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Steinmeier auf Sommertour: 

In Kanzlerpose

29. Aug 2008 15:33, ergänzt 15:56
Herr Steinmeier auf Sommertour
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Zwischen Obstgarten und Weltenbühne - Frank-Walter Steinmeier probt auf seiner Sommertour für ein Amt, das er vielleicht gar nicht anstrebt. «Berliner Zeitungs»-Redakteurin Regine Zylka ist mitgereist.

Manchmal scheint er die Welt um sich herum zu vergessen. Das kommt selten vor, doch es gibt solche Momente. Augenblicke, in denen Frank-Walter Steinmeier sich ein wenig anders verhält, als man von ihm gewohnt ist, in denen er kurz wegtaucht aus einem Politikerdasein, das Spontaneität und Gefühlswallungen nicht gestattet.

Der Bundesaußenminister hat sein Jackett abgelegt und sitzt auf dem Schweller eines Feuerwehrautos. An ihn gedrängt stehen ein paar verschwitzte Kinder, vor ihm hat sich eine Traube von Fotografen und Kameraleuten aufgebaut. Steinmeiers Sicherheitsleute kehren der Szenerie den Rücken zu und beobachten in dem unübersichtlichen Gelände mitten im brandenburgischen Belzig die Umgebung.

Die Kinder tragen Schutzkleidung, sie haben rote Helme auf den Köpfen und geschminkte Wunden in ihren Gesichtern. Gerade wurden sie aus einer qualmenden Schuppenruine befreit. Die Freiwillige Feuerwehr hat dem Gast aus Berlin eine Notfallübung vorgeführt, nun posieren die Kinder gemeinsam mit Steinmeier für die Fotografen - eine der vielen menschelnden Szenen, die die Medienexperten der SPD-Zentrale für die Sommertour ihres stellvertretenden Parteivorsitzenden durch Brandenburg vorbereitet haben.

Er sagt nicht viel

Steinmeier lächelt wie immer freundlich. Aber er sagt nicht viel. Der Junge, der auf seinem linkem Oberschenkel sitzt, guckt gelassen in Richtung der Kameras. Als Steinmeier sich nah an sein Ohr beugt und ihm etwas zuraunt, zuckt der Kleine nur mit den Schultern. Steinmeier strahlt, legt den Arm um ihn und wendet sich einem anderen Kind zu. Er stellt eine Frage, die die umstehenden Journalisten nicht hören können. Den Jungen lässt er dabei nicht los. Er hält ihn fest, als wolle er ihn beschützen. Oder als wolle er sich selbst beschützen mit dieser Umarmung. Vielleicht kommt hier ein Mensch zum Vorschein, der trotz der Karriere sein anderes Leben festhalten will.

Gelöste Stimmung bei der Freiwilligen Feuerwehr
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Lukas fand die Situation cool, wie er hinterher behauptet. Kein bisschen peinlich. Wem er da auf dem Schoß gesessen hat, weiß der Achtjährige aber nicht genau. «Unser Minister», sagt er nach kurzem Zögern, und wird dafür von seinem Kumpel zurechtgewiesen. Der hat immerhin mitgekriegt, dass es sich um den Außenminister handelt.

Und was hat der Minister zu Lukas gesagt vor den vielen Leuten? «Na der hat mich gefragt, was ich heute noch mache», antwortet der Junge. Und weil er noch nicht planen konnte für den Nachmittag, hat er eben mit den Schultern gezuckt. Lukas' Mutter lobt, wie nett Steinmeier mit ihrem Sohn umgegangen sei. Schade nur, dass so etwas nicht öfter vorkomme. «Politiker sollten sich sowieso mehr um die Kinder kümmern», sagt sie, «aber das ist wohl zu viel verlangt». Vor allem von einem Außenminister.

Ein ziemlich normaler Vater

Wenn die Mutter von Lukas gewusst hätte, dass Steinmeier nicht nur Außenminister, sondern auch Vater ist, hätte sie vielleicht anders geredet. Noch dazu ein ziemlich normaler Vater. Wenn es sein Terminkalender zulässt, steigt er schon mal in seinen schwarzen VW-Touran und holt seine Tochter von der Schule ab. Auch ihre Freundinnen nimmt er dann gerne mit und fährt die Bande Zwölfjähriger nach Hause. Es kommt sogar vor, dass Steinmeier und seine Tochter aufs Fahrrad steigen und Nachbarn besuchen - ohne einen Sicherheitsbeamten in der Nähe zu wissen. «Er versucht offenbar, ein möglichst normales Leben zu führen», erzählt ein Bekannter Steinmeiers aus Berlin-Zehlendorf, der den Außenminister bei einem Elternabend in der Schule kennengelernt hat.

Dass das Normale wenig Platz hat in seinem Leben, zeigt Steinmeiers Landpartie durch Brandenburg. Die internationalen Krisenherde beschäftigen ihn, wo er auch er Station macht in dieser Woche. Ob im Obstgarten von Gut Schmerwitz oder auf der Skate-Arena von Jüterbog - immer wieder zieht Steinmeier sich mit seinen Mitarbeitern zurück, immer wieder greift er zum Telefon.

Wirkung der Geste einkalkuliert

Einmal schlendert er vor laufenden Kameras unter einen Apfelbaum, in der einen Hand das Handy, die andere Hand legt er lässig an den Baumstamm. Der norwegische Außenminister ist am Apparat. Das ist kein spontaner Anruf, der Gesprächstermin stand schon länger fest, erzählen Steinmeiers Leute. Wenn man ihre Mine richtig deutet, haben sie die Wirkung der Geste einkalkuliert. Der Vizekanzler, der sogar von einem Bauernhof aus in das Weltgeschehen eingreift - eine perfekte Kanzlerpose.

