsicherheit über den Umgang mit den Rechtsextremen und der von ihnen geführten Todesstrafenkampagne hat inzwischen auch zu einem politischen Streit in der Leipziger Politik geführt. Es geht dabei um einen Stein. Diesen Mühlstein wollte eine durch das Bundesgebiet reisende Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen für einige Zeit im Nikolaikirchhof aufstellen. Er trägt als Aufschrift einen Vers aus dem Matthäus-Evangelium: «Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefen des Meeres versenkt würde.»
Die Stadt Leipzig, der das Grundstück an der Nikolaikirche gehört, lehnte die Aufstellung des Mahnmals jedoch ab. Man sehe in der Inschrift «praktisch ein Votum für die Todesstrafe. Das ist gegen das Grundgesetz, deshalb mussten wir ablehnen», begründete SPD-Kulturbürgermeister Georg Girardet die Entscheidung, die von der Leipziger CDU umgehend kritisiert wurde. Ihr Vizechef Volker Schimpff machte sogar indirekt die Rathausspitze für die Aktionen der Rechtsextremen verantwortlich. «Wer liefert denn der NPD den Vorwand für ihre Demonstrationen», fragte er.
Spuren am Kinderfahrrad?Indes fehlt der Polizei auch nach zweiwöchiger Fahndung noch immer die entscheidende Spur zum Täter. Unklar ist, ob mehrere Gegenstände, die Ende voriger Woche bei Durchsuchungen gefunden wurden, mit dem Mordfall zu tun haben. Unter anderem hatten die Ermittler in der Gegend ein blau-rotes Kinderfahrrad entdeckt. Derzeit werde geprüft, ob sich Spuren des getöteten Kindes daran befinden, teilte die Polizei mit. Damit könnte geklärt werden, ob der Täter das Rad als Lockmittel benutzt hat.
[Diesen Autorentext übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]