Telefonat in der Natur
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Auch die Entschuldigung, der Minister müsse im Auto bleiben und telefonieren, kommt ein wenig zu häufig von seinen Mitarbeitern. Die mitreisenden Journalisten wissen nur zu gut, dass ein Außenminister immer im Dienst ist. Sie brauchen solche Hinweise nicht.

Steinmeier selber inszeniert sich gelassen, zumindest äußerlich. Als sei der Ausflug nach Brandenburg ein willkommenes Ferienerlebnis.

Irgendwas passiert ständig

Nichts scheint ihn unter Druck zu setzen, weder die Kaukasus-Krise noch der Anschlag in Kundus, bei dem am Mittwoch ein Bundeswehrsoldat ums Leben gekommen ist. Wiederholt stellt er sich vor die Kameras und gibt diplomatische Statements ab. Natürlich hätte er die Reise lieber unter anderen Umständen gemacht, sagt Steinmeier später. Die Erfahrungen der letzten Jahre hätten ihn jedoch eines besseren belehrt. Irgend etwas passiere ständig auf der Welt. Das gehöre nun mal zum Geschäft. Steinmeier muss das so sagen, schließlich beschäftigt seine Begleiter noch etwas anderes als internationale Krisenherde.

Bei der Sommertour geht es auch um die Innenpolitik, um die Krise seiner Partei. Irgendwann in den nächsten Wochen wird sich herausstellen, ob der «starke Mann hinter der Kanzlerin», wie ihn ein CDU-Mann auf dem Erlebnishof in Werder begrüßt, selber Kanzler werden will. Hier in Brandenburg muss er also schon mal zeigen, dass er trotz seines Amtes ein guter Kanzlerkandidat wäre. Zweifel kontert er mit dem Satz: «Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann hat es auch in der Vergangenheit Außenminister gegeben, die Wahlkampf gemacht haben».

Vage Andeutungen

Dass die Entscheidung in der SPD bereits gefallen ist, sagt er damit nicht. Ob Steinmeier tatsächlich als Herausforderer von Angela Merkel antreten will, oder ob er sogar schon eine geheime Absprache mit seinem Parteichef Kurt Beck getroffen hat, ist aus Steinmeier nicht herauszulocken. Die Sozialdemokraten geben eben gerne Rätsel auf im Moment. Nicht nur Franz Müntefering gefällt sich darin, die Partei und die Öffentlichkeit über seine Ziele im Unklaren zu lassen.

Wer wird Kanzlerkandidat?
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Wie von seinem Vorgänger im Vizekanzleramt abgeguckt, macht Steinmeier mitunter vage Andeutungen. Auf der Skate-Arena von Jüterbog entschuldigt er sich, seine Rollschuhe zu Hause gelassen zu haben. «Aber ich schwöre, ich kann es», fügt er hinzu, und natürlich bezieht sich das auf seine Skating-Künste. Aber wie Steinmeier kichert über seinen Scherz, kann er auch seine Kanzlerkandidatur gemeint haben. Das gleiche gilt für eine Szene auf der Burg Eisenhardt in Belzig, wo die Reisegruppe zum Mittagessen einkehrt. Einer Frau auf der Terrasse, die Steinmeier «Wir setzen auf Sie» zuruft, antwortet er: «Sie können sich auf mich verlassen.»

Steinmeier steht im Verdacht, sich nicht entscheiden zu können. Viele Sozialdemokraten zweifeln daran, dass er die Last wirklich auf sich nehmen möchte. Oder dass er um die Kandidatur kämpfen würde, wenn Kurt Beck es wider Erwarten selber machen will. Er habe schon zu lange gewartet, schreiben Leitartikler, die in Steinmeier den richtigen Kandidaten sehen. Wie sein Förderer Gerhard Schröder müsse er endlich an den Gittern des Kanzleramts rütteln. Zeigen, dass er Machtwillen besitzt. Sie interpretieren sein Zögern als Zeichen dafür, dass er die Verantwortung für die Rettung der SPD scheut.

Es könnte bald zu spät sein

Wer mit Vertrauten Steinmeiers spricht, gewinnt einen anderen Eindruck. Zwar scheint sich auch bei ihnen eine gewisse Ungeduld breit zu machen. Und die Sorge darüber, dass die parlamentarische Sommerpause keine Entspannung gebracht hat. Die schlechten Umfragewerte der SPD haben sich durch die Querelen um Wolfgang Clement und Andrea Ypsilanti sogar noch verfestigt. Doch Steinmeier ist nicht in der Position, eine Entscheidung herbeizuführen, wissen seine Leute. Schließlich ist Beck der Chef. Er hat das Vorschlagsrecht.

Dabei war schon im Frühjahr allen klar, dass Beck kein erfolgversprechender Kanzlerkandidat wäre. Seither sind viele Monate verstrichen, in denen sich daran nichts geändert hat. Fällt nicht bald eine Entscheidung, dann könnte es zu spät sein für den Vizekanzler. Dann hätte er kaum noch Zeit, aus dem Diplomaten einen Wahlkämpfer zu machen. Einen Sozialdemokraten mit eigenem Profil. Dann liefe alles auf Kurt Beck hinaus.

Weil die Steinmeier-Fans es immerhin für möglich halten, dass sich der Parteichef selber zum Kanzlerkandidat ausrufen will, versuchen sie nun, den Druck auf Beck zu erhöhen. Bis Weihnachten soll alles klar sein, sagt sogar Frank-Walter Steinmeier. Seine Unterstützer meinen, es müsse schneller gehen. Wie es auf dieser Sommerreise aussieht, scheint Steinmeier ihre Unruhe nicht zu teilen.

[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

 
